Ich will meine Frau nicht verlieren, aber das Körperliche ist mir viel zu wenig

Hallo Beatrice!
Ich bin verheiratet und habe ein Kind (4 Jahre). Ich liebe meine Frau immer noch (wie kann ich sicher sein, dass das wirklich so ist?), aber ich merke, dass ich mich von ihr entferne. Mit meinem Sexualleben bin ich nicht zufrieden. Wenn ich ehrlich bin, war es mir immer schon zu wenig. Wenn es denn dazu kommt, ist es leidenschaftlich, ich blühe auf und die nächsten Tage sind wieder voller Nähe und Zärtlichkeit. Alles schläft dann wieder nach und nach ein. Die Intervalle sind einfach zu lange. Von ihrer Seite aus ist es schwierig, in Stimmung zu kommen, wenn zu wenig gemeinsame und innige Zeit vor dem Sex verbracht werden kann. Doppelbelastung (Arbeit, Familie), Besuche und alle anderen 10.000 Sachen, die man auch noch organisieren könnte, schränken diese Zeit ein. Selbst wenn wir eine Woche nicht fernsehen und kein Internet haben, findet sie noch alles Mögliche, nur keine Kuschelzeit. Natürlich ist das nur meine Sichtweise. Ich hörte auch schon, dass ein spürbarer erigierter Penis im Bett nicht zum In-Stimmung-kommen taugt. Na ja, ich bezweifle, dass ich mich so sehr unter Kontrolle haben möchte, selbst wenn ich das könnte.
Mir wäre lieber, wenn der Abwasch nicht gemacht würde, die Farbe des Teppichs nicht mit den Gardinen harmoniert und wir stattdessen spontan mal zusammen den Teppich mit Körperflüssigkeiten versauen oder uns mal nicht nur 10 Sekunden küssen. Ich habe in letzter Zeit immer ein komisches Gefühl im Bauch. Es ist physisch wirklich zu fühlen. Keine Schmetterlinge, aber sowas wie einen Druck.

Gestern ging ich zu einer Liebesdienerin (das erste Mal). Ich genoss die Umarmungen und das über das Gesicht streicheln mehr als den Akt an sich, was ich nie erwartet hätte. Ich war fasziniert von ihrer Heiterkeit und der leichten Art, wie sie über ihre Tätigkeit sprach.
Sie hat mich an meine erste Liebe erinnert mit ihrer Frische und Leichtigkeit. Das gab mir zu denken, dass mehr schiefliegt, dass es nicht nur um Sex geht. Tatsächlich stehen mir seitdem die Tränen zuvorderst.
Ich habe Angst, dass ich mir wünschen könnte, dass mich eine ähnliche Frau aus meiner Beziehung löst, dass ich anfange, eine solche Frau zu suchen, wenn ich es nicht schon getan habe.
Ich liebe mein Kind sehr und verbringe viel Zeit mit ihm. Das würde mir sehr fehlen.
Es ist nicht fair, eine abwechslungsreiche Beziehung vor einem Kind mit der mit einem gemeinsamen Kind zu vergleichen. Wir haben schon so viel über unsere Beziehung geredet, reflektiert und versucht zu ändern, dass ich nicht mal weiß, was ich noch machen oder auch nicht machen soll.
Bin gespannt auf Deine Kritik.
Martin (40)

Lieber Martin,
du kriegst von mir keine Kritik, sondern Verständnis. Ja, ich verstehe deine Lage sehr gut. Auch dass du bei einer Professionellen warst, würde ich nie verurteilen. Du hast eben Sehnsucht nach bestimmten Dingen, die du zuhause vermisst, und wie mir scheint, geht deine Frau zu wenig auf dich zu. Liege ich da richtig?
Ich hätte noch ein paar Fragen:
1) Wie lang seid ihr schon zusammen? (Ehe & davor)
2) Wie war eure Beziehung und der Sex vor dem Kind?
3) Wie oft habt ihr in letzter Zeit Sex?
4) Wie oft ergreift deine Frau die Initiative zum Sex?
5) Unter welchen Voraussetzungen kommt deine Frau in Stimmung, und wieviel Vorspiel gibst du ihr?
6) Wieviel und was genau läuft bei euch noch an Zärtlichkeiten?
(außerhalb der Sexualität) Und wieviel kommt da von ihr?
7) Liebt sie dich? Wenn ja, woran machst du das fest?
8) Du sagst: „Ich liebe meine Frau immer noch“ – bitte sag mir, was du an ihr liebst und was nicht.
9) „Wir haben schon so viel über unsere Beziehung geredet und versucht zu ändern…“ – was genau?
10) Hast du ihr mal deutlich gesagt, wie du dich in Bezug auf eure körperliche Beziehung fühlst?
11) Wart ihr mal bei einer Paarberatung? Wenn ja, was war?
Bis dann, Beatrice

