Als Kind missbraucht, bringt eine Therapie überhaupt noch was?

Liebe Beatrice,
ich wurde als Kind über mehrere Jahre von einem nahen Verwandten missbraucht. Zuerst bin ich irgendwie damit klargekommen bzw hatte es ganz gut verdrängt, aber es ist alles wieder hoch gekommen, als mein erster Freund mit mir schlafen wollte. Ich habe mich von ihm getrennt, weil ich es nicht aushalten konnte zu wissen, dass er mit mir schlafen will. Ich hatte panische Angst davor. Ich konnte ihn auch nicht streicheln oder so. Ich habe ihm erzählt, was mir passiert ist, aber sehr verständnisvoll hat er nicht reagiert.
Später bin ich auch mal vergewaltigt worden.
Seitdem sind ein paar Jahre vergangen. Seit einigen Monaten bin ich in einer neuen Beziehung und eigentlich ganz zufrieden. Ich habe zwar schon ein paarmal mit meinem Freund geschlafen, aber es macht nicht richtig Spaß. Ich bin immer total verkrampft und bringe es nicht über mich, ihn zu streicheln. Sobald er andeutet, dass er mit mir schlafen will, muss ich innerlich seufzen. Ich habe lange überlegt, ob ich ihm von meiner Vergangenheit erzählen soll, habe es vor kurzem auch gemacht. Er hat total lieb reagiert, versteht auch meine Zurückhaltung.
Ich merke aber, dass er darunter leidet, dass ich mich immer verkrampfe usw.. Wir haben darüber gesprochen und er sagte, er wäre total unsicher und wüsste nicht, wie er mich anpacken soll, weil er nicht riskieren will, dass mir alles wieder hochkommt.
Ich leide darunter, weil ich ihm gerne entgegenkommen würde, aber ich schaffe es einfach nicht. Ich blocke immer öfter ab. Ich liebe ihn und möchte, dass er zufrieden ist. Was soll ich machen? Ich habe schon überlegt ob ich eine Therapie machen soll, konnte mich aber nicht überwinden. Das ganze ist ja auch schon ca 15 Jahre her, also frag ich mich eh, ob eine Therapie überhaupt was bringen würde.

Es fällt mir nicht leicht darüber zu reden, aber ich weiß einfach nicht mehr weiter. Was kann ich machen? Bitte hilf mir.
Lilli (20)

Sexueller Missbrauch in der Kindheit wirkt sich auch aufs Erwachsenenleben aus

Ich wurde schon als kleines Kind missbraucht, nützt eine Therapie als Erwachsene überhaupt was?

Liebe Lilli,
es tut mir immer sehr weh, Briefe wie den deinen zu lesen, und ich möchte dir zuerst einmal sagen, dass es ganz logisch ist, wie deine Seele und dein Körper auf solch schlimme Erlebnisse reagieren. Und ich finde es gut, dass du den Mut gefunden hast, es deinem Freund und auch mir zu erzählen. Verständlich ist auch, dass er jetzt verunsichert ist. Am besten wäre es, wenn du ihm hilfst. Und zwar indem ihr beide lernt, bei der Intimität in einen intensiven Dialog zu treten – das heißt: viel reden, auch während der Aktion. Hab keine Hemmungen, ihm zu sagen, was du möchstest und was nicht und was er tun soll.
Ich möchte dich auch dazu ermutigen, dich an eine Fachperson zu wenden.
Natürlich nützt dir eine Therapie, auch 15 Jahre später. Du hast ja auch heute noch die Ängste und Blockaden, die damit zusammenhängen, das heißt, der Missbrauch ist noch deutlich präsent in dir – also kann und muss er bearbeitet werden. Und glaub mal nicht, dass sich das im Lauf der Zeit “gibt”. Tut es nicht.
Neulich hatte ich ein längeres Telefonat mit einer Therapeutin von einer Beratung für missbrauchte Frauen. Sie sagte mir unter anderen, dass sie längere Zeit in der Psychiatrie einer Klinik (also die ziemlich harten Fälle) gearbeitet hat und dass sie dort festgestellt hat, dass sehr viele Frauen, die einen Missbrauch in ihrer Kindheit nie richtig
bearbeitet haben, ab ca. Ende 30 schwere neurotische Störungen entwickelt haben, die nur noch schwer therapierbar sind. Je eher eine Frau an ihre Altlasten rangeht, desto besser.

In vielen der Anfragen zum Thema Missbrauch gebe ich den Rat, dass Betroffene sich zuerst einmal an eine anonyme Beratungsstelle wenden sollen. Dort kriegt man dann gezielte Infos, die einem weiterhelfen, den richtigen Ansprechpartner zu finden.
Bitte gib hier ins Suchfensterchen den Begriff “Missbrauch” ein – dann wirst du viele Briefe zu dem Thema erhalten (schau bitte auch ganz unten bei “Verwandte Beiträge”). Einige davon enthalten Tipps, wie du am besten an so eine Beratung kommst – ruf bei einer (oder besser mehreren) dieser Stellen an!
Trau dich! Es wird dich auf jeden Fall weiterbringen.
Alles Gute
Beatrice Poschenrieder