Meine Freundin ist 35 und hat große Angst vor allem Sexuellen

Hallo Beatrice,
meine Freundin (35) und ich (33) haben uns zu Beginn meines Studiums vor 12 Jahren kennengelernt, sind aber erst vor zweieinhalb Jahren zusammengekommen. Auf einer Fortbildung hat sie mir erzählt, dass ihr Exfreund gerade mit ihr Schluss gemacht habe, und mich eingeladen, mich doch mal bei ihr zu melden. Wir wohnen noch nicht zusammen und schaffen es höchstens zweimal die Woche (meistens nur einmal am Wochenende) uns zu sehen, obwohl wir in derselben Stadt wohnen, weil meine Freundin noch viel mehr im Stress ist als ich.
Da ich im Umgang mit Frauen immer sehr schüchtern war, ist sie meine erste Freundin. Wir verstehen uns bestens und ich weiß, dass ich ihr voll vertrauen kann. Deshalb fällt es mir auch überhaupt nicht schwer, ihr meine starken Gefühle für sie zu zeigen. Ich liebe es, sie zu umarmen, zu streicheln und zu küssen. Obwohl ich weiß, dass sie mich auch liebt, fällt es ihr schwer, mich von sich aus zu umarmen, zu streicheln oder zu küssen.
Auch in der Sexualität haben wir beide leider unterschiedliche Bedürfnisse. Meine Freundin ist sexuell sehr zurückhaltend und ich fühle mich auch manchmal ein wenig zurückgewiesen: Wenn ich auf dem Sofa sitzend ihren Busen – und sei es auch nur über dem Pullover – oder sie zwischen den Beinen durch die Hose streicheln möchte, hält sie auch heute noch oft meine Hand fest oder schiebt sie weg.

Bedingt durch die Sorgen um ihre Mutter, die sehr krank ist, hat es 9 Monate gedauert, bis ich mich getraut habe, mich bei meinen Streicheleinheiten ihrem Intimbereich zu nähern und mit dem Finger in ihre Scheide einzudringen. Ich war voller Freude, dass sie meine Berührungen sehr genoss und es mir gelungen ist, sie gleich beim ersten Mal mit meinen Fingern zum Höhepunkt zu bringen. In den folgenden Monaten habe ich dies immer wieder gemacht, wenn auch nicht immer mit diesem Erfolg.

Es hat ungefähr ein weiteres halbes Jahr gedauert, bis ich es geschafft habe, sie zu ermuntern, auch mich mit der Hand zu befriedigen, weil sie mit ihren beiden Freunden, die sie vor mir hatte, schlechte Erfolge dabei erzielt hatte. Vor ca. 9 Monaten hatten wir dann zum ersten Mal nach dem ersten gemeinsamen Duschen Oralverkehr. Das hat mir sehr gut gefallen, ich habe es ihr auch gesagt.
Ich leide jedoch ziemlich darunter, dass ich meine Freundin nicht selbst auch oral befriedigen darf und dass wir in den zweieinhalb Jahren noch nie miteinander geschlafen haben. Meine Freundin hat mir erzählt, dass sie zweimal (mit 26 Jahren) mit ihrem ersten Freund Geschlechtsverkehr hatte, der sehr schmerzhaft für sie gewesen sei. Mit ihm war sie ungefähr ein Jahr zusammen und er hat eine Woche nach dem zweiten Mal Sex Schluss mit ihr gemacht. Vor mir hatte sie fünf Jahre eine Beziehung mit einem Jungen, mit dem sie, wie sie sagt, nur Petting gemacht habe, weil er noch kein Kind haben wollte und sie Angst vor einer Schwangerschaft hatte.

Es fällt meiner Freundin leider auch unheimlich schwer, mit mir über solche intimen Dinge zu sprechen (vor allem im Bett). Sie weiß, dass ich sehr gerne mit Sex haben möchte. Leider ist sie am Wochenende meist von der Woche ziemlich erschöpft und hat auch nur recht selten wirklich Lust auf intimes Petting, was mich ein wenig nervt, weil ich nach einer Woche, die wir uns nicht gesehen haben, große Lust auf sie habe.

Sie sagt, sie könne nicht zu einer bestimmten Zeit wie auf Knopfdruck Lust haben. Meine Freundin scheint allerdings auch manchmal unter der Woche Lust zu haben, doch dann bin ich nicht bei ihr. Wenn wir in ca. einem Jahr nach Ende ihres Projekts und dem Finden einer gemeinsamen Wohnung uns regelmäßig sehen und der Partner immer da sei, sehe alles etwas anders aus.
Ich hoffe sehr, dass sie recht hat, aber ich habe dennoch meine Zweifel. Vor allem, weil sie, immer wenn ich sie mal auf das Thema “miteinander schlafen” anspreche, sagt, sie wolle, dass wir erst noch unsere Körper besser kennen lernen und herausfinden, was dem anderen besonders gut gefällt. Ich habe sie mit einem enttäuschten Unterton gefragt, ob ich denn noch ein Jahr warten muss, bis wir mal miteinander schlafen, was sie verneint hat. Ich sagte, dass doch auch nach dem ersten gemeinsamen Mal wir noch weiterhin unsere Bedürfnisse kennen lernen können.

Ich wäre sehr froh, wenn Sie mir antworten könnten, wie ich mein bzw. unser gemeinsames Problem in den Griff bekommen kann. Mir erscheint meine Freundin manchmal etwas frigide, was ich ihr aber noch nie gesagt habe, um sie nicht zu verletzen. Vielleicht können Sie sich vorstellen, dass ich ziemlich betroffen bin, dass meine Freundin bis jetzt noch nie mit mir schlafen wollte. Ist das nicht sehr ungewöhnlich nach zweieinhalb Jahren Beziehung?
Rainer (33)

Lieber Rainer,
im Grunde wissen Sie ja selbst (aus dem Fernsehen und anderen Medien), was “normal” ist: Nämlich dass ein Paar in Ihrem Alter fast von Anfang an ein lustvolles Sexualleben mit Verkehr, Oralsex und allem Drum und Dran hat. Am Anfang kann man kaum genug voneinander kriegen und hat bei jedem Treffen Sex, später beruhigt sich das etwas.
Ihre Freundin hingegen meidet Sex, wo sie nur kann – alle Argumente, die sie aufführt, sind vermutlich Ausreden. Und zwar weil sie eine Riesen Angst davor hat, aus welchen Gründen auch immer. Es ist nicht nur die Angst vor Schmerzen (ich habe Frauen hier in der Beratung, die bei jedem Sex Schmerzen haben und trotzdem 2x die Woche mit ihrem Freund schlafen!). Da muss noch ganz viel anderes sein, vielleicht sogar ein Missbrauch in der Kindheit. Aber das kann ich nicht leisten, diese Gründe herauszufinden. Ich möchte Ihnen raten, ein sehr ernsthaftes Gespräch mit Ihrer Freundin zu führen, und ihr zu sagen, dass diese Beziehung für Sie unbefriedigend ist und dass Sie zusammen mit ihr zu einer Paarberatung gehen möchten. Suchen Sie eine nette weibliche Beraterin aus, dann wird es Ihrer Freundin leichter fallen, mal wenigstens zu einem unverbindlichen Info-Gespräch mitzukommen.
Vielleicht ist es Ihrer Freundin nicht klar, aber eine Paar-Beziehung mit so wenig Sex ist extrem ungewöhnlich. Ist ihr klar, dass Sie bisher eine unglaubliche Geduld aufgebracht haben? Dass jeder andere Mann schon längst davongelaufen wäre? Sex ist doch das Schönste, was ein Paar teilen kann – warum verweigert sie Ihnen diesen Genuss und riskiert, dass daran Ihre Liebe zerbricht?

Übrigens: Bitte benutzen Sie NIE das Wort “frigide” – da können Sie genausogut “scheintot” sagen.
Herzlichst
Beatrice Poschenrieder

Hallo Beatrice,
Sie haben recht, dass ich ganz schön frustriert bin, dass meine Freundin in den zweieinhalb Jahren selbst gar kein Verlangen nach Verkehr entwickelt hat. Ich bin ein sehr sensibler und rücksichtsvoller Mensch und habe sie bisher nie gedrängt. Aber die Geduld, die ich aufgebracht habe, ist wirklich ziemlich groß. Vor allem, weil ich meine Freundin liebe und ihr dies auch in der größtmöglichen Nähe zeigen würde. (Hinzu kommt natürlich, dass ich noch niemals Sex hatte und gerne mit meiner Freundin das erste Mal erleben möchte, wohlwissend, dass das erste Mal nicht immer das Highlight des ganzen Sexlebens sein kann.)
Ich habe auch schon von anderen gehört, dass ich ein Gespräch mit meiner Freundin führen sollte – vielleicht am besten völlig losgelöst von irgendwelchen sexuellen Berührungen. Was meinen Sie?
Rainer (33)

Lieber Rainer,
genau das würde ich Ihnen raten. Trauen Sie sich, auch wenn es bedeutet, dass Ihre Freundin erst mal ablehnend reagiert und so Sachen sagt wie “dann solltest du dir lieber eine andere suchen”. Lassen Sie sich nicht davon irritieren. Warten Sie gelassen ab und geben Sie Ihrer Freundin ein wenig Zeit, drüber nachzudenken. Kommt sie nach zwei Wochen noch immer nicht auf Sie zu, dann sprechen Sie es nochmal an. Lassen Sie nicht locker. Es ist vollkommen legitim, dass Sie sich eine Partnerschaft mit einem erfüllten Sexualleben wünschen. Dies ist auch eins der Themen in meinem Buch “Sexbewusstsein” – bitte unbedingt lesen, das wird Sie weiterbringen! (Infos siehe unten)
Alles Gute
Beatrice Poschenrieder
„Sexbewusstsein“

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