Ich habe Angst vor Männern, vor Sex und ständige Albträume von Besudelung

Ich habe merkwürdige Träume vom Beschmutzt-Werden, wurde ich missbraucht?

Liebste Beatrice,
ich fühl mich, als sei ich verrückt. Dabei weiß ich nicht einmal genau, warum ich so merkwürdig drauf bin. Erzähl mir bitte nichts von Hormonhaushalt, wenn ich dir gleich von mir erzähle. So´n Mist hat mir eine Telefonseelsorgerin schon erzählt.
Obwohl ich erst 17 bin, hab ich zum Beispiel sowas wie Torschlusspanik. Ich bin Jungfrau und immer noch ungeküsst (wie peinlich!). Dabei sehe ich eigentlich recht passabel aus (weibliche Rundungen, gepflegtes Erscheinungsbild).
Aus dümmlicher Verzweifelung habe ich sogar schon auf einer Singlebörse nach einem Mann gesucht: das erste Mal ist ein Typ nicht aufgetaucht, das zweite Mal bekam ich kalte Füße. Mit einem hatte ich dann vor kurzem Telefonsex. Er sprach davon wie er mich p*ppt und stöhnte, ich schwieg fast nur. Das hat mich so angewidert und geekelt, dass ich danach Ewigkeiten geduscht habe und mich mehrmals übergeben musste. Das allein sollte schon beweisen, dass ich in die Klapse gehöre. Aber da sind noch andere Sachen.
Wenn Männer, besonders Männer, denen ich eigentlich vertraue und die ich mag und gern habe, mir zu Nahe kommen oder ich allein mit ihnen im selben Zimmer bin, leide ich unter starker Angst. Es ist dann, als wollte er mich in diesem Augenblick ertränken, selbst wenn er mich freundlich anlächt. Dabei weiß ich nicht einmal, was mir Angst macht. Warum fürchte ich mich?

Wenn ich erregt bin und onaniert habe, bin ich nach dem Orgasmus sehr reizbar, missgelaunt und empfinde Ekel und Scham vor mir selbst.
Empfindet das jeder?

Grausam sind auch die Träume, unter denen ich leide. Sie besuchen mich fast jede Nacht. Das klingt jetzt vielleicht abgedroschen und bescheuert, aber ich weiß nicht wie ich es anders verdeutlichen soll.
Also stell dir eine weiße Blume vor. Das ist die Unschuld, die reine Unschuld und das Schönste auf der Welt, diese Blume bedeutet dir alles, sie ist unglaublich wichtig (oder stell dir vor, du bist diese Blume). Und jetzt stell dir ein riesiges Gewicht vor, das auf die Pflanze fällt und sie vernichtet. Oder vielleicht treffender: radioaktiver Giftmüll gemischt mit Gülle, der über sie drüber läuft und besudelt. Immer wenn ich dann aufwache, bin ich schweißgebadet und heule. Danach gehe ich meist (je nach Intensität des Traumes) kotzen und duschen oder nur duschen. Es ist ein abscheuliches Gefühl. Darum bekomme ich auch zu wenig Schlaf.
Woher kann so was kommen? Was kann ich dagegen machen? Oder sind solche ständigen Alpträume normal?

Was auch nervtötend ist (vor allem für andere): ich leide unter extremen Stimmungsschwankungen. Von himmelhoch jauchzend kann ich in einer Sekunde in tiefste Depression verfallen und heulen oder ohne Grund agressiv und wütend sein. In der Schule verhalte ich mich still und lese fast die ganze Zeit, da ich festgestellt habe, dass Lesen mich vergessen lässt.
Hab ich sowas wie Schizophrenie oder eine gespaltene Persönlichkeit?

Was mir auch merkwürdig vorkommt, ist, dass ich erst ein einziges Mal verliebt war (so etwa mit 7 bis 8 in meinen angeheirateten Cousin). Ansonsten nie. Nicht mal Schmetterlinge oder Kerle/Frauen, die ich toll finde. Von den andern Mädchen hört man dauernd, in wen sie verknallt und von wem sie träumen.
Bin ich vielleicht unfähig zu lieben?

Warum bin ich so komisch? Man sagt mir immer, ich sei als kleines Kind nie menschscheu und kontaktunfreudig gewesen, aber nun bin ich Einzelgänger und habe sowas wie eine soziale Phobie, glaub ich. Warum sind alle außer mir normal?
Bitte hilf mir
Keila (17)

Liebe Keila,
ich halte dich kein bisschen für verrückt, und es liegt mit Sicherheit auch nicht an den Hormonen. Die Telefonseelsorgerin hat offenbar verdammt wenig Ahnung.
Erst zu deinen Fragen:
“Sind solche ständigen Alpträume normal?”
Nein.

“Wenn ich erregt bin und onaniert habe, bin ich nach dem Orgasmus sehr reizbar, missgelaunt und empfinde Ekel und Scham vor mir selbst. Empfindet das jeder?”
Nein, nur ganz bestimmte Menschen (die sexuelle Handlungen mit etwas sehr Negativem verknüpfen).

“Hab ich sowas wie Schizophrenie oder eine gespaltene Persönlichkeit?”
Ich glaub, nicht wirklich. Mit deiner nächsten Frage kommen wir näher zum Kern:

„Warum fürchte ich mich?“
Erschrick jetzt nicht, aber alles, was du erzählst, deutet darauf hin, dass du in deiner Kindheit etwas ziemlich Schlimmes in Bezug auf “Mann” und “Sex” erlebt hast. Etwas, was ekelhaft, schmerzhaft und beängstigend für dich war. Daher auch die Angst vor Männern. Dein Traum deutet darauf hin, dass es ein großer und (in Relation zu dir) viel schwererer Mann war.
“radioaktiver Giftmüll gemischt mit Gülle”: Kann sein, dass damit gemeint ist: erstens Sperma, zweitens, der Mann schwitzte und roch eklig; möglicherweise war auch noch Urin oder Kot im Spiel, oder Spucke plus Mundgeruch, oder übel riechendes Sperma.

Sehr viele Menschen, die einen Missbrauch erleben mussten, haben die Erinnerung daran völlig ins Unbewusste abgedrängt. Auch das ist normal, denn es ist für die Betroffenen ein Weg, um seelisch zu überleben. ABER: das Erlebte wütet in der Seele herum und bewirkt eine Reihe von Symptomen: Hemmungen und Ängste (ja sogar Panik) gegenüber Männern, schlimme Träume, Depressionen, Launen, Probleme beim Konzentrieren, Probleme mit Sexualität, Misstrauen u.ä.
Da diese Symptome deinem Glück und einem erfüllten Leben im Weg stehen, ist es nötig, den Missbrauch mit Hilfe einer Therapeutin hervorzuholen und zu verarbeiten. Das ist mühevoll und oft schmerzhaft, aber letztlich ist es 100mal besser als ein Leben lang mit den oben genannten Problemen kämpfen zu müssen. Je früher, desto besser, denn wenn so etwas zu lange nicht bearbeitet wird, kann sich nach 15, 20 Jahren tatsächlich eine schwerere psychische Störung entwickeln.

Bitte geh nochmal auf meine Beratungsseite und geh die Rubrik “Missbrauch” durch – dort findest du viele Briefe bzw. Beiträge zu dem Thema. Einige davon enthalten Tipps, wie du am besten an eine anonyme, kostenlose Beratung kommst, wo du dann auch konkrete Empfehlungen in Sachen Therapie kriegst.

Alles Liebe und Gute!
Beatrice Poschenrieder

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