Vergewaltigt: Angst vor Aids, Müdigkeit, Lustlosigkeit

Hallo Beatrice!
Ich habe ein großes Problem, mit dem ich nicht fertig werde und nicht mehr weiter weiß.
Ich wurde vor 6 Monaten vergewaltigt, bzw. das Schwein hat es nicht geschafft seinen Penis ganz in mich zu stecken, weil ich so verkrampft und er sehr betrunken war. Trotzdem berührte er mit seinem Penis meine Scheide und drang ca. 1-2 cm ein. Ich möchte so wenig wie möglich drüber nachdenken. Leider gelingt es mir in letzter Zeit nicht. Ich fühle mich sehr erschöpft und müde. Ich könnte ständig schlafen, und seit ca. 3 Monaten bemerke ich, dass ich immer wieder Flecken habe, ähnlich wie blaue Flecken, meistens auf Armen und Beinen. Meist bin ich mir sicher, dass ich mich nicht angeschlagen habe. Ich habe gelesen, dass sowas Symptome für Aids sind. Ich möchte dies nicht wahrhaben und kann mir zwar nicht wirklich vorstellen, dass ich Aids habe, aber Angst macht es mir trotzdem. Der Mann, der mir dies angetan hat, benutzte kein Kondom.
Außerdem fühle ich keine Lust mehr. Mein Freund küsst mich, streichelt mich, wirklich verdammt zärtlich, ich werde auch feucht, aber meine Lust kommt nicht… woran liegt das??
Ich weiß nicht mehr weiter. Wie funktioniert ein HIV-Test? Ist das anonym?
Erfahren meine Eltern davon? Sind es überhaupt Anzeichen für Aids oder ähnliches?
Wenn es so wäre, hätte der Mann nicht nur meine Seele, sondern auch meinen Körper zerstört.
Bitte bitte antworte mir…
Eileen (16)

junge Frau wurde vergewaltigt, Mann steht da

Liebe Eileen,
es tut mir in der Seele weh zu hören, was mit dir passiert ist. Und es ist vollkommen verständlich, dass es dir seelisch und körperlich nicht gut geht und du mit dem Sex Probleme hast. Die Vergewaltigung macht dich noch mehr fertig als du es wahrhaben möchtest. Wenn du diese schlimme Erfahrung überwinden willst, bleibt dir leider nichts anderes übrig als darüber zu reden. Es ist zuerst einmal unangenehm und wühlt alles wieder auf, aber ich denke, nur so hast du eine Chance, dass es dir irgendwann wieder besser geht.
Ich möchte gern versuchen, dir ein wenig zu helfen, aber dazu müsste ich noch ein paar Sachen wissen:
1) Wie groß sind die blauen Flecken? Und gehen sie nach ein paar Tagen oder Wochen weg?
2) Hatte der Vergewaltiger einen Samenerguss? Und ist es möglich, dass etwas davon in deine Scheide gekommen ist?
3) Hast du den Typen angezeigt? Wenn nein, warum nicht?
4) Warum erzählst du deinen Eltern nicht davon?
5) Möchtest du erst mal mir die Geschichte erzählen, was passiert ist?
6) Besteht die Möglichkeit, dass du schwanger bist? Oder hast du noch deine Tage?

An eine HIV-Infektion und AIDS würde ich erst mal nicht denken. Vor allem würden sich nicht so schnell Symptome zeigen. Und wenn, dann sehen sie erst mal anders aus.
Infos darüber, wo und wie du einen Test machen kannst, findest du hier:
«Aidstest / HIV-Test, wo und wie geht das?»
Und ja, das kann man anonym machen und deine Eltern müssen es nicht erfahren.

Außerdem findest du viele Infos über Vergewaltigung in der Sexberatung, u.a. in den Briefen
* «Wieso kann ich nicht mit ihm schlafen, obwohl er mit der Vergewaltigung nichts zu tun hatte?»
* «Meine Liebste wurde vergewaltigt – daher so verkrampft im Bett?»
* «Meine Freundin hat einen sexuellen Missbrauch hinter sich»

Bis bald, Beatrice

Hallo Beatrice 🙂
zu deinen fragen:

1. Die blauen Flecken haben ca. einen Durchmesser von 1-4 cm. Sie gehen meistens nach einer oder zwei Woche von allein wieder weg.

2. Ja, ich würde sagen, er hatte einen Erguss. Er drang 1-2 cm in mich ein. Es könnte also schon was eingedrungen sein, wenn auch nicht viel.

3. Ich habe ihn angezeigt, leider kam nix dabei raus, er wurde nicht gefunden. Es gab ein paar Verdächtige, aber der Richtige war bis jetzt nicht dabei.

4. Mir ist es peinlich, meinen Eltern soetwas zu erzählen, da bei uns das Thema Sex nicht unbedingt öffentlich diskutiert wird. Außerdem möchte ich nicht, dass sie denken, dass ich ein armes kleines Ding bin, sie würden mich mit ihrem Mitleid bestimmt täglich dran erinnern. Und ich denke, sie würden sich selbst sehr viele Vorwürfe machen (wieso, erklär ich gleich).

