Meine Schwester wurde vergewaltigt – soll ich´s meinen Eltern sagen?

Hi Beatrice,
habe ein echtes Problem.
Vor 5 Wochen erzählte mir meine Schwester (Carla, 19) unter Tränen, dass sie im August von einem Bekannten vergewaltigt worden wäre. Mich schockte das unheimlich, habe aber schon so etwas vermutet, da sie sich in den letzten Wochen sehr verändert hatte (sie isst sehr wenig, hat oft verweinte Augen, liegt lange wach, hatte Kratzspuren an Armen und Schenkeln etc).
Sie flehte mich an niemandem davon zu erzählen, da sie es allein schaffen will und nur noch etwas Zeit brauche.
Ich wollte wissen, wer es war und wie es passiert ist. Wer es war, verschwieg sie mir, sie meinte nur, es wäre jemand, der sie schon immer verehrt hat. Sie erzählte mir, dass es auf einer Party war, dass der Kerl sehr betrunken war und sie abfing, als sie zu ihrem Auto lief. Er muss versucht haben, in sie einzudringen, schaffte das aber wegen seines Alkoholspiegels nicht wirklich. Sie meinte, er hätte seine schmutzigen Finger in sie gedrückt und ihr den Mund zugehalten.
Mir kamen wirklich die Tränen und ich weiß jetzt nicht, was ich machen soll. Soll ich es meinen Eltern sagen?
Carla hat einen Freund, der mich auch schon fragte, was los sei. Sie wäre so seltsam und in sich gekehrt. Wie kann ich es erzählen, ohne dass Carla sich verarscht fühlt? Soll ich es in Kauf nehmen, dass Carla sauer sein könnte? Ihr Freund sollte es doch auch wissen.
Würde mich über ein paar Ratschläge freuen.
Liebe Grüße, Isabell (17)

Liebe Isabell,
ich verstehe sehr gut, dass du ihr helfen willst, indem du sozusagen das Sprachrohr zu den anderen übernimmst. Aber das wäre wahrscheinlich der falsche Weg. Deine Schwester hätte dann das Gefühl, du würdest ihr Vertrauen missbrauchen. Und außerdem könnten die anderen mit der Vergewaltigung wahrscheinlich ebensowenig umgehen wie sie. Das heißt, ihre seelische Notlage würde sich erst mal noch verschlimmern.
Du bist die einzige, der sie sich anvertraut hat, also bist du auch die einzige, auf deren Hilfe sie zählt. Das bedeutet zweierlei: erstens, du musst ihr beistehen, zweitens, du musst dies wohlüberlegt und sehr sensibel tun. Deine Schwester ist in ihrem intimsten Bereich verletzt worden, und sie möchte auf keinen Fall, dass es an die Öffentlichkeit gezerrt wird. Das musst du erst einmal akzeptieren. Auf der anderen Seite hast du jetzt die Rolle der Trösterin und des seelischen Beistandes, und das verlangt Stärke und Geduld, auch wenn deine Schwester in der nächsten Zeit launisch oder sogar einmal abweisend sein sollte.
Was du ihr unbedingt (aber vorsichtig!) klar machen musst, ist, dass sie es wahrscheinlich nicht alleine (in Eigenregie) schafft, dieses schreckliche Erlebnis zu verarbeiten. Dazu sind die Symptome, die sie jetzt zeigt, zu stark. Sie braucht Hilfe von einer Person, die in der Thematik erfahren ist und der sie sich ganz anvertrauen kann. Ich persönlich kann das nur teilweise leisten, denn ich hab da nur ein bisschen Erfahrung. Besser wäre es, sie fände eine Beratungsstelle in der Nähe, wo sie eine intensive Beratung (telefonisch oder persönlich) erhalten kann. So eine Stelle kannst du ihr suchen und ihr behutsam vorschlagen, sich dorthin zu wenden. Oder du sagst mir, wo ihr wohnt, und ich suche eine Stelle. (Wird vertraulich behandelt!)
Ich denke, es ist auch okay, wenn du ihr sagst, dass du mir geschrieben hast und ihr versicherst, dass ich alle Briefe vertraulich und anonym behandle, die Namen ändere etc.
Dann könntest du mit ihr zusammen ähnliche Briefe auf meinen Seiten lesen; darin erfährt sie, dass sie keine Schuld an der Vergewaltigung hat; wie sie evtl. damit umgehen kann; und wie sie eine Beratungsstelle findet.
Hier in der Sexberatung unter der Rubrik “Missbrauch” findet ihr u.a. diese Briefe:
* Vergewaltigt: Angst vor Aids, Müdigkeit, Lustlosigkeit
* Wieso kann ich nicht mit ihm schlafen, obwohl er mit der Vergewaltigung nichts zu tun hatte?
* Ich wurde zweimal sexuell belästigt – bin ich dran schuld?
* Meine Liebste wurde vergewaltigt – daher so verkrampft im Bett?
* Meine Freundin hat einen sexuellen Missbrauch hinter sich
und viele andere!

Natürlich kann sie mir auch gern selbst schreiben. Ich bin auch kein „Team“, sondern eine Therapeutin und Buchautorin (siehe auch www.liebesberaterin.de).
Alles Liebe
Beatrice Poschenrieder

Liebe Beatrice!
Habe meiner Schwester gesagt, dass ich dich um einige Tipps gebeten habe usw. Sie fasste dies ganz gut auf und meinte, dass sie es schön fände, dass ich mich bemühe und mich so um sie kümmere. Als ich merkte, dass sie gerade ziemlich gefasst war, was dieses Thema betraf, fragte ich sie, wieso ich die einzige bin, der sie es erzählt hat. Sagte auch gleichzeitig, dass es bei mir vertrauensvoll behandelt wird und ich niemand davon erzählen werde. Sie war darüber sehr froh und meinte eben, dass sie Angst habe, dass unsere Eltern sie zu sehr bemuttern (das möchte sie nicht) oder dass die Beziehung zu ihrem Freund leidet. Wir redeten noch etwa 10 min und dann merkte ich, dass es ihr zu viel wird und wechselte dann vorsichtig das Thema.
Ich werde mich nach einer Beratungsstelle erkundigen und ihr dann auch diesen Vorschlag machen. Ich bin da deiner Meinung und denke auch, dass sie es nicht allein schafft, selbst mit meiner Hilfe. Kenne mich da halt auch nicht so genau aus und da bräuchten wir schon profesionelle Hilfe.
Danke nochmals für deine Antwort 🙂
Isabell