Hallo Beatrice!
1) Wir sind seit 6 Jahren zusammen. Seit 4,5 Jahren verheiratet. Unser Kind wollten wir beide. Es ist jetzt 4,5 Jahre alt und ich verbringe viel Zeit mit ihm, wenn meine Frau arbeitet.
2) Vor unserem Kind haben wir mehr gemeinsam unternommen, hatten mehr Zeit, waren mehr in der Natur und hatten häufiger Sex. Aber alles, womit ich heute Mühe habe, war damals schon vorhanden, einfach noch abgeschwächt. Auch eine gewisse sexuelle Gehemmtheit. Zum Beispiel hat sie mich noch nie mit Hand oder Mund zum Orgasmus gebracht. Bei ihr fällt mir das leicht. Darin, dass alles, was mich jetzt stresst, eigentlich immer schon da war, sehe ich ein Problem. Es ist also nicht nur mehr Stress durch unser Kind.
3) Wir haben 1- bis 2mal im Monat Sex. Auch schon mal 3 Monate nicht. In meiner ersten Ehe hatten wir die ersten Jahre 2mal Sex am Tag und wir haben alles durchprobiert. Das war wohl eher etwas zu viel, aber der Unterschied zu jetzt ist mir zu heftig.
4) Meine Frau ergreift nun immer die Initiative, weil ich mich schon gar nicht mehr traü.
5) Wenn sie nicht zu müde ist, wir beide vor 21 Uhr im Bett sind, die Gespräche vorher nicht kontrovers waren und genügend Zärtlichkeit ausgetauscht wurde (was zwischen 19 Uhr und 20.15 nicht so einfach ist!), dann besteht vielleicht die Möglichkeit, dass es zu mehr kommt als dass ich meine Hand auf ihren Rücken lege. Sie nimmt also meine Hand und hält sie an ihrem Halsansatz fest. Nach 15 Minuten ruhigem Liegen dreht sie sich zu mir um oder rückt mit dem Rücken näher an das extra weggehaltene Glied. Die Berührungen und der Sex an sich sind dann sehr schön. Ich würde sehr gerne mehr schmusen und streicheln im Bett, aber wenn sie mir den Rücken zuwendet, fühle ich mich überhaupt nicht begehrt.
6) Wir küssen uns eher kurz und kaum mal Zungenküsse. Umarmen uns, streicheln mal durchs Haar und berühren uns z.B. im Vorbeilaufen mal an Schulter, Hals, Armen, Beinen; kaum an Busen und zwischen den Beinen.
Jeder meint, er sei der Aktivere in Sachen Zärtlichkeit.
7) Ich glaube schon. Sie sagt es recht oft, sie lobt mich als Vater und was ich für die Familie tü. Sie kauft öfters etwas Kleines für mich ein, was sie glaubt, dass ich es gerne habe. Sie flirtet mit niemandem und lässt auch sonst keine Grenzüberschreitungen zu.
8) Ich liebe an ihr, wenn sie mal verletzt ist, und ich sie in die Arme nehmen kann. Sie ist fast immer so stark, dass ich keinerlei Beschützerinstinkt empfinden kann. (Der war übrigens bei der Liebesdienerin ganz krass sofort da.)
Ich liebe sie für die Mühe, die sie sich mit unserem Kind macht. Ich liebe sie manchmal auch, wenn sie Plastikboxen kauft, um andere Verpackungen darin aufzubewahren, und sagen kann, wo im Dachstock nach dem 3. Paket rechts dahinter eine grüne Kiste ist und darin sind Bleistifte. Manchmal geht mir das auch auf den Geist. Ich liebe sie, dass sie sich nicht gehen lässt und auch wieder eine super Figur erreicht hat.
9) Wir haben den Fernseher und den PC ausgeschaltet, wir haben erst mal eine Zeit keinen Sex mehr gehabt, wir wollten uns auf mehr Zärtlichkeit im Zusammenleben einigen. Wir haben das pochende Glied anders platziert, wir haben ein Wellnessweekend gemacht. Es waren danach auch kurz Verbesserungen spürbar, aber wir haben nie ein Ziel definiert, zum Beispiel 2 Mal in der Woche Sex zu haben oder einmal Petting. Das schien irgendwie zu festgelegt (und auch negativ belastet; der Mann will penetrieren, sogar mal einen geblasen bekommen, begehrt werden, die Frau hat sanfte Wünsche wie streicheln, schmusen.) Aber auch so ist ja vieles festgelegt. Wenn wir z.B. im Wellnessweekend einmal Sex hatten, ist absolut klar, dass es kein zweites Mal geben wird. