Meine Freundin wurde vom Ex vergewaltigt, soll ich gegen ihn vorgehen?

Hallo Beatrice,
Ich, oder besser wir haben ein Problem: Ich habe eine Freundin, die ich über alles liebe, aber sie wurde von ihrem Ex vergewaltigt. Sie war damals (vor ca. 1 1/2 Jahren) mit ihm zusammen, kannte ihn schon länger und hatte deswegen auch ziemlich viel Vertrauen zu ihm. Sie war noch Jungfrau und wollte eigentlich gar nicht, das erste Mal war sie bei ihm daheim und kannte in der Umgebung keinen, er hat sie mit Sprüchen wie „stell dich nicht so an“ und „jetzt hab dich nicht so“ dazu gebracht, das zu tun, was er will. Ich weiß nur, dass sie sich anfangs gewehrt hat, er aber immer hartnäckiger wurde, bis sie einfach keine Kraft mehr hatte sich zu wehren, also hat sie es über sich ergehen lassen.
Das ganze ist mindestens zweimal hintereinander passiert, und bei seinem letzten Versuch hat sie ihm in den Schritt getreten und wollte ihm eine scheuern, aber er hat nur ihre Hand festgehalten und sie ausgelacht, ist von ihr runter gestiegen, zu ihrem Vater gegangen und hat ihm gesagt: „Ihr nächster Freund wird sie auch nur vögeln wollen“.
Nun, ich bin ihr nächster Freund. Von mehr weiß ich nicht, hab es selbst herausgefunden, durch Kommentare und ihr Verhalten. Als ich sie dann dezent drauf angesprochen hab, ist sie in Tränen ausgebrochen und da wollte ich nicht weiter drauf eingehen, um ihr nicht noch mehr wehzutun. Ich bin der Einzige, der es weiß, sie hat Angst, es noch jemand anderes zu sagen oder ihn anzuzeigen, weil sie nicht will, dass irgendwer etwas mitbekommt.
Als wir dann das erste Mal miteinander geschlafen haben, hab ich gemerkt, dass ich sie (zumindest rein körperlich) entjungfert habe und er anscheinend nicht tiefer in sie eindringen konnte, weil sie damals „dicht“ gemacht hat. Unser Sex leidet darunter sehr, es ist immer so, dass sie sich ganz und gar fallen lassen kann, bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich in sie eindringe, sei es nun mit dem Finger oder mit dem Penis, da merke ich meist sofort, dass sie Schmerzen hat, und dann ist die Sache für mich gelaufen, weil ich ihr nicht wehtun will. Zu dieser Situation hab ich jetzt folgende Fragen:
1. Ich weiß nicht, wie ich mich gegenüber ihren Eltern, besonders ihrem Vater, verhalten soll, sie wissen beide nichts von uns, obwohl wir nun schon fast ein Jahr zusammen sind. Ich möchte so gern einfach eine normale Beziehung führen, in der ich auch von ihrer Familie und ihren Freunden als Freund angesehen werde. Ich kann sie nicht dazu zwingen, endlich zu mir zu stehen, aber ich kann so auch nicht weiter machen. Solche Fragen von ihrer eigenen Schwester wie z.B. warum sie eigentlich mit dem Peter (der in Wirklichkeit nur ein guter Kumpel von ihr ist) zusammen ist und nicht mit mir, oder diese Kommentare, wenn ich mit ihr zusammen irgendwo bin à la „Ach ihr zwei seid so ein süßes Paar“ oder „Ihr könnt euch ja heut noch ne schöne Nacht machen“ (ich hab noch nie bei ihr schlafen dürfen -> bin ganz offiziell ja auch nicht ihr Freund), das alles setzt mir immer sehr zu! Am liebsten würde ich mal mit ihren Eltern über all das reden, aber dazu müsste ich die Karten auf den Tisch legen, die sie schon die ganze Zeit verbergen will.
2. Wüsste ich gern, was ich für sie tun kann, sie möchte ja auch gern Sex mit mir, das klappt eben immer nur so lang, bis ich in sie eindringe; ich lass ihr immer die Kontrolle; sobald ich merke, dass ich ihr weh tue, bin ich sofort aus ihr draußen. Sie weiß auch, dass ich sofort aufhöre, sobald sie „Stop“ sagt (und davon macht sie oft Gebrauch – soll sie ja auch), egal wie sehr ich in Fahrt bin. Sie macht sich danach immer fürchterliche Vorwürfe, dass alles ihre Schuld wäre und sie keine gute Partnerin für mich wäre, obwohl ich ihr schon oft gesagt hab, dass Sex für mich kein Leistungssport, mit dem Ziel möglichst schnell zu kommen, ist. Ich versuche so zärtlich wie nur irgend möglich zu sein und würde wirklich lieber komplett auf den Sex verzichten, wenn ich ihr nur weh tue. Ich weiß einfach nicht, was ich noch tun kann, um ihr wieder in ein normales Sexualleben zu verhelfen.
Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie das niemals ganz verarbeiten wird und immer wieder Angst haben wird, aber irgendwie muss man das doch zumindest in Grenzen halten können? Wir haben doch sonst so ein schönes Sexleben, erkunden unsere Körper immer wieder gegenseitig, probieren alles gemeinsam aus und sprechen immer ganz offen und ehrlich all unsere Wünsche und Ängste, ohne uns großartig voreinander zu schämen.
3. Was kann ich sonst noch tun? Kann man gegen diesen Kerl irgendwie vorgehen und dabei anonym bleiben? Wie kann ich ihr die Kraft geben, die sie braucht?
Ich möchte etwas für sie tun, egal was es mich kostet, denn ich liebe sie wirklich über alles und wir wissen (nicht glauben!) auch beide, dass das mit uns was wirklich Festes ist, wir haben Vorstellungen von einer gemeinsamen Zukunft, aber all das vernebelt uns die Sicht darauf.
Manuel (26)

Lieber Manuel,
du hast viele gute Absichten, aber in zwei Sachen musst du dich komplett zurückhalten und die Entscheidung ihr überlassen:
1) Geh auf keinen Fall eigenmächtig zu ihren Eltern, um dich vorzustellen oder sowas. Das würde sie dir sehr übel nehmen. Sag deiner Freundin, dass es dir weh tut, dass sie noch nicht zu dir steht, aber lass sie das dann selbst entscheiden.
2) Thema “ihren Ex anzeigen”: Es würde sehr sehr schwer werden nachzuweisen, dass er sie wirklich vergewaltigt hat, denn sie ging ja nicht direkt danach zur Polizei und daher gab es auch keine Spuren oder Beweise. Ein Wiederaufrollen und ein Prozess könnten deiner Freundin möglicherweise mehr Schaden als Gutes zufügen, denn sie müsste sozusagen öffentlich ihre intimsten Dinge preisgeben. Und wahrscheinlich käme es nicht mal zu einer Verurteilung, aus Mangel an Beweisen. Ansonsten (außer einer Anzeige) ist es schwierig, gegen ihn vorzugehen. Aber vielleicht ließe sich herausfinden, ob er mit anderen Mädchen auch so umgeht. Dann hätte man bessere Handhabe gegen ihn.
Was du machen kannst (oder deine Freundin), ist, mal vertraulich mit jemand von der Polizei zu sprechen, der/ die mit Sexualdelikten betraut ist. Die Polizei respektiert es, wenn ihr keine Anzeige erstatten wollt, aber sie können im Computer nachsehen, ob dieser Typ schon aktenkundig geworden ist. Je mehr Vermerke er in der Richtung bekommt, desto enger wird es für ihn. Ich fände das sehr mutig von euch, denn eigentlich darf so jemand nicht ungestraft davonkommen und kann das dann noch anderen Mädchen antun.
Du meinst:
“Ich bin mir ziemlich sicher, dass sie das niemals ganz verarbeiten wird und immer wieder Angst haben wird” – das kann man so nicht sagen. Viele Frauen kriegen es im Lauf der Zeit und durch eine Mischung aus Mut und guten Erfahrungen doch bewältigt, und noch mehr Frauen schaffen es mit Hilfe psychologischer und/oder therapeutischer Betreuung. Was ihr beide daher auf jeden Fall tun solltet, ist: Eine Beratungsstelle für missbrauchte Mädchen und Frauen in eurer Nähe finden (z.B. über www.dajeb.de) und zusammen hingehen für ein erstes Gespräch. Deine Freundin braucht eine Therapie – das ist nicht weiter wild, es wird nur sehr einfühlsam mit ihr gesprochen und sie erlernt, wie sie mit dem Erlebten besser umgehen kann. Vielleicht hilft es ihr, wenn du beim ersten Mal mitgehst.
Wie du im Sexuellen mit ihr umgehst, halte ich für einen guten Weg. Bleib weiterhin so liebevoll. Wenn sie die passende Hilfe von so einer Beratung bekommt, werdet ihr wieder einen Schritt nach vorn machen.
Alles Gute,
Beatrice Poschenrieder