Ich will täglich mehrmals, sie nur einmal im Monat, hilft eine Paartherapie?

Hi Beatrice,
nach einer gerade erlebten Diskussion inklusive Streit mit meiner Freundin, mit der ich seit 5 Jahren zusammen bin, war ich auf der Suche nach Antworten und bin auf deine Seite gekommen. Ich liebe meine Freundin über alles und dachte, eine gemeinsame Zukunft mit ihr aufzubauen ist das, was immer mein Ziel war. Allerdings merke ich langsam, wie ich mir meiner Ohnmacht bewusst werde, nichts ändern zu könnnen, und immer frustrierter werde.
Ich habe (leider) eine ausgeprägte Libido, so dass ich gerne jeden Tag Sex will. Meine Freundin scheint dieses Bedürfnis nicht zu teilen. Beziehungsweise im ersten Jahr unserer Beziehung war das eigentlich kein Problem, da zog sie fast immer mit, aber ab dem zweiten Jahr wurde es bzw ihre Lust allmählich immer weniger.
Das ist uns beiden bewusst und wir haben auch schon versucht dieses Problem anzugehen. Dabei haben wir uns beide sowohl an Literatur (von Beziehungsbüchern bis Sexualpraktiken) als auch an Spielzeugen versucht.
„erBeides hatte immer Erfolg, wenn auch nur kurzfristig. Seit 5 Monaten ist wieder sehr wenig los. Wenn es hoch kommt, haben wir vielleicht 1 mal im Monat Sex. Ich weiß, dass ich meine Freundin mit meinen Verlangen sehr unter Druck setzte, deswegen versuche ich seit Jahresbeginn, mich extrem zurückzuhalten. Das gelingt mir leider nicht ganz. Auch meine aufgestauten Emotionen mittels „Druckausgleich“ via Phantasien und Pornos (teilweise bis zu 3 mal am Tag) auszugleichen, helfen nicht viel, zumal diese Phantasien dann nicht mehr mit meiner Freundin zu tun haben und sicherlich auch keinen zwischenmenschlichen Sex ausgleichen können.
Obwohl Pornos für meine Freundin völlig ok sind.
Auch wenn ich mich meist beherrschen kann, so versuche ich dann dann doch (vermutlich 1 mal die Woche) intimer zu werden, wenn sie abends im Bett doch unerwartet auf mich zukommt. Ich dachte, keinen Sex, sondern nur „manuelle“ Befriedigung (was ein passender Ausdruck!) von ihr zu wünschen, würde keinen Druck ausüben… da lag ich wohl völlig falsch.
Ich bin wirklich frustriert und überlege, ob ich damit in Zukunft glücklich werden kann.
Insbesondere da ich nicht weiß, ob eine monatelange Zurückhaltung meinerseits wirklich auf Dauer Früchte tragen kann (jedenfalls habe ich das im Moment vor). Ihr davon zu erzählen halte ich nicht für sinvoll, da eine Trennungsoption meiner Meinung nach meine Freundin nur wieder unter Druck setzen würde. Die einzige Option, die mir im Momment einfällt, ist eine Beziehungstherapie. Aber auch hier befürchte ich, dass die Ergebnisse nur kurzfristig seien könnten.
Ich glaube nicht, dass unser Sexleben meine Freundin nicht befriedigt, jedenfalls bemühe ich mich darum, so gut wie es geht (tatsächlich habe ich immer ein schlechtes Gewissen, wenn sie keinen Orgasmus bekommt, obwohl ich ihr glaube, dass sie es trotzdem schön fand, wenn es mal nicht so war). Zumal sie immer diejenige ist, die das Vorspiel beendet und zur Sache kommen will (ach ja und sie ist dann auch definitiv feucht). Tatsächlich bin ich dabei mich emotional von meiner Freundin zu trennen (was ich eigentlich nicht will), doch kann ich selber nicht für mich sagen, dass ich mit der momentanen Situation glücklich werden (bleiben) kann.
Ich würde mich sehr über eine Antwort und Meinung von dir freuen.
Uwe (34)

Lieber Uwe,
natürlich haben die Bücher und Sextoys nicht nachhaltig geholfen, weil das Grundproblem wahrscheinlich nicht der “Lustmangel” deiner Freundin ist, sondern dein zu starker Drang.
So grob auf den ersten Blick scheint mir, als ob deine Freundin eigentlich eine recht gute Libido hatte (im 1. Jahr fast jeden Tag Sex!), aber durch deine überbordende Lust und den daraus resultierenden (auch unterschwelligen) Sexdruck immer mehr erdrückt wurde. Du dachtest nun zuletzt, dass dein Angebot, sie möge dich per Hand befriedigen, Druck von ihr nähme, aber das ist in die völlig falsche Richtung gedacht. Denn du scheinst irgendwo zu denken, dass es ihre Pflicht ist, dich sexuell zu befriedigen oder als ob du das Recht hast, von ihr Sex zu erwarten – und bei ihr kommt das so an, als ob dir deine Befriedigung wichtiger ist als die Frage, ob es ihr damit gut geht – das heißt, sie fühlt sich dann nicht wie die Frau, die du liebst, sondern wie dein Befriedigungsautomat. Dass sie das noch mehr abturnt, ist klar.
Und vielleicht ist da sogar was dran.
Denn dass du bis zu dreimal am Tag onanieren musst, obschon du kein hormonüberfluteter Teenager mehr bist, zeigt, dass du Sex zum emotionellen „Druckausgleich“ (wie du es selbst nennst) brauchst, und das kommt nicht nur durch den sexuellen Geiz deiner Freundin, sondern der starke Drang war ja schon immer da. Das bedeutet wiederum, dass du innerlich vielleicht gar nicht so stabil bist, wie du denkst, sondern dass du Sex als Stabilisator brauchst wie andere den Alkohol oder Beruhigungstabletten oder sonstige Suchtmittel.

Bevor du dich wirklich trennst von der Frau, mit der du eine Zukunft aufbauen wolltest, rate ich dir, dass ihr tatsächlich eine Paartherapie macht. Wenn es eine gute ist, bzw wenn es euch gelingt, den passenden Therapeuten zu finden, dann wird das euch auf jeden Fall helfen – entweder um mehr Gleichgewicht in eurer Sexualität hinzukriegen, oder als Entscheidungshilfe für einen klaren Schnitt bzw andere Lösungen.
Da es in so einer Beratung nicht nur darum gehen wird zu schauen, warum genau sich die Lust deiner Freundin so zurückentwickelt hat, sondern auch warum deine Libido so übermächtig ist, wäre es vielleicht nicht schlecht, einen männlichen Therapeuten zu suchen – oder noch besser, ein Paar. Macht Probetermine, probiert mehrere aus, falls der erste nicht hilfreich erscheint.
Ich weiß, das ist ein schwerer Schritt – es kostet Geld, Zeit und Überwindung – aber ich denke, es lohnt sich. Denn einen Menschen zu finden, den man liebt und der einen liebt, das ist noch schwerer. Tja und mit diesem starken Trieb wirst du bei fast jeder Frau Probleme kriegen…!
Alles Gute
Beatrice Poschenrieder