5. Es war vor 6 Monaten. Ich war bei meiner Freundin und rief meine Eltern um 23 Uhr an, dass sie mich nicht abholen müssen, ich würde kurz laufen. Man braucht zu Fuß ca. 15 min. Meine Mutter wollte mich holen, aber ich setzte mich durch und ging zu Fuß, ich wollte nochmals über die Trennung von meinem Freund nachdenken und und und.
Nach ein paar Minuten merkte ich, dass mich ein Mann verfolgte, ich lief etwas schneller, doch er holte mich schnell ein und redete mich an, ich blockte ab und da zog er mich weg vom Weg, ich hab mich stark gewehrt, doch der Mann konnte Kampfsport und schlug mich zu Boden. Naja er drückte mich weiterhin an den Boden, hat mich gegen meinen Willen geküsst und ausgezogen. Er berührte mich unsanft an der Brust und zwischen den Beinen, er wollte, dass ich ihn küsse, und als ich es ablehnte und versuchte ihm eine reinzuhauen, hat er mich fest ins Gesicht geschlagen. Er beugte sich über mich und versuchte einzudringen, ich spürte sein ekliges erregtes Glied an mir, und er versuchte es mit aller Gewalt in mich zu drücken. Es ging nicht, ich hatte Angst ohne Ende und war wirklich zu. Ich begann zu weinen, als er versuchte mit seinen großen Händen meine Schamlippen auseinanderzuziehen, um einzudringen. Naja ein bisschen gelang es dem Schwein (sorry) ja auch. Nach einer Weile ließ er mich liegen.
Ich rief meinen besten Freund an und meinte nur, er soll mich holen. Er kam dann auch gleich, ich stieg in sein Auto und er fuhr mich zu sich. Ich weinte und schrie und ging duschen, um den Schmutz weg zu bekommen. Ich rief meine Eltern an und sagte, dass ich später kommen würde. Am nächsten Tag zeigte ich den Mann (so ca. 40 Jahre) an.

6. Schwanger bin ich nicht, da bin ich mir sicher!!

Ich hoffe, du antwortest mir bald wieder,
Eileen

Liebe Eileen,
deine Geschichte macht mich traurig und wütend. Wütend auf dieses verdammte Dreckschwein! Du brauchst nicht „sorry“ zu schreiben, wenn du ihn ein Schwein nennst, denn solche Männer können nur unsere ganze Verachtung haben! Das sind keine Menschen, sondern erbärmliche Viecher. Die lassen ihre Gier und ihren Frauenhass an schwächeren Frauen aus, und die Opfer müssen sich dann eine Ewigkeit mit den Folgen quälen.
Es ist gut, dass du ihn angezeigt hast, selbst wenn´s noch nichts ergeben hat. Versuch, dranzubleiben. Nerve die Polizei, dass sie weiterhin ermitteln. Versuche nochmal, dich genau zu erinnern, ob dir noch mehr Details einfallen, die zur Identifikation beitragen. Größe, Figur, Sprechweise, Stimme, Akzent, Kleidung, Schuhe, Geruch, Hautfarbe… Trug er einen Ehering? Was ist mit den Kampfsport-Studios? Haben sie die mal durchgecheckt?

Zu den Flecken: Sie sind kein Hinweis auf eine HIV-Infektion. Bei deinen Flecken scheint es sich um ganz normale blaue Flecken zu handeln. Manche Leute in deiner Situation tun sich unbewusst selbst weh, um den seelischen Schmerz nicht so sehr zu spüren. Vielleicht ist das bei dir auch so.
Ein Test kann trotzdem nicht schaden, schon allein, um dich zu beruhigen – damit du dir wenigstens in dieser Hinsicht keine Sorgen mehr machen musst.

Was deine Probleme beim Sex betrifft: Fast alle vergewaltigten Frauen haben Probleme damit, solange sie dieses Erlebnis nicht bewältigt haben. Ihr Bewusstsein sagt ihnen zwar, dass ihr Partner ja ein ganz anderer Mann ist als der Vergewaltiger, aber für das Unterbewusstsein ist Mann gleich Mann, sprich, bei jedem Mann, mit dem sie intim werden, ist unterbewusst die Angst da, wieder missbraucht zu werden bzw. Schmerzen zu erleiden. Oft hängt noch ein Rattenschwanz von anderen negativen Gefühlen mit dran: Das Gefühl, „beschmutzt“ zu sein. Scham. Schuldgefühle. Verlust des „Urvertrauens“ in Männer. Wut. Ohnmacht.
Dass das alles auf deine Lust drückt, ist klar. Wahrscheinlich kannst du die Vergewaltigung nur dann wirklich bewältigen, wenn du mit einer psychologisch geschulten Fachfrau dran arbeitest.

Übrigens, deine Erschöpfung, Müdigkeit und Lustlosigkeit: Vermutlich sind das Anzeichen einer reaktiven Depression (heute ist der Begriff “Anpassungsstörung” dafür gebräuchlicher), wie sie bei Vergewaltigungsopfern oft vorkommt. Auch in diesem Punkt ist professionelle Hilfe das Beste.
Ich glaube nicht, dass es gut ist, wenn du dein Erlebnis mit aller Macht verdrängen willst. Meiner Erfahrung nach kommen Frauen besser drüber weg, wenn sie sich dem Missbrauch und allen damit verbundenen Gefühlen und Ängsten stellen – und zwar mit Hilfe einer geschulten Therapeutin. Es sollte eine Frau sein, die Erfahrung mit Missbrauchsopfern hat und bei der du dich gut aufgehoben fühlst. Sprich ruhig mit allen, die du ans Telefon kriegen kannst, mach Termine, geh jeweils für ein Erstgespräch hin und geh regelmäßig zu der, bei der du das beste Gefühl hast.
Wie findest du so jemanden? Es gibt sehr viele Stellen, an die sich Opfer von Missbrauch und Vergewaltigung anonym und kostenlos wenden können. Du findest diese Stellen zum Beispiel, indem du auf
www.dajeb.de gehst.
Alles alles Gute
Beatrice Poschenrieder