Ich hab mich sexuell weiterentwickelt, meine Frau nicht

Hallo Beatrice!
Ich bin seit 10 Jahren verheiratet, habe drei Kinder und bin insgesamt mit meiner Frau (34) seit 14 Jahren zusammen. Am Anfang unserer Beziehung war Sex einer der wichtigsten Punkte. Naturgemäß hat das über die Jahre abgenommen. Das Problem ist, dass über diesen Zeitraum hinweg ich mich natürlich auch sexuell weiterentwickelt habe, ganz im Gegensatz zu meiner Frau. Die möchte eigentlich noch den selben Blümchensex wie zu Beginn.
Während ich dieses sexuelle “Defizit” anfangs noch ganz gut kompensieren konnte, denke ich mittlerweile schon fast ernsthaft über eine Trennung nach.
Ich gebe zu, dass meine sexuellen Phantasien für einen Normalbürger etwas ausgefallen sind, aber gehört zu einer guten Beziehung nicht auch das Verständnis für den Partner?
Meine konkrete Frage an dich ist: Ist es “normal”, dass man 14 Jahre lang an den selben wenigen Sexpraktiken festhält? Denn wenn dem so wäre, wüsste ich zumindest, dass dieses Problem in meiner und nicht in ihrer Person begründet liegt.
Namenloser (38)

er steht auf SM mit Peitsche in der Hand, sie laechelt naiv

Hallo Namenloser!
Bevor ich was dazu sage, hätte ich noch Rückfragen:
1) Wie oft habt ihr in letzter Zeit Sex und was umfasst der? (Oralsex? versch. Stellungen? Spielzeug oder andere Zutaten? andere Orte als das Bett? usw.)
2) In welcher Richtung hast du dich entwickelt bzw. welche speziellen Wünsche hast du?
3) Hast du deiner Frau von deinen Wünschen erzählt? Wenn ja, wie oft und wie ausführlich? Wie hat sie reagiert?
4) Geht deine Frau wenigstens teilweise auf deine Wünsche ein? Wenn ja, inwiefern? Wenn nein, warum nicht?
5) Hast du sie schon mal gefragt, ob sie “Sonderwünsche” hat?
6) Wie läuft eure Beziehung sonst so?
7) Seid ihr noch zärtlich zueinander, schmust ihr noch? Wenn ja, wie oft?
8) Liebt ihr euch noch?
9) Wie hast du das “Defizit kompensiert”?
Bis bald, Beatrice

Hallo Beatrice!
zu deinen Fragen:

1. Wir haben so ca 10 mal im Monat Sex.
Oralsex ja mit etwas Einschränkungen, da sie frisch gewaschen sein muss, um es zuzulassen, dass ich sie oral verwöhne.
Verschiedene Stellungen ja (drei), seit 14 Jahren dieselben: ich oben oder sie oben oder von hinten.
Toys mag sie nicht so gerne dabei, weil sie ja mich hätte; sie setzt ihre vibratoren wohl ehr dann ein, wenn ich auf Geschäftsreise bin (nehme ich zumindest an).
Manchmal haben wir auch im Wohnzimmer Verkehr, wobei das durch die Kinder natürlich etwas schwierig ist.

2. Die Richtung, in die ich mich entwickelt habe: eine Mischung aus Dirty Talk und dass ich mal gewisse Elemente aus dem “sexuellen Machtspiel” ausprobieren möchte (z.B. Fesseln, Rollenspiele); eine definitive Richtung kann ich aufgrund mangelnder Erfahrung ja nicht entwickeln. Wobei ich unterstreichen möchte, dass ich einfach den neuen Kick suche und mich durch unseren Blümchensex nicht mehr befriedigt fühle.

3/4. Ja, ich habe es versucht, natürlich schonend, ich kann ja nicht einfach zu ihr sagen, du jetzt will ich mal das oder das probieren. Dementsprechend haben wir mal ein Wochenende allein ohne Kinder in einer Stadt verbracht und ich habe probiert, ihr meine Wünsche etwas näherzubringen, indem ich davon erzählt habe, was ich “angeblich” gehört oder im Fernsehen gesehen habe. Sie teilte mir dann mit, wie abstoßend sie solche Sexpraktiken findet und wie froh wir doch mit unserem “normalen” geregelten Sexleben sein könnten.
Da fehlt mir dann ehrlich gesagt der Mut, mich ihr weiter zu offenbaren.
Klar habe ich immer wieder versucht sie auf unsere vorhandenen sexuellen Defizite hinzuweisen; einmal auch etwas unter Einfluss von Alkohol, weil das meine Schamgrenze etwas reduziert hat.
Der Erfolg ist eigentlich immer derselbe, sprich, keiner, auch als ich einige meiner Wünsche, z.B. Dirtytalk und beiderseitige anale Spiele ihr offen gesagt habe, hat sich außer totaler Verwunderung über meine seltsamen Wünsche keine Reaktion eingestellt.

5. Ja, hab sie schon gefragt, ob sie auch bestimmte Sexwünsche hat; aber nein, sie findet alles so wie es ist, wunderbar.

6. Unsere Beziehung ist insgesamt gut; natürlich kabbeln wir uns ab und zu und ca einmal im Jahr haben wir dann auch einen “lauten” Streit, aber langfristig kann keiner dem anderen wirklich böse sein.
Aufgrund meiner wenigen Freizeit obliegt meiner Frau praktisch komplett die Erziehung unserer Kinder, was für sie bei mit sicherheit nicht immer einfach ist, sie teilweise auch sehr stark mitnimmt und zu einer gewissen Launigkeit führt, diese hat jedoch unsere Beziehung nie langfristig belastet.
Einer unserer größten Streitpukte ist meine hohe Arbeitszeitbelastung; ich verlasse morgens um ca 7:00 Uhr das Haus und komme in der Regel nicht vor 20:00 bis 21:00 zurück; desweiteren sind ca. 20 Wochenenden im Jahr durch Messen usw. nicht für die Familie nutzbar.
Allerdings hat sie mich unter diesen bzw ähnlichen Gesichtspunkten kennen gelernt, und im allgemeinen kommt sie auch mit dieser Situation gut zurecht.

7. Zärtlichkeit zählt nicht grade zu meinen Stärken; Schmusen, ohne daraus eine sexuelle Erregung abzuleiten, fällt mir sehr sehr schwer und kommt dementsprechend selten bei uns vor. Hinzu kommt, dass durch unsere Kinder die Zeit für uns beide relativ gering ist.

8. Ja, ich liebe sie, und ich glaube und hoffe, dass sie mich auch liebt.

9. In erster Linie durch Verdrängen, desweiteren durch viel Sport (ich laufe jeden Morgen meine 8 km statt Holzhacken) und einen gewissen Teil durch bezahlte Internet-Chats, weil ich dort ohne Probleme meine Sexfantasien “ausleben” kann.

Warte gespannt auf deine Antwort
Namenloser

Hey Namenloser,
du hattest gefragt:
“Gehört zu einer guten Beziehung nicht auch das Verständnis für den Partner?”
Natürlich. Aber Verständnis bedeutet nicht, dass man die Vorliebe selber teilt und mitmacht. Verständnis in eurem Fall würde zum Beispiel bedeuten, dass sie es duldet, dass du dich ab und zu in Chats rumtreibst – sofern das nicht die gemeinsame Zeit und Haushaltskasse zu sehr belastet.

Zuerst einmal möchte ich dir sagen: So eine gute Beziehung möchtest du über den Haufen werfen, nur weil sie nicht auf deine Sonderwünsche eingeht? Ich denke, da würdest du viel mehr verlieren als gewinnen. Denn du kannst dich beziehungsmäßig wirklich glücklich schätzen. Die meisten langjährigen Beziehungen sind bei weitem nicht so gut wie deine. Und nach 14 Jahren noch zweieinhalb mal die Woche Sex – boah, das ist echt viel. Die meisten haben nach 14 Jahren gar keinen Sex mehr, oder wenn´s hoch kommt, einmal im Monat – und zwar BLÜMCHENSEX!
Okay, auf der anderen Seite versteh ich ja, dass dir das immergleiche Programm nach so vielen Jahren langweilig ist. Sex gehört nun mal zu einer erfüllten Beziehung, und natürlich möchte man Sex, der Spaß macht.
Was die sexuelle Entwicklung betrifft: Es ist normal, dass man sich sexuell weiterentwickelt; es ist aber ebenso normal, dass man bei den Dingen bleibt, die einem gefallen und die einen nicht ängstigen. Im Prinzip sind deine Neigungen nicht besonders ausgefallen, und eine offene Frau würde sicherlich zumindest mal einen Ansatz dazu versuchen, aber: Ich vermute, dass deine Frau tief drinnen ein wenig Angst hat, auf deine Neigungen einzugehen, weil du, sobald sie mal drauf eingeht, “immer mehr” fordern könntest, sprich, sich die Sache in eine Richtung entwickelt, die ihr gar nicht mehr zusagt. Behalte das im Hinterkopf.
Dazu kommt ein sehr wichtiger Punkt. Wie dir vielleicht bekannt ist, ist den meisten Frauen in einer längeren Beziehung (und auch sehr vielen in einer kürzeren Beziehung) die Zärtlichkeit und körperliche Verbindung wichtiger als der pure Sex bzw irgendwelche Praktiken; ferner haben sie im Durchschnitt eine deutlich längere Anlaufzeit für Sex als Männer, sprich, Frauen brauchen, um erotisch gebefreudig zu werden, ZEIT und KÖRPERLICHE ZUWENDUNG!!* Aber deine bedauernswerte Frau hat nicht nur kaum zweisame Zeit mit dir (diese Arbeitszeiten!! Und dann noch 20 WE´s im Jahr nicht da!!), sondern du schmust auch kaum mit ihr. Sie soll sozusagen aus dem Stand heraus von jetzt auf gleich umswitchen in ein wildes Flittchen. So geht´s aber nicht!
* Bitte schau dazu das Video, was ich dir unten anhänge!

“Schmusen, ohne daraus eine sexuelle Erregung abzuleiten, fällt mir sehr sehr schwer”:
Ja und, dann bist du halt erregt. Das bedeutet ja nicht automatisch, dass du deine Frau dann zur Verfügung haben musst, um deine Erregung loszuwerden.

Ich möchte dir folgendes vorschlagen:
Arbeite zunächst einmal dran, einfach nur frischen Wind in euer Liebesleben zu bekommen. Das wäre ja schon mal eine große Verbesserung, wenn du mehr Zeit in euer Liebesleben und den Sex investieren würdest und auch im Alltag mehr mit ihr schmusen würdest und ihr wieder verstärkt zeigen würdest, wie toll und wie begehrenswert du sie findest. Denn eine Frau, die viel bekommt und sich geliebt fühlt, ist auch eher bereit zu geben.
Mit ”mehr Zeit in euer Liebesleben und den Sex investieren würdest” meine ich nicht, dass du noch öfter mit ihr schlafen sollst. Sondern dass du mehr Zeit in eure gemeinsamen Stunden und in den einzelnen Akt investieren sollst. Klingt klischeehaft, hilft aber meist: Schenke ihr “romantische Abende”. Organisiere und bezahle einen Babysitter, führe sie aus, gib ihr was Gutes zu trinken (Alkohol lockert und macht “offener”), verwöhne sie nach Strich und Faden. Gib ihr ein richtig gutes langes Vorspiel (nach ihrem Geschmack). Denn je erregter eine Frau ist, desto eher lässt sie sich auch gehen und ist bereit für Neues. In so einer Situation könntest du irgendwann mal mit dirty Talk anfangen (SEHR VORSICHTIG!! ERST MAL MIT HARMLOSEREN WORTEN!!!) oder auch ihr die Augen verbinden und sie mit Federn o.ä. streicheln.
Anregungen findest du in Hülle und Fülle in meinem Buch «Sex für Faule und Gestresste: So holen Sie mehr aus Ihrem Liebesleben – mit weniger Aufwand!».
Darin gibt es sogar einen großen Extra-Teil für Männer, wo ich alle Kniffe und Herangehensweisen beschreibe zum Thema “Wie wird meine zurückhaltende Frau zum Luder?” bzw. “Wie krieg ich mehr im Bett”.

Worum es geht: Wenn du eine viel bessere zeitliche und körperlcihe Basis herstellst, wird sie im Laufe der Zeit auch offener für Dinge in deiner Richtung werden. Wichtig ist auch, dass du ihr da nichts aufdrängst und sie niemals damit überfällst. Du musst viel Geduld haben. Aber ich denke, es lohnt sich. Am schönsten wäre natürlich, wenn ihr euch wieder neu ineinander verliebt!
Viel Erfolg
Beatrice Poschenrieder