Ich hab mein Leben lang meinen Trieb unterdrückt, nun bin ich verheiratet und unser Liebesleben ist lausig
Hallo, Beatrice,
Vor drei Jahren begann ich dann eine Beziehung mit einem etwas schüchternen Mädel, um das ich jahrelang wie ein echter Kavalier gekämpft habe. Vor sechs Monaten haben wir geheiratet, und wir sind zusammen sehr glücklich. Nur eins fehlt fast völlig: der Sex. Erstens habe ich zu allem Überfluß auch noch eine Vorhautverengung, so daß richtiger GV bislang nicht geklappt hat. Zweitens ist meine Frau im sexuellen Bereich extrem gehemmt und macht von sich aus keine Vorstöße in diese Richtung. und drittens war ich anfangs noch so unerfahren, daß ich ihre Hemmungen und fehlende Reaktionen als Desinteresse gedeutet habe. Und dank meinem "Schutzwall" habe ich mir immer eingeredet, daß der Sex ja auch gar nicht so wichtig ist. Natürlich habe ich über all die Jahre immer fleißig masturbiert (3 bis 4 Mal am Tag).
Das Ganze ging tatsächlich drei Jahre ganz gut, nur meine sexuellen Avancen habe ich irgendwann ganz eingestellt, da Selbstbefriedigung schneller und besser ging. Leider ist vor ein paar Wochen dann mein "Schutzwall" zusammengebrochen, weil man sich eben nicht sein ganzes Leben lang selbst belügen kann, wenn es um so was wie Sex geht, das ja eigentlich sehr erstrebenswert ist. Nachdem ich mich damit abgefunden habe, daß ich de besten Jahre meines Lebens verschenkt habe, möchte ich unsere Beziehung jetzt mit einem erfüllten und häufigen Sexualleben ausstatten. Allerdings gibts da neben der Phimose (da arbeite ich dran) noch ein paar Probleme:
1. Durch die jahrelange regelmäßige Selbstbefriedigung bin ich ausschließlich auf Stimulation und Orgasmen durch meine eigene Hand fixiert. Alles andere (Handarbeit meiner Frau, ihre ersten vorsichtigen OV-Versuche) sind nicht so erfüllend, wie sie es sein sollten. Gibt sich das mit der Zeit, oder bin ich dauerhaft verkorkst? Das Masturbieren lasse ich jetzt natürlich sein.
2. Wie schaffe ich es, daß meine Frau ihre Hemmungen ablegt und von sich aus mal Lust auf Sex zeigt? Wie kann ich ihr diese Hemmungen nehmen? Ich will nicht, daß unsere Ehe daran scheitert, daß ich irgendwann mehr Sex will, als sie bereit ist, zuzulassen (ich habe ja auch einigen Nachholbedarf)? Und wie kriege ich es hin, meine eigenen Hemmungen loszuwerden und mich selbst mal ganz hingeben zu können (durch die Selbstbefriedigung bin ich sehr auf absolute Kontrolle beim Sex fixiert)?
3. Mich plagen etliche Selbstzweifel bei der ganzen Sache: Macht es überhaupt noch Sinn, jetzt ein Sexualleben aufzubauen? Ist es dafür nicht schon zu spät? Habe ich überhaupt noch das Recht auf ein erfülltes Sexleben (wenn es jemand verbockt hat, dann ja wohl ich)? Was ist, wenn der Sex dann gar keinen Spaß macht?
4. Wie erkenne ich, ob und wann sie erregt ist? Ich bin da einfach noch zu unerfahren. Woran merke ich, daß sie feucht genug zum Eindringen ist? Sie sagt leider kaum, was ihr gefällt, sie stöhnt leider auch nicht (außer kurz vorm Orgasmus, aber auch dann nur ganz leise).
OK, das soll's erst mal gewesen sein. Ich habe mich sehr kurz gefaßt, da die ganze Geschichte 1.) zu lang und 2.) zu unglaubwürdig ist - wer redet sich schon 14 Jahre lang ein, daß er keinen Sex will, obwohl das absolute Gegenteil der Fall ist? Falls Du diese Geschichte tatsächlich glaubst, würde ich mich über eine Antwort sehr freuen
;-)
Viele Grüße
Alois
Lieber Alois,
zu 1) Ja, das kann sich mit der Zeit geben. Aber es kommt ja auch sehr drauf an, ob der Sex mit deiner Frau erfüllend ist und ob sie mit dir umzugehen weiß. Das Masturbieren zu lassen, ist schon mal ein guter erster Schritt. Er ist sogar notwendig! Du musst deine Lust auf EUCH BEIDE verlagern und auf deine Frau.
Zu 3) "Macht es überhaupt noch Sinn, jetzt ein Sexualleben aufzubauen? Ist es dafür nicht schon zu spät?"
Aber nein, es ist nie zu spät. Ich hatte schon Leute hier in der Beratung (Männer wie Frauen), die erst ab 50 oder noch später zu ihrer eigenen Sexualität gekommen sind. Immerhin geht es hier nicht um einen Hochleistungssport, sondern um etwas ganz Natürliches, was sogar uralte und behinderte Menschen genießen können.
"Habe ich überhaupt noch das Recht auf ein erfülltes Sexleben (wenn es jemand verbockt hat, dann ja wohl ich)?"
Du hast nichts verbockt. Es waren halt unglückliche Umstände. Du hast vielleicht zehn Jahre erfüllten Sex verpasst, aber noch 50 oder 60 Jahre vor dir. Und wie jeder Mensch hast du ein Recht darauf. (Nur Leute, die mit ihrer Sexualität anderen Leid zufügen, haben kein Recht drauf, aber in deinem Fall könnten sogar zwei Menschen glücklicher werden.)
"Was ist, wenn der Sex dann gar keinen Spaß macht?"
Ein abstruser Gedanke, der nur deiner alten Angst (und dem Schutzwall) entspringen kann! Die Natur hat den Sex ausschließlich zu unserem Spaß erfunden!
Zu 2. und 4.) Diese Fragen kann ich keineswegs auf die Schnelle beantworten, weil ich dazu mit dir in einen intensiven Dialog treten müsste, der mir einen unfassenden Einblick in euer Liebesleben gewährt. Die Lust ist die komplizierteste Materie im ganzen Themenkreis der Sexualität, ein Bereich, der ungemein vielen Einflüssen und Faktoren unterliegt.
Ich habe hier schon sehr viel dazu geschrieben - bitte geh dort noch einmal ausgiebig stöbern, vor allem im Sex-Briefarchiv unter den Rubriken "Sexfrust" und "Sexlust" und "Das erste Mal".
Eine externe Beratung wäre da extrem hilfreich, vor allem eine Paarberatung.
Und natürlich ein offener Dialog mit deiner Frau.
Was noch? ich hoffe, du "arbeitest" nicht in Eigenregie an deiner Phimose, sondern gehst zu einem guten Urologen.
Herzlichst
Beatrice
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