Zusammenziehen? Sie weiß noch nichts von meiner SM-Neigung

Bisher hat er seine Sado-Maso-Neigung vor seiner Freundin verheimlicht; wird alles auffliegen, wenn sie eine gemeinsame Wohnung teilen?

Hey Beatrice!
Ich habe ein großes Problem. Ich bin mit meiner Freundin fast 2 Jahre zusammen, bisher lief auch alles bestens. Doch mich plagt immer mehr mein Gewissen. Wir überlegen bald zusammenzuziehen und ich bin mir nicht sicher, ob ich das wirklich will, obwohl ich sie total liebe. Vor einiger Zeit, bevor ich sie hatte, bemerkte ich, dass ich auf SM stehe (bin devot). Ich habe solche Videos immer benutzt, wenn ich Selbstbefriedigung gemacht habe. Doch auch nachdem ich mit ihr Sex hatte, hatte ich immer noch das Verlangen mir solche Videos und Bilder anzuschauen. Ich kam nicht auf die Idee, so etwas von ihr zu fordern.
Der Sex mit ihr war auch klasse und ich war völlig zufrieden. Dennoch hab ich daheim immer wieder diese SM-Sachen gebraucht.
Was aber paradox ist: Ich stehe nicht darauf, wenn sie z.B. aus Spaß mal mich beißt oder feste kneift. Starke Schmerzen wirklich erleben, finde ich so schrecklich wie jeder andere! Ich mag es eher dominiert zu werden, mich hilflos (z.B. gefesselt) zu fühlen.
Irgendwann habe ich einfach Gewissenbisse bekommen. Jedes Mal, wenn ich mich selbstbefriedigt hab, habe ich mich dann total beschi… gefühlt. Das ging sogar soweit, dass ich 2 Wochen lang bei ihr im Bett keinen mehr hochbekommen habe. Dann dachte ich mir, ich hör mit dem SM-Zeug auf. Aber ich bin wie süchtig. Als mein PC kaputt war, war es kein Problem. Aber sobald er wieder da war, war die Versuchung zu groß, führte zu totalen Konzentrationsproblemen, welche nur dadurch beigelegt werden konnten, wieder so Bilder anzuschauen. Irgendwie völlig unerklärlich für mich, aber seitdem komme ich fast immer zu früh.
Weil das mich so deprimiert, flüchte ich mich dann wieder in die Selbstbefriedigung mit solchen Bildern.
Ich weiß jetzt nicht, was ich machen soll. Versuchen aufzuhören und zu schweigen? Ihr alles erzählen und sie darum bitten, ab und zu mir eine Freude zu machen, dass sie sozusagen meine Domina spielt? Oder würde so ein gelegentliches SM mit ihr das noch verschlimmern??
Das Grundproblem bei der ganzen Sache ist mein Gewissen.
Jasper (21)

Was tun, wenn nur der Mann SM-Sex will und die Frau nicht?

Lieber Jasper,
ich hätte da noch eine Rückfrage…
Ist es wirklich dein Gewissen, was dich bedrückt, oder eher die Angst, dass deine Neigung rauskommt und du deswegen verurteilt wirst? Falls Gewissen: Warum genau?
Bitte versuch, es mir so ausführlich wie möglich zu erklären. Vielleicht hast du auch eine Idee, wie sich deine Neigung entwickelt hat bzw. woher sie kommt? Das könnte uns helfen, eine Lösung zu finden.
Noch etwas: Was genau macht dich an? Wie sollte deine Freundin die Domina spielen? Was stellst du dir da vor?
Bis bald, Beatrice

Hallo Beatrice!
Mich plagen sowohl das Gewissen als auch die Angst, dass es rauskommt.
Vom Gewissen her plagt es mich, dass sie eigentlich ein Recht darauf hat, dies zu wissen, und je früher ich sie damit konfrontiere, desto eher werde ich merken, ob sie es akzeptieren kann! Weil, je länger ich warte, desto schmerzhafter wird eine Trennung.
Ich lasse sie zurzeit in einer Illusion leben, spiele ihr vor, keine speziellen sexuellen Neigungen zu haben.
Hinter ihrem Rücken befriedige ich mich bei solchen Bildern und Videos selbst. Vielleicht sieht sie im Fernsehen in irgendeiner Gerichtsshow etwas über Leute, die auf so etwas stehen, und denkt: “Zum Glück ist mein Freund nicht so.” Ich belüge sie damit.

Angst vor Verurteilung, hm. Sie wird sicher nicht sagen: “Igitt, verpiss dich, du perverses Schwein”, aber es kann gut sein, dass sich dadurch das ganze Bild von mir in ihrem Kopf ändert und ihre Gefühle zu mir nach und nach verblassen.

Ich fordere kein ständiges Gefessle, sondern allein, dass sie es toleriert und mir ab und zu mal dieses Bedürfnis befriedigt.
Sie soll nicht wirklich meine Domina spielen. Das finde ich selbst paradox, es macht mich an, dominante Frauen zu sehen, wie sie Männer unterwerfen, dennoch wünsche ich mir von ihr “zärtliche” Fesselspiele. Das heißt, ohne Erniedrigung, Unterwerfung und Schmerzen (also kein SM). (Ich denke, das ist eine strikte Trennung zwischen Phantasie und Realität, weil wenn sie mir echt weh tut, finde ich daran nichts Schönes mehr.)
Mir geht es eher nur darum, mich wirklich gehen lassen zu können, mich ihr hilflos auszuliefern, ihr die Macht über mich zu geben!
Echte Dominas verkörpern dies in einer extremeren Art und Weise auch und machen mich, wenn ich es sehe, geil.
Aber wenn ich so eine Härte in echt spüre, ist mir der Schmerz zu hart, die Erniedrigung zu deprimierend und mein Stolz lässt mich innerlich aggresiv werden.

Ich wünsche mir möglichst bequem gefesselt zu werden und dann eher Zärtlichkeiten zu bekommen. Oder bestimmte Reize spüren, die mich meine Wehrlosigkeit noch intensiver spüren lassen. (Z.B.: dass sie so den Sex-Akt ständig weiter hinauszögert und mich sehr spät, nach zahlreichen Unterbrechungen, erst kommen lässt, oder mich mit Eiswürfeln streichelt….)

Woher die Neigung kommt, weiß ich nicht. Als Kind schon fand ich beim Spielen Fesseln ganz cool (damals gab es natürlich noch keinen sexuellen Reiz dabei!). Ich denke, es liegt an der Art meines Charakters; ich bin ein Mensch, dem alle Entscheidungen sehr schwer fallen, ich mache mir über alles sehr viele Gedanken und Sorgen. Vor allem in Situationen, wo viel Verantwortung auf mir lastet.
Ich liege vorm Einschlafen immer knapp eine Stunde wach und komme nicht zur Ruhe, weil mir unendlich viele Gedanken im Kopf schwirren. Wenn ich Fehler im Leben mache, muss ich ständig dran denken, wie ich mich hätte anders verhalten können.

Was ich mit all dem sagen will: es entspannt mich total, wenn ich mich einfach mal führen lasse. Dass heißt, alle Verantwortung für einen Moment abgebe und sozusagen mein Schicksal ganz in ihre Hände lege – so komme ich gedanklich zur Ruhe. Wenn ich gefesselt bin, kann ich nichts mehr selbst machen, es ist sinnlos über den Moment nachzudenken, weil ich eh gerade nichts verändern kann, nichts machen kann.
Es ist ein Zustand von Ruhe und Frieden. Dies kann ich einfach total genießen, und am besten finde ich es, wenn ich so “gut” behandelt werde, dass mir, wenn überhaupt, nur leichte Schmerzen zugefügt werden, welche man eher nur als Sinnesreize beschreiben kann.
Jasper (21)

Sexbewusstsein: So finden Sie erotische Erfüllung

Antwort an Jasper:
Gut, dass ich nachgefragt hab! Jetzt ist doch vieles klarer.
Ich denke, dass es sehr vielen Leuten so geht wie dir – dass sie beim Sex einfach gern mal die Verantwortung abgeben und sich führen lassen wollen. Das ist ein legitimer und normaler Wunsch, wobei Frauen ihn eher erfüllt bekommen – einfach deswegen, weil es auch heute noch so ist, dass man Männern sexuell eher die aktive Rolle zuschreibt. Aber ich bin sicher, dass es extrem vielen Männern heimlich so geht wie dir: dass sie sich zumindest manchmal einfach passiv hingeben wollen und sich von der Partnerin dominieren lassen wollen. Die Hilflosigkeit durch die Fesselung erhöht den Reiz des Sich-Hingebens natürlich enorm.
Also: viele Männer wünschen sich das, aber nur wenige gestehen es sich überhaupt ein (geschweige denn der Partnerin), und noch weniger können es so exakt und plausibel ausdrücken wie du. Von daher sind deine Chancen auf Erfüllung nicht allzu schlecht…

Zuerst einmal möchte ich dir folgendes sagen: Du brauchst kein schlechtes Gewissen wegen deiner Neigungen zu haben. Fast jeder Mensch hat neben der Sexualität, die er nach außen zeigt, noch eine heimliche. Bei den meisten besteht diese nur in der Phantasie. Fast alle Menschen haben Phantasien, die sie sehr erregen, die sie aber nie zugeben würden, die sie zum Teil auch nie realisieren möchten. Daran ist nichts Verwerfliches, denn Phantasien bereichern unsere Sexualität. Und man muss sie beileibe nicht alle mit seinem Partner teilen! Was auch gut so ist, denn er bzw. sie würde bei manchen Punkten schon ein wenig erschrecken.
Allerdings ein etwas kritischer Punkt bei dir ist folgender:
“Ich bin wie süchtig. Als mein PC kaputt war, war es kein Problem. Aber sobald er wieder da war, war die Versuchung zu groß, führte zu totalen Konzentrationsproblemen, welche nur dadurch beigelegt werden konnten, wieder so Bilder anzuschauen…”
Ja, du hast bereits eine Onanier- und Porno-Sucht; und das Problem ist, je länger und je regelmäßiger du dieser Sucht nachgibst, desto mehr verstärkst du sie, bzw. fixierst sie in deinem Gehirn. Dem kommst du nur bei, wenn du all deinen Willen zusammennimmst und mindestens zwei Monate völlig darauf verzichtest.
Ich denke auch, es gibt einen Zusammenhang mit deiner Neigung, dich bei Fehlern fertig zu machen, bzw deiner Angst vor Fehlern (und damit Angst davor, die Verantwortung für etwas zu haben). Wenn du an diesen Ängsten arbeitest und sie verkleinerst, wird vermutlich auch dein Drang nach Selbstbefriedigung mit SM-Bildern nachlassen.

Außerdem ist es etwas schwierig, solche Aktivitäten geheim zu halten, wenn man mit dem Partner die Wohnung teilt, und das mag einer der Gründe sein, warum dir bei dem Gedanken des Zusammenziehens noch nicht ganz wohl ist. In dem Fall wären Sachen wie SM-Magazine, -Klamotten, -Accessoires und -Videos wahrscheinlich nicht drin. Sondern nur heimliche Besuche im Internet, wenn deine Freundin nicht zuhaus ist.
Aber vielleicht wäre das alles auch nicht mehr so nötig, falls du es zumindest teilweise mit ihr erleben könntest.
Also. Du musst behutsam und mit kleinen Schritten anfangen. Bitte kein SM-Geständnis! Denn im Grunde bist du kein wirklicher SMler. (Viele Männer und Frauen haben zum Beispiel homoerotische Phantasien, ohne schwul bzw. lesbisch zu sein.)
Du hast Lust drauf, dass sie dich fesselt und was mit dir macht, daran ist nichts auszusetzen. Ich kann mir auch nicht vorstellen, dass sie ablehnend reagiert, wenn du einfach nur mal sagst:
“Schatz, weißt du, was ich mal spannend fände? Wenn du mich fesselst und dann mit mir machst, was du willst. Es darf bloß nicht wirklich weh tun…. höchstens ein bisschen, das wäre okay.”
Du könntest sie auch vorher, um das Gespräch einzuleiten, fragen, was sie sich im Bett mal wünschen würde. Bitte sie, kein Blatt vor den Mund zu nehmen. Und egal was sie antwortet, zeige dich offen.

Tja, und falls sie dich tatsächlich mal fesselt, müsstest du dich hinterher begeistert zeigen, selbst wenn´s noch nicht ganz nach deinem Geschmack ausgefallen ist. Zu einem späteren Zeitpunkt könntest du dann einfließen lassen, was genau du dir fürs nächste mal wünschst. Dabei wanderst du auf einem steilen Grat: einerseits deine gezielten Vorstellungen, andererseits das Bemühen, sie nicht durch zu extreme Wünsche abzuschrecken und auf “negativ” zu polen.
Aber ich bin sicher, du bist feinfühlig genug, um diese Gratwanderung hinzukriegen und eine behutsame “Politik der kleinen Schritte” zu wählen.

Was das Zusammenziehen betrifft: Bitte deine Süße noch um Aufschub. Natürlich nicht mit der Begründung “ich will erst mal sehen, ob du sexuell auf mich eingehst”; denk dir was anderes aus, z.B. dein Problem mit Entscheidungen.
Und wenn das mit deiner und eurer Sexualität klarer siehst, kannst du immer noch über die gemeinsame Wohnung nachdenken.
Liebe Grüße, Beatrice Poschenrieder