Bin ich einfach eine Schlampe oder muss ich mich nicht schämen?

Liebe Beatrice!
Ich bin eine 36jährige ledige Frau und arbeite als Therapeutin. Sicher bin ich ziemlich eigen und vor allem selbstständig und ich will keine Familie gründen. Beziehungen zu Männern hatte ich schon einige. Alle sind jedoch nach ein paar Monaten wieder gescheitert. Aufgelöst habe die Beziehungen jeweils ich, und zwar ausschließlich deshalb, weil ich sexuell keine Erfüllung fand bzw in einer „normal gelagerten“ Beziehungskiste nie zum Orgasmus komme. Irgendwas ist bei mir da nicht richtig gepolt, denn es ist ja nicht so, dass ich überhaupt nicht kommen kann. Im Gegenteil, ich erlebe immer wieder richtige Spritzorgasmen. Dazu braucht es aber eine starke Verruchtheit! Diese „Veranlagung“ habe ich schon als Teenie in mir gespürt, wenn ich sie da auch noch nicht richtig deuten konnte.
Meine Periode bekam ich mit zwölf Jahren. Die früh einsetzenden Blutungen entsprachen aber überhaupt nicht meiner äußerlichen Entwicklung. Ich war (und bin es noch immer) sehr schlank und bekam erst gegen Ende der Schulzeit etwas Busen. Dennoch war ich ein kleines Luder. Ich mochte es, wenn mich meine Schulkameraden (männliche und weibliche) betatschten, fand es auch erregend, sie wo auch immer zwischen meine Beine sehen zu lassen.
Zu Hause lebte ich dann meine pubertären, aber doch schon wilden Fantasien mit heftigem Masturbieren aus. Mit vierzehn Jahren überraschte mich dabei in den Sommerferien eines Abends mein Onkel. Er war Bauer und ich durfte die Ferien oft bei ihm und seiner Frau verbringen und auf dem Hof mithelfen. Aber ich war abends nie müde genug, mich nicht doch noch zu verwöhnen. Mein Onkel stand einfach plötzlich vor mir und ich vermutete, dass er mich schon eine ganze Weile beobachtet oder zumindest belauscht hatte, denn seine Pyjamahose war vorne mächtig ausgebeult. Ich muss gestehen, dass ich nicht einmal groß erschrak, denn insgeheim hatte ich schon oft von einer solchen Situation fantasiert. Um es kurz zu machen: Mein Onkel hat mich nie im herkömmlichen Sinn missbraucht. Er wollte mir nur zusehen und dazu sein starkes Glied massieren. Allerdings verlegte er den „Tatort“ schon am nächsten Tag auf den Heuboden und das mehrmals am Tag. Aber ich war voll bereit dazu und später (etwa mit 16) war ich es, die mehr wollte.
So wurde mein Onkel mein erster Mann und immer kam ich zu einem heftigen Orgasmus. Als ich mich dann aber auch mit Jungs einließ, blieben die Orgasmen aus und ich langweilte mich beinahe beim Sex. Das Verruchte, Frivole und Verbotene fehlte mir und trieb mich noch jahrelang in die Arme meines Onkels.

Unser Urlaub am FKK-Strand wurde sehr leidenschaftlich

Ich stehe auf Sex mit Männern, aber auch mit Frauen…

Mitte 25 lernte ich dann eine Frau und mit ihr die lesbische Liebe kennen; als wir unsere ersten FKK-Ferien genossen, kamen wir in Kontakt zu einem reiferen Paar und die (sexuellen) Dimensionen verschoben sich noch einmal. Vor allem konnte ich jetzt auch im privaten Rahmen meine Zeigelust ausleben. Vor Zuschauern mit Dildos zu masturbieren oder von einer Frau oder einem Mann verwöhnt zu werden, versetzt mich in Ekstase. Zwischendurch quälte mich aber immer wieder das Gewissen. Ich kam mir absolut verdorben und schlecht vor und ich beendete die Kontakte, um wieder eine „normale“ Beziehung einzugehen. Doch wie bereits erwähnt, wurde ich nie glücklich, begann das Andere sogleich zu vermissen und suchte via Internet wieder das Verruchte und Frivole. Ein Teufelskreis!
Seit zwei Jahren treffe ich mich nun sporadisch mit einem 58jährigen verheirateten Mann, in den ich mich auch verliebt habe. Aber es ist eine hoffnungslose Liebe, denn er will sich nicht auf eine feste Beziehung einlassen, die auf so großem Altersunterschied beruht. Ich kann das akzeptieren und vermutlich hat er auch recht mit seinem Gefühl, dass er mich später vielleicht wieder (an einen Jüngeren) verlieren würde. Zudem würde eine feste Beziehung ja auch wieder das Verruchte ausschließen. Also versuche ich das Jetzt zu genießen. Wir besuchen zusammen spezielle Saunas, gehen in Pärchenclubs usw., um vor anderen Sex zu machen. Es ist Wahnsinn, mit diesem Mann Sex zu haben und meine Veranlagung ausleben zu können. Aber irgendwie bin ich wieder nicht ganz glücklich, weil ich ja eigentlich mehr möchte von diesem Mann …
Bin ich nun einfach eine Schlampe oder muss ich mich nicht schämen, so zu sein wie ich bin?
Liebe Grüße, Liliana (36)

Liebe Liliana,
zuerst mal: ich denke nicht, dass du dich schämen musst. Niemand muss sich seiner Sexualität schämen, solange dabei kein anderer zu Schaden kommt oder belästigt wird. Die Frage bei dir ist eher, ob und wie du mit deiner Art von Sexualität und deiner Vorstellung von Partnerschaft glücklich werden kannst. Deshalb hätte ich noch ein paar Fragen:
1) Hast du denn überhaupt Sehnsucht nach einer „richtigen, normalen“ Beziehung? Oder was wäre deine Wunschvorstellung von einer Beziehung, die für dich auf Dauer erfüllend sein könnte?
2) Bitte erzähl mir was über dein Verhältnis zu deinem Vater und wie du ihn in der Kindheit erlebt hast.
3) Welches Bild von Sexualität wurde dir in der Kindheit vermittelt?
4) Hast du mit keinem deiner festen Freunde JE einen Orgasmus erlebt? Nicht mal per Hand oder Mund?
5) Bist du mit deinem jetzigen Leben glücklich bzw. zufrieden? Wenn nein, was fehlt?
6) Lebst du in einer großen Stadt oder eher in einem kleinen Ort?
7) Hast du schon mal eine Therapie gemacht? Wenn ja, was hat´s gebracht?
Bis bald, Beatrice

Liebe Beatrice!
Du fragst, ob ich denn überhaupt Sehnsucht nach einer richtigen, normalen Beziehung habe. Ich glaube, eher nein. Erstens möchte ich meine Unabhängigkeit nicht verlieren, andrerseits habe ich Angst davor, dass eine normale Beziehung sehr bald wieder 08/15 und langweilig wird. So gesehen habe ich eigentlich gar keine Wunschvorstellung. Eine normale Beziehung lässt sich kaum mit Verruchtheit kombinieren, denke ich. Außerdem liebe ich es, immer wieder Neues zu erleben, brauche aber auch meine Auszeiten (oder auch mal eine Frau)!
Mein Verhältnis zu meinem Vater war ziemlich normal. Er war streng, aber gerecht. Fürsorglich oder behütend habe ich ihn jedoch nie erlebt. Für die Wärme war Mutter da. Mein Vater wollte eher seine Ruhe und war froh, wenn er von mir nicht behelligt wurde. Zudem war er beruflich sehr engagiert. Da blieb eh nicht mehr viel Zeit für die Familie.
Das sexuelle Bild, das mir vermittelt wurde von meinen Eltern, war auch eher prüde. Man sprach nicht darüber, besonders Vater nicht. Mutter dagegen machte, als ich meine Periode so früh bekam, erschrocken ein paar Aufklärungsversuche. Beibringen konnte sie mir aber nichts, denn das meiste wusste ich aus Büchern oder hatte es sonst schon mitbekommen. Meine Triebhaftigkeit blieb ihr aber nicht verborgen, denn sie überraschte mich sehr oft beim Masturbieren und ich hatte immer wieder das Gefühl, als beneide sie mich beinahe um meine „lockere Art“, wie ich mit der Sexualität umging. Eine Szene machte sie mir auf jeden Fall nie. Ich erinnere mich aber auch daran, dass ich mir immer wünschte, mein Vater würde mich beim Masturbieren überraschen, denn im Grunde genommen war er ein schöner Mann. Und die paar Mal, die ich ihn heimlich beim duschen beobachtet hatte und sein strammes „Ding“ sehen konnte, hatten mir schon Eindruck gemacht. Vater war dann in der Anfangszeit auch häufig das Objekt meiner Lust und ich glaube, ich hätte mich nicht gewehrt, wenn er etwas von mir gewollt hätte! Aber dann kam ja dann mein Onkel ins Spiel und ich denke, dass er in meiner Fantasie schon auch Vaterersatz war.
Ein Detail vielleicht noch: Als ich mit meinem Onkel zu masturbieren begann und auch später beim richtigen Sex nannte ich ihn nie beim Vornamen, obwohl er sich das wünschte. Ich nannte ihn immer Onkel, denn genau das erregte mich. Ich war ja nicht verliebt in ihn.
Mit den Jungs, mit denen ich mich einließ, hatte ich tatsächlich nie einen Orgasmus. Ganz offensichtlich fehlte mir der Kitzel des Verruchten. Zudem waren sie wohl alle miserable Liebhaber. Mit dem Mund hat es mir übrigens nie ein Junge gemacht und die Handspiele waren echt stümperhaft.
Ob ich mit meinem jetzigen Leben zufrieden bin, ist schwer zu beantworten. Ich habe dir geschrieben, dass ich einen Liebhaber habe, der mir sexuell alles erfüllt. Irgendwie könnte ich mir mit ihm auch eine richtige Beziehung vorstellen, aber er will ja nicht. Zudem hätte ich schon auch Angst davor, dass das Frivole unserer Beziehung sich dann verflüchtigt. Ich rechne auch so fest damit, dass ich mich eines Tages – nach einer Auszeit – wieder zu neuen Ufern aufmache, denn ich liebe das Neue und Unbekannte. Oft kann ich sogar bei der Arbeit an nichts anderes denken, als wie es wäre, mich meinen männlichen und weiblichen Gegenüber zu zeigen und wild zu masturbieren. Eine Therapie habe ich noch nie gemacht. Ich möchte auch nicht. Wie sollte ich meine Veranlagung auch in Worte fassen von Angesicht zu Angesicht.
Wohnen tue ich in einem mittelgroßen Dorf, aber ich arbeite in der Stadt.
Herzlich grüßt dich Liliana

Liebe Liliana,
ich denke, du hattest von Kindheit an einen ungewöhnlich starken Trieb (vielleicht ist deine Produktion des Hormons Testosteron recht hoch?). Das ist an sich nichts Schlechtes. Ungünstig ist nur, dass sich schon dein kindlicher und dein jugendlicher Trieb auf den Vater bezogen (und auf Vaterfiguren) und dass das bis heute so geblieben ist. Denn dieser Faktor schränkt sowohl deine Sexualität als auch deine Beziehungen ein. Sprich, du hast das, was man eine Fixierung nennt. Sie bewirkt, dass du in Sachen Liebe und Sex nicht die ganze Palette an Möglichkeiten hast, die Leuten ohne Fixierung offen steht, sondern dass es bei dir nur unter bestimmten Bedingungen „klick“ macht. Und das ist ein bisschen schade. Denn ohne die Fixierung könntest du sowohl beim Sex als auch in Sachen Beziehung leichter und öfter Erfüllung finden.
Um so eine Fixierung zu lösen, ist eine Therapie angesagt. Ich wundere mich sowieso, dass du als Therapeutin arbeitest, aber selbst noch keine gemacht hast – obwohl das eigentlich als Grundvoraussetzung gilt.
Momentan stehst du im Zwiespalt zwischen: du möchtest eigentlich eine Beziehung (derzeit zu deinem Lover), aber irgendwie dann doch wieder nicht, weil du Angst hast, deine Unabhängigkeit zu verlieren und in einer langweiligen Partnerschaft zu versumpfen. Also verlegst du deine Gefühle auf jemanden, der nicht nur Vaterfigur (z.B. vom Alter her), sondern auch unerreichbar (verheiratet) ist. Und Männer, die du kriegen kannst, wandeln sich in deiner Wahrnehmung bald zu unreifen Langweilern. Dieser Zwiespalt wird dich lebenslang beherrschen und verhindern, dass du je Glück in der Liebe findest, falls du nicht dran arbeitest.
Du beschreibst die Männer, die du für eine richtige Beziehung hättest haben können, als „Jungs“ und allesamt „miserable Liebhaber“, die noch nicht einmal Hand- oder Oralverkehr beherrschen. Aber es gibt durchaus Männer, die hervorragende, erfahrene, experimentierfreudige Liebhaber sind und die altersmäßig eher in deine Richtung gehen, und trotzdem weder „Jungs“ sind noch gebunden! Und mit denen eine Beziehung keineswegs „08/15“ werden würde! Wie wär es, wenn du deine Wahrnehmung für solche Männer öffnest? Mit so einem Mann könntest du durchaus deine „verruchte“ Art ausleben, trotz Beziehung; es gibt ja z.B. die Möglichkeit zu Rollenspielen und zu sexuellen Aktivitäten mit mehreren Leuten (Pärchenclubs, spezielle Saunas usw.). Allerdings müsstest du dich dann auch trauen, einem Mann, der als Beziehungspartner in Frage käme, deine Neigungen und Eigenarten zu offenbaren. Ich bin mir sicher, dass es einige gibt, die das aufregend fänden und die auch offen dafür wären, nicht die übliche „08/15“-Partnerschaft zu führen.
Möglicherweise verschließt du dich solchen Überlegungen momentan auch noch, weil du unterbewusst noch ganz andere Ängste vor Bindungen und vor Nähe hast, als dir derzeit klar ist? Auch hier könnten Gespräche mit einer Fachperson beim Aufdecken helfen. Vorbereitend empfehle ich dir die Lektüre von Stefanie Stahls Büchern:
• «Jein!: Bindungsängste erkennen und bewältigen. Hilfe für Betroffene und deren Partner» und
• «Vom Jein zum Ja!: Bindungsangst verstehen und lösen. Hilfe für Betroffene und ihre Partner».
Herzlichst,
Beatrice Poschenrieder