Meine katholische Freundin lehnt Verhütungsmittel ab

Sehr geehrte Beatrice,
meine Freundin ist 19 Jahre alt und katholisch, und damit fängt mein Problem auch schon an:
Wir möchten beide miteinander schlafen, meine Freundin lehnt aber Verhütungsmittel (chemisch und mechanisch) ab und gestattet mir auch nicht die Verwendung von Kondomen. Sie behauptet zwar, dass sie ihren Zyklus aus dem “Eff-Eff” kennt und weiß, wann wir miteinander schlafen können und wann nicht. Sie führt über ihren Zyklus Tagebuch und misst ihre Vaginaltemperatur und tastet darüberhinaus ihre Vagina ab. Ich finde dieses Verfahren seltsam und glaube auch nicht, dass es zuverlässig ist.
(Ich habe ihr das noch nicht gesagt, weil ich glaube, es könnte den Eindruck erwecken, ich würde ihr kein Vertrauen schenken.)
Frage: Funktioniert dieses Verfahren?

Sie erwartet von mir einen HIV-Test. Sie lehnt es ab, mir vorher einen zu blasen und ich darf sie auch nicht vorher lecken. (Dieses ist mir auch noch plausibel, Kosten sind mir bekannt, ich habe auch keine Bedenken einen zu machen)
Was ich dann aber nicht nachvollziehen kann, ist, dass sie von mir einen Nachweis der Zeugungsfähigkeit verlangt. (Auf meine Frage hin, warum sie das will, sagte sie lediglich, dass sie Anspruch auf einen gesunden Mann hat.)
Welche Rolle spielt dieser Nachweis bei Katholiken?

Mit der Bitte um schnelle Antwort verbleibe ich
Bernie (19)

NFP-Zyklusblatt

Beispielzyklus

Online-Zyklusblatt auf myNFP

Lieber Bernie,
deine erste Frage: “Funktioniert dieses Verfahren?”
Ja. Allerdings nur, wenn deine Freundin es wirklich sehr gewissenhaft und schon seit mindestens einem halben Jahr durchführt. Voraussetzung ist u.a. ein sehr regelmäßiger Zyklus, Temperaturmessen immer zu etwa der selben Zeit und dass man keinen allzu unregelmäßigen Tagesablauf hat (etwa durch langes Ausgehen, viele Reisen etc.). Die Gefahr bei deiner Freundin könnte auch sein, dass sich der Zyklus in dem Alter oft noch unbemerkt verschieben kann.
Die Methode nennt sich NFP (Natürliche Familienplanung) oder auch “Symptothermale Methode” und hat, wenn man sie nach allen Regeln durchführt, eine ähnlich hohe Sicherheit wie die Pille (siehe auch hier in der Rubrik “Verhütung” der Brief “Alternativen zur Pille”).

Zu deiner Frage “Welche Rolle spielt dieser Nachweis (der Zeugungsfähigkeit) bei Katholiken?”
Keine. Jedenfalls hab ich noch nie davon gehört / gelesen; auch war unter den rd. 18.000 Leuten, die mir geschrieben haben, und unter den Tausenden, die sich auf andere Art an mich wandten, kein/e einzige/r dabei, der ähnliches erwähnte.

Weiters schreibst du:
“Was ich dann aber nicht nachvollziehen kann, ist, dass sie von mir einen Nachweis der Zeugungsfähigkeit verlangt. (Auf meine Frage hin, warum sie das will, sagte sie lediglich, dass sie Anspruch auf einen gesunden Mann hat.)”
Hier dachte ich, auweia, sag mal, (tschuldigung:) die tickt ja wohl nicht richtig. Also entweder will sie dich demnächst zum Vater machen, oder ihre Denke geht folgendermaßen:
Streng katholisch gesehen ist es ja so, dass Sex nur zur Fortpflanzung erfolgen darf (“seid fruchtbar und mehret euch!”). Sex nur zum Vergnügen ist schamlos und tabu. Aber jemand, der verhütet, schließt die Fortpflanzung ja aus, versündigt sich also. Und wenn jemand unfruchtbar ist, ist er auch von der Fortpflanzung ausgeschlossen, d.h. er macht Sex auch nur zum Vergnügen.
Auf der anderen Seite, falls sie wirklich mit NFP verhütet, trickst sie die Fortpflanzung ja auch aus, versündigt sich also auch (und Oralsex dürfte sie schon gar nicht machen!). Aber wie der Name NFP schon sagt, wird dieses Verfahren auch sehr gern zur aktiven Familienplanung angewandt, d.h. frau ermittelt damit ihre fruchtbaren Tage und sorgt gezielt für eine Zeugung.
Vielleicht solltest du ihr vor eurem ersten Mal ordentlich auf den Zahn fühlen, was sie denn da so vorhat!!! (Es sei denn, es macht dir nichts aus, mit 19 schon Vater zu werden.)
Ich denke, du solltest generell möglichst viel mit ihr über ihren Glauben, ihre Ansichten und ihre Zukunftsvisionen reden. Denn ich schätze, da werden sich zwischen euch noch ein paar mehr Abgründe auftun als nur der oben beschriebene. Die Frage ist, ob du mit einer Partnerin klar kommst, die scheinbar ziemlich verbohrt überholten Glaubenssätzen und einer Doppelmoral anhängt?

Ferner rate ich dir: Hab den Mut, ihr ganz klar zu sagen, dass du
1) nicht gewillt bist, ihr einen “Nachweis der Zeugungsfähigkeit” zu erbringen (zumal das Aufwand und Kosten bedeutet), sondern dass, wenn ihr dieser Punkt so wichtig ist, dich einfach SIE einen Nachweis ihrer Fruchtbarkeit und Gebärfähigkeit erbringen soll!
2) ihre Art der Verhütung für so ein junges Mädchen zu unsicher findest.
Herzlichst
Beatrice Poschenrieder