Mein Freund ist devot, ich gehe auf ihn ein, aber bleibe selbst auf der Strecke

Liebe Beatrice,
ich (42) lebe seit fast 13 Jahren in einer Beziehung, mein Freund ist 36 und war damals sehr unerfahren (er war damals also 23, ich 29). Aber gerade das reizte mich. Er wollte von Anfang an ein eigenes Kind (ich hatte bereits eines), und nachdem die Beziehung gefestigt war, stimmte ich zu. Und da begann dann das Unheil.
Ab dem Zeitpunkt der Schwangerschaft vor 11 Jahren gab es sehr wenig Sex – mit sehr wenig meine ich ungefähr 2-3-mal im Jahr. Das war mir aber zu wenig, ich versuchte mit ihm zu reden, er versprach immer nur sich zu bessern. Leider ohne Ergebnis. Ich wurde immer unzufriedener und das wirkte sich auch auf mein Umfeld aus. Da aber der normale Alltag ohne Probleme verlief und ich immer wieder versuchte mit ihm zu sprechen, hielt ich durch und stürzte mich umso mehr in meine Arbeit.
Mein Vertrauen zu ihm war immer da, ich benutzte genauso seinen PC wie sein Handy, ohne auf die Idee zu kommen ihn zu kontrollieren. Nun, vor 3 Monaten suchte ich Hilfe zu einem Programm und stieß dabei auf etwas, das ich nie geglaubt hatte. Mein Freund benutzt seit Jahren den Namen des Programms als Nickname für verschiedene Inhalte. Es kam dann einiges ans Tageslicht.
Er hatte sich in verschiedenen Single-/Erotik-/Sex- und Videobörsen angemeldet, auf der Suche nach einer Affäre, Seitensprung und Ähnlichem. Ich stürzte in ein tiefes Loch. Am selben Tag packte ich meine Koffer zusammen, wartete, bis er nach Hause kam und sprach ihn darauf an. Was ich an diesem Abend erfuhr, ließ mich noch tiefer stürzen: Er besucht seit 5 Jahren verschiedene Dominas, um seine devote Veranlagung ausleben zu können (real, nicht virtuell!), und knüpfte über die Kontaktbörsen Kontakte zu Frauen, um dies weiter auszubauen.

Mein Partner will nur noch SM-Spielchen, keinen normalen Sex mehr

Er will nur noch devot sein, ich spiele mit, aber komme selbst sexuell zu kurz!

Tagelang diskutierten wir und überlegten, wie das Problem zu lösen sei. Ich ließ mich zu einer Versöhnung überreden (glaube halt immer an das Gute im Menschen), obwohl es mir sehr schwer fiel. Bin in sexueller Hinsicht sehr aufgeschlossen und zu den diversen Spielchen muss ich mich nicht überwinden. Doch immer öfter frage ich mich selbst, ob dies auch eine Zukunft hat.
Er bekommt zwar nun das, was er möchte (er ist beim Sex devot, ich dominant), doch habe ich das Gefühl, dass ich selbst auf der Strecke bleibe. Wenn ich ihn oral oder mit der Hand befriedige, ist alles in Ordnung, doch kaum will/soll er in mich eindringen, ist es vorbei, sein Penis wird schlaff und dann geht nichts mehr.
Obwohl wir seit dem Vorfall sehr viel darüber reden, gibt es keinerlei Anzeichen einer Besserung. Habe ihm eine Paartherapie vorgeschlagen, das möchte er jedoch nicht, da er der Meinung ist, das schaffen wir auch so.
Inzwischen belastet mich dieses Problem so sehr, dass ich mit meiner Arbeit nicht mehr nachkomme, meine Gedanken den ganzen Tag nach einer Lösung suchen.

Es stellen sich mir doch einige Fragen: Bin ich egoistisch? Gibt es überhaupt einen Ausweg aus dem ganzen? Wie kann ich weiter vorgehen?
Wäre über eine Hilfestellung sehr dankbar, denn momentan sehe ich keine mehr.
Heike (42)

Liebe Heike,
natürlich sind Sie nicht egoistisch. Die Sexualität in einer Partnerschaft ist sehr wichtig und muss für beide gleichermaßen schön und befriedigend sein. Wenn Sie sich total auf ihn einstellen, nur um ihn zu halten, und Sie selber kommen zu kurz, das geht auf Dauer nicht gut. Außerdem kann ich Sie gut verstehen, dass Sie frustriert und unglücklich sind. Dazu kommt, dass ja auch Ihr Vertrauen bis in die Grundfesten erschüttert ist. Tief drinnen befürchten Sie sicherlich, dass selbst der Sex, den Sie jetzt Ihrem Freund geben, ihn nicht zu 100 % zufriedenstellen wird, und das setzt Sie noch mehr unter Druck und belastet sowohl Ihre eigene Sexualität als auch Ihre Liebe.
“Normale” Sexualität mit Geschlechtsverkehr gibt Ihrem Freund nichts (mehr?), reizt und erregt ihn nicht; die Frage ist nicht nur, warum, sondern auch, ob er sich überhaupt wieder in Ihre Richtung bewegen will. Unter anderem spielt hier höchstwahrscheinlich der sog. “Madonna-Hure-Komplex” eine Rolle, der oft erst dann zum Tragen komme, wenn die Frau von dem Mann schwanger wird. (Dem ein bisschen näher auf die Spur kommen können Sie durch die Lektüre meines Buches «Sexbewusstsein: So finden Sie erotische Erfüllung».)

Ein Ausweg? Ja, eine Paartherapie.
Ihr Freund liegt völlig falsch, dass Sie beide das auch so hinkriegen. Das werden Sie nicht, dazu ist das Problem viel zu groß und sitzt viel zu tief.
Und eine Paartherapie wird nur dann etwas bringen, wenn a) der/die Therapeut/in wirklich ausgebildet und sehr erfahren ist in Sexualtherapie, und b) Ihr Freund bereit dazu ist. Aber das wird er vielleicht nur dann sein, wenn er deutlich sieht, dass es sonst für Sie nicht weitergehen kann – also dass Sie ernst machen, falls er nicht bereit dazu ist. Sprich, Sie selber sollten zu einer klaren Entscheidung finden: Entweder wir machen eine Therapie – oder ich gehe wirklich.
Der Zustand, wie er ist, macht Sie ja jetzt schon fertig. Das heißt, da muss sich was Einschneidendes ändern.

Wie können Sie weiter vorgehen?
1) Klare Entscheidung treffen, Entschlossenheit entwickeln und zeigen.
2) Sie können sich schon mal selbst schlau machen, welche Paartherapeuten in Ihrer Umgebung dafür in Frage kämen. Machen Sie Termine für Probegespräche, gehen Sie eventuell erst mal allein hin, um herauszufinden, ob der/die Therapeut/in was wäre oder nicht. Und wenn es von der Kompetenz und von Ihrem Gefühl her stimmt, dann gehen Sie zusammen mit Ihrem Freund hin.
Liebe Grüße und alles Gute
Beatrice Poschenrieder