Schwacher Sextrieb? Ich habe immer nur am Anfang einer Beziehung Lust

Bei jedem neuen Mann habe ich eigentlich viel Lust, aber sie lässt radikal nach, wenn die Beziehung eine Weile läuft oder enger wird

Am Anfang der Beziehung Lust auf Sex, dann keine mehr

Liebe Beatrice,
Alle meine Beziehungen endeten bisher ähnlich: Irgendwann hatte ich keine Lust mehr auf Sex… er wurde immer seltener, ich habe mir eingebildet, dass ich einfach generell ein Problem mit meiner Sexualität habe und von Natur nicht oft (fast nie) will, bis ich dann irgendeinen anderen Mann sexuell attraktiv fand und mich trennte. Im Nachhinein bin ich immer davon ausgegangen, dass es wohl irgendwelche anderen Probleme in der Beziehung gab, die sich in meinem schwindenden Bedürfnis nach Sex widergespiegelt haben.
Nun bin ich seit knapp 2 Jahren mit meinem Freund zusammen (allerdings war er davon über ein Jahr im Ausland). Zum ersten Mal in meinem Leben kann ich mir bei einem Mann ernsthaft Familie und ewiges Zusammensein vorstellen. Unser Sex war von Anfang an sehr gut (das war allerdings sonst auch immer so; ich habe immer Spaß am Sex, wenn ich ihn denn habe, und bin wohl eine der wenigen Frauen, die eigentlich immer einen Orgasmus beim Verkehr haben, selbst wenn ich nicht vollkommen entspannt bin!). Leider stellt sich jetzt mein altes Problem wieder ein und ich bin wirklich verzweifelt… Diesmal fehlt mir wirklich jede Form der Erklärung, da mich an ihm nichts stört und ich ihn nach wie vor auch extrem attraktiv finde. Das Schlimmste daran ist, dass ich nicht einfach nur weniger Lust habe als er, sondern richtig verkrampft auf viele seiner Annäherungsversuche reagiere… Ich werde traurig, aggressiv, fühle mich sexuell bedrängt. Es ist schon so weit, dass ich Situationen, in denen Sex stattfinden könnte, vermeide…

Natürlich ist er frustriert, was ich auch verstehen kann. Zwar habe ich ihm von diesen Gefühlen (nicht ganz so deutlich) erzählt und er versucht auch rücksichtsvoll zu sein, aber es hilft nicht wirklich… Selbst wenn er nichts “startet”, fühle ich mich unter Druck, da ich weiß, dass er mir gerne näher wäre und eigentlich unbefriedigt mit der Gesamtsituation ist. Das führt dazu, dass ich mich allein mit ihm zu Hause gar nicht mehr richtig entspannen kann. Und das, obwohl ich mir ein Leben ohne ihn nicht vorstellen kann; das ist doch völlig überzogen… ich weiß echt nicht mehr weiter!
Ariane (36)
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Liebe Ariane,
ich hätte da noch ein paar Fragen:
1) Wie oft hattet ihr in den ersten vier Monaten Sex? Und wie war der für dich?
2) Wann wurde der Sex deutlich weniger? Bitte versuch dich zu erinnern, ob es ein bestimmtes Ereignis oder Gefühl gab, das dem Abklingen deiner Lust vorausging?
(Falls ihr euch im ersten Jahr der Beziehung kaum gesehen habt, dann beschreibe bitte die Zeit, in der ihr eine “normale” regelmäßige Beziehung hattet.)
3) Wie oft habt ihr jetzt Sex, und wie ist der für dich?
4) Wie oft ergreift du derzeit die Initiative zum Sex?
5) Wie schaut´s aus mit Küssen (richtigen Küssen) und Schmusen?
6) Wann und wie lang ging deine längste Beziehung, wie war sie, wann ließ deine Lust nach, wie endete sie?
7) Denk mal ausgiebig nach: Unter welchen Voraussetzungen hättest du wieder richtig Lust auf deinen Freund?
8) Bedrängt er dich in irgendeiner Form, engt er dich ein, will er bindende Zukunftspläne mit dir machen?
Bis bald, Beatrice
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Liebe Beatrice,
zu den Antworten deiner Fragen:
1) Wir hatten am Anfang (die ersten 2 Monate, danach ging er bereits in den Auslandsaufenthalt) eigentlich immer Sex, wenn wir uns getroffen haben und bei einem von uns zu Hause waren. Ich war dabei genauso treibende Kraft wie er und hatte sehr viel Spaß daran.

2) Während des Auslandsaufenthalts haben wir uns für 2 Monate gesehen. In dieser Zeit hatten wir das erste Mal die Möglichkeit, uns jeden Tag zu sehen, und das taten wir auch. Da es zwischen uns normal war, sehr regelmäßig Sex zu haben, wurde es ziemlich schnell zum Thema, als ich dann einige Male abgeblockt habe. Ich kann mich nicht erinnern, warum ich zu dieser Zeit keine Lust hatte, aber ich weiß, dass ich ziemlich schnell diesen Druck in mir hatte: “Ohh, wir haben jetzt 2 Nächte nicht, jetzt wäre es mal wieder dran” … diese Gedanken haben in mir diese Abwehrgefühle
hervorgerufen, die ich mir nicht erklären kann. In dieser Zeit habe ich versucht meinem Freund zu erklären, was sich in mir abspielt…und er hat (erfolgreich) versucht mir mehr Raum zu geben. Es kam dann wieder (allerdings nur von mir ausgehend) entspannter zum Sex. Aber es kann doch nicht normal sein, dass ich mich nur wohl fühle, wenn ich alle Fäden in der Hand habe und mich sonst fast schon sexuell belästigt fühle???!

3) Ich lasse es ja fast nie zum Sex kommen, wenn ich es nicht initiiere (das ist für ihn natürlich etwas verletzend)…und daher fühle ich mich immer gut, wenn wir miteinander schlafen. Natürlich ist es manchmal entspannter und freier als andere Male, aber ich denke, das ist normal. Momentan haben
wir vielleicht 1mal die Woche Sex.

4) Naja, immer wenn wir Sex haben, geht es von mir aus… muss es von mir ausgehen. Allerdings versucht er es auch öfter… dabei geht es dann sofort mit diesen krassen Negativgefühlen ihm gegenüber los und ich fühl mich richtig unwohl (seit der letzten Woche hat er sich etwas zurückgezogen, weil er gemerkt hat, dass ich wieder so verkrampft bin).

5) Auch beim “Knutschen” und Schmusen geht es mit diesem Stress ziemlich schnell los. Wenn wir allerdings in einer Situation sind, in der es nicht zum Sex kommen könnte (Öffentlichkeit, keine Zeit etc.), kann ich mich dabei meist eher entspannen und bekomme auch Lust auf Sex mit ihm.

6) Meine längste Beziehung war knapp 3 Jahre lang. Allerdings hatte ich schon nach dem ersten Jahr ähnliche Probleme mit dem Sex. (Andere Männer fand ich aber durchaus sexuell attraktiv.) Einige Male am Ende ließ ich es sogar ihm zuliebe zum Sex kommen, als ich absolut keine Lust hatte, und habe mich richtig elendig und schmutzig dabei gefühlt. Viele andere Faktoren stimmten hier auch nicht (z.b. er hat viel gekifft und war in der Beziehung und im Job sehr antriebsarm… aufgrund dessen konnte ich mir eine dauerhafte Bindung nicht mehr richtig vorstellen und habe häufig an Trennung gedacht). Damit habe ich mir meine “Unlust” damals erklärt.
Irgendwann habe ich mich dann in einen anderen Mann verguckt. Dies war für mich der (letzte) Anlass, die Beziehung zu beenden.

7) Es sind gar nicht so sehr äußere Voraussetzungen (glaube ich), sondern eher dieser innere Druck, den ich verspüre, da ich weiß, er ist sexuell nicht ganz ausgelastet/befriedigt. Wenn ich irgendwie an Sex denke oder Lust verspüre, passiert das immer im Zusammenhang mit Gedanken an ihn….also, es ist denke ich nicht so, dass er nicht mehr attraktiv genug für mich ist.

8) Ja, er will genau wie ich eine gemeinsame Zukunft mit mir. Damit engt er mich aber in keinster Weise ein. Naja und ansonsten bedrängt er mich schon insofern manchmal, weil er mich eben versucht wild zu knutschen oder ähnliches und ich dann oft blockiere….aber das ist ja eher mein subjektives Bedrängnisgefühl, was ich selbst nicht ganz verstehe.

So, vielleicht gibt es noch eine Sache, die erwähnenswert ist. Jedes Mal,wenn ich mich von einem Mann getrennt habe (und dann auch zum Schluss keinen Sex mehr wollte), hatte ich überhaupt keine Probleme damit, relativ schnell wieder mit anderen Männern Sex zu haben. Dieser Sex war dann immer unverkrampft, freizügig und völlig unkompliziert. Die Probleme stellten sich immer nur mit der Zeit ein…und meine Erklärung war immer: Gut, war wohl nicht der Richtige. (Habe mich schon richtig bindungsunfähig gefühlt…) Dies will ich jetzt nicht mehr akzeptieren, da ich mir eine Zukunft ohne meinen Freund nicht vorstellen kann!!
LG, Ariane
PS: Noch etwas…
Ich habe es vorher nicht geschrieben, weil es mir unangenehm war: Während wir räumlich getrennt waren, nachdem wir im letzten Sommer erste Probleme mit dem Sex hatten, hatte ich eine Affäre. Durch die Entfernung fehlte mir einfach der Bezug zu meinem Freund und die Gefühle zu ihm waren ziemlich abstrakt und weit entfernt… Dies habe ich meinem Freund auch ziemlich schnell gestanden, während er noch weg war… nachdem er dann wieder in Deutschland war, waren wir deswegen zunächst 3 Monate getrennt. Ich habe gemerkt, dass ich ohne ihn nicht sein will, ihn furchtbar vermisse und mit allen Mittel versucht ihn zurückzugewinnen. Als wir wieder frisch zusammen waren, war der Sex die ersten 2 Monate wieder wunderbar und völlig problemlos….danach (vor 2-3 Wochen) fing es dann wieder an mit meinen üblichen Problemen an.
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Liebe Ariane,
also man kann schon mal sagen: es liegt nicht daran, dass du von Natur aus einen schwachen Sextrieb hättest.
Ich denke, dass es kompliziert bei dir ist und da mehrere Faktoren zusammenwirken, die das Nachlassen deiner Lust bewirken. Einer davon ist wahrscheinlich, dass irgendwo in deinem Unterbewusstsein fest verankert ist, dass eine Frau in einer Partnerschaft eine Pflicht zu regelmäßigem Sex hat und dass dies eine LEIDIGE Pflicht ist und dass der Partner, der irgendwo / irgendwie sein “Anrecht” auf diesen regelmäßigen Sex deutlich macht, die Frau im Prinzip auch benutzt und beschmutzt.
Kann es sein, dass deine Mutter dir sowas in der Art vermittelt hat?
Ein weiterer Faktor ist versteckte Bindungsangst. Wenn es enger und ernster wird mit einem Mann, kriegt irgendwas in deinem Innern ein Gefühl der Enge und des Ausbüxen-Wollens, aber da dein Ich-Bewusstsein und dein Wille, die Beziehung zu halten, das Ausbüxen nicht zulassen, tut es an seiner Stelle dein Körper. Er lässt nicht mehr so viel Nähe zu, weder beim Sex noch beim Schmusen.
Ein dritter Punkt ist, dass du dich nur dann körperlich / sexuell öffnen kannst, wenn du die Kontrolle über das Geschehen hast. Das ist z.B. bei Menschen der Fall, die, wenn sie als Kind einer bestimmten Bezugsperson “ausgeliefert” waren, oft unangenehme Dinge erfahren mussten.
Und vermutlich kommen noch ein, zwei andere Faktoren hinzu, die ich in meiner kleinen Beratung hier nicht analysieren kann (dazu müssten wir viel mehr in die Tiefe gehen).

Ob du das allein beheben kannst?
Ich glaub nicht, weil das in der Regel sehr fest verankerte Strukturen und Prägungen sind. Ich denke, wenn du das wirklich wegkriegen und deine Beziehung retten willst, solltest du die Hilfe einer Fachfrau in Anspruch nehmen.
Herzlichst
Beatrice Poschenrieder

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