Warum verhält er sich beim Sex so unsensibel und egozentrisch, aber sonst so liebevoll?

Sehr geehrte Frau Poschenrieder,
ich schreibe Ihnen, weil ich nicht weiter weiß. Diese Nacht lag ich mit meinem Freund im Bett und war nur noch zornig und traurig. Bei uns stimmt es sexuell vorne und hinten nicht.
Ich bin 50 und er 47 Jahre alt. Wir lernten uns vor einem knappen Jahr auf einer Party kennen. Von meiner Seite war es zuerst nur Sympathie, denn er war so unsicher und nervös, aber einfach nett. Als ich Hilfe brauchte, war er sofort zur Stelle. Ich, die gescheiterte, ehemalige erfolgreiche Karrierefrau, er der einfache Handwerker. Er ist sehr ehrlich, manchmal ZU ehrlich, und ihm fehlt jede Raffinesse. Und obwohl er sehr introvertiert ist, verliebte ich mich im Laufe der Zeit in ihn. Über Gefühle kann er nicht sprechen, er kann sich kaum öffnen.
Davor war ich 4 Jahre allein. Es war die härteste Zeit meines Lebens, ich zog mich von allen Leuten zurück, denn ich sah mich nur noch als Versager, hatte kein Geld und fiel in Hartz IV. Als ich ihn kennen lernte, hatte ich dann einen Job als Bürokraft.
Er hat eine Ehe hinter sich, die vor 9 Jahren gescheitert ist. Seine Exfrau hatte ihn mies behandelt, Fremdgehen, Beleidigungen und zum Ende zog sie ihn finanziell ziemlich ab. Seitdem lebte er ziemlich einsam und zurückgezogen und war fast die ganze Zeit beruflich im Ausland auf Montage.
Das zur Erklärung.
Nun zu uns. Je länger ich mit ihm zusammen bin, desto mehr fühle ich mich bei ihm geborgen. Wir sind gerne zusammen und ich merke, dass auch ich ihn mit meiner lebenslustigen Art (die ich trotz allem noch habe) etwas aus seiner emotionalen Erstarrung löse. Er hat sich auch in seinem starren Verhalten schon etwas gelöst und ist lockerer geworden.
Als wir das erste Mal ins Bett gingen, war ich sehr heiß. Er hat mich angetörnt, denn er hat eine gute Figur und ich war ja 4 Jahre ohne Sex. Doch was war das für eine Katastrophe! Er wurde nur kurz hart, dann war alles vorbei. Er drängte mir sein weiches Glied in den Mund und war ganz weggetreten. Irgendwann fing er dann an, mich mit unsensiblen Fingern zu bearbeiten und nachher mit dem Mund. So viel Ungeschick hatte ich noch nie erlebt. So ging es einige Wochen, ich wurde ungeduldig und sagte ihm, dass er Viagra nehmen soll. Danach war sein Glied fast immer steif und wir hatten Geschlechtsverkehr, aber wie! Sein Glied steht fast parallel zum Körper hoch, so dass es Probleme beim GV gibt. Wir machen es hauptsächlich verdreht seitlich. Er kommt in mir gar nicht, noch nie!!! Damit er kommt, muss ich ihn dann mit der Hand oder Mund erregen, erst dann klappt es. Ansonsten macht er es sich selbst. Aber auch das klappt nicht immer.
Was ist los mit ihm?
Hat er überhaupt Bock auf mich? Er ist noch nie über mich hergefallen, hat noch nie gezeigt, dass er geil auf mich ist. Es gab noch nie einen Quickie. Miteinander geschlafen wird nur im Bett, alles andere ist unbequem und gefällt ihm nicht. Er ist so auf sich fixiert, mein Körper interessiert ihn nur als Mittel zum Zweck, glaube ich. Beim Sex drehen sich seine Gedanken um seinen Schwanz. Das größte für ihn ist, wenn ich es mit dem Mund mache. Das ist die Erfüllung seiner sexuellen Wünsche.
Er erregt mich auch mit dem Mund, aber es ist für ihn Pflichtprogramm. Er ist nicht neugierig auf mich, ich habe nicht das Gefühl, ihn zu erregen. Noch nie hat er mit mir geknutscht und mich dann befummelt. Nur ich einfach mal alleine…. dann würde er sofort meine Hand nehmen und nach unten führen.
Diese Nacht war es wie immer. Sonntagsfilm gesehen, ins Bett und dann das gleiche Schema. Meine sexuellen Gefühle sterben ab. Die Erotik fehlt, ich werde immer mehr gefühllos. Mit viel Glück schafft er es, die richtige Stelle zu finden und ich komme zu einem Orgasmus. Das ist dann nur eine körperliche Reaktion. Ansonsten bin ich abgestumpft. Das Kopfkino ist weg, wenn Sie verstehen, was ich damit meine.
Ich bin unendlich traurig. Vielleicht bin ich auch nicht sein Typ. Ich glaube, er steht auf große dunkelhaarige, schlanke Frauen. Das bin ich nicht und wiege auch etwas zuviel (77kg).
Das einzige, was ihn sehr antörnt an mir, ist meine Brust. Da könnte er stundenlang dran rumfummeln, was mir aber unangenehm ist.
Andererseits, er ist so zärtlich, hält mich nach dem Sex in Arm und streichelt mich (nicht sexuell), er ist für mich da und wir lachen viel und haben eine Harmonie, wie ich sie noch nie mit einem Mann hatte. Er ist so aufmerksam und macht sich Gedanken, wie er mir bei Problemen beistehen kann, und er hat mir auch finanziell geholfen. Sein Leben ist sehr geregelt, nicht so chaotisch wie bei mir (obwohl es nun besser wird, finanziell meine ich, da ich bald meine Schulden abbezahlt habe).
Was meinen Sie dazu?
Was ist mit ihm los?
Bitte geben Sie mir eine Antwort. Ich bin sehr verwirrt und verzweifelt.
Ihre Johanna (50)

Liebe Johanna,
schon beim Kennenlernen stellten Sie fest: „er war so unsicher und nervös“ – nun, das ist ein Grundzug von ihm, der sich in bestimmten Bereichen auch innerhalb Ihrer beider Beziehung noch nicht verbessert hat – weil er mit ganz tiefen unbewussten Ursachen zu tun hat, zu denen er selber keinen Zugang hat.
„Über Gefühle kann er nicht sprechen, er kann sich kaum öffnen“ – auch dies, weil er kaum Zugang dazu hat.

„ich merke, dass auch ich ihn mit meiner lebenslustigen Art … etwas aus seiner emotionalen Erstarrung löse. Er hat sich auch in seinem starren Verhalten schon etwas gelöst und ist lockerer geworden.“
Ja, das ist mit Sicherheit ein treffender Begriff, den Sie da gewählt haben: emotionale Erstarrung. Wir Fachleite nennen das manchmal „Panzerung“. Aus Selbstschutz hat man sich irgendwann einen Panzer zugelegt (nicht absichtlich, sondern die Psyche hat das gemacht), und der ist leider auch dort noch vorhanden und wirksam, wo er gar nicht mehr nötig ist. Im Alltag und im „harmlosen“ Beisammensein ist es Ihnen schon gelungen, den Panzer aufzuweichen, aber im Sexuallen trägt er ihn noch – und wie!
Aber so einen Panzer aufzulösen, ist schwer, vor allem in sensiblen Bereichen, die mit den größten Ängste verbunden sind. Und das scheint bei Ihrem Freund die Sexualität zu sein, warum auch immer. Lösen kann das nur eine Fachperson, die mit ihm zusammen all seine Themen bearbeitet, die ihn panzern und blockieren.

“Er kommt in mir gar nicht, noch nie!!! Damit er kommt, muss ich ihn dann mit der Hand oder Mund erregen, erst dann klappt es. Ansonsten macht er es sich selbst. Aber auch das klappt nicht immer. Was ist los mit ihm?”
Es sind unbewusste Ängste, die ihn hier im wahrsten Sinne blockieren. Welche, kann ich Ihnen noch nicht sagen.

“Hat er überhaupt Bock auf mich? Er ist noch nie über mich hergefallen, hat noch nie gezeigt, dass er geil auf mich ist. Es gab noch nie einen Quickie. Miteinander geschlafen wird nur im Bett, alles andere ist unbequem und gefällt ihm nicht. Er ist so auf sich fixiert, mein Körper interessiert ihn nur als Mittel zum Zweck, glaube ich. Beim Sex drehen sich seine Gedanken um seinen Schwanz. Das größte für ihn ist, wenn ich es mit dem Mund mache. Das ist die Erfüllung seiner sexuellen Wünsche.”
Ich schätze schon, dass er Lust auf Sie hat, aber seine inneren Ängste und Unsicherheiten sind noch ein ganzes Stück größer als die Lust, sprich, sie sind RIESIG!
Er wendet nur das an, wovon er denkt, dass es „funktioniert“, was bei ihm in erster Linie bedeutet: dass sein Penis steif wird und bleibt. Würde er sich Ihnen zu sehr zuwenden, würde sein Unterbewusstsein befürchten, dass er dann „versagt“ (dass das Versagen viel eher darin besteht, mit der Frau nicht liebevoll umzugehen, checkt das Unbewusste nicht). Ich schätze, dass er bei seiner Exfrau schon einige Jahre vor der Trennung Erektionsstörungen entwickelte und die Frau ihn deswegen richtig fertig machte. Sein Panzer besteht nun u.a. darin, sich vor weiterer Demütigung wegen Erektionsproblemen zu schützen. (Angst ist mitunter leider stärker als Liebe. Denn dass er Sie liebt, davon können wir ja ausgehen.)

Was ich rate, ist:
Konfrontieren Sie ihn ganz offen und direkt mit allem (wirklich ALLEM), was Sie mir schrieben. Haben Sie keine Angst, dass er Ihnen dann davonläuft – denn wen Sie ihn nicht konfrontieren, werden ja bald SIE weglaufen. (Zeigen Sie ihm evtl unseren Mailaustausch.)
Machen Sie ihm klar, wie Ihnen wirklich zumute ist und dass es Sie so sehr runterzieht, dass Sie sich gedanklich schon mit Trennung auseinandersetzen.
Bitten Sie ihn, sich auf eine intensive Beratung mit einer Fachperson einzulassen (erst mal Einzelberatung, nicht mit Ihnen zusammen).*
Bitten Sie ihn, es Ihnen zu Liebe zu tun, und zwar möglichst bald, da Sie diesen Zustand nicht mehr lange aushalten und dabei sind, Ihre Liebe und Lust auf ihn zu verlieren.
Vielleicht möchten Sie im Gegenzug ein bisschen dran arbeiten, sich mehr auf die Maße seines „Idealtypus“ zuzubewegen? (Vermutlich hadern Sie ja auch selbst mit dem einen oder anderen kilo zuviel.)

*sie oder er sollte eine breite Grundausbildung in Psychotherapie haben und als Zusatzspezialisierung Sexualtherapie

Herzlichst
Beatrice Poschenrieder

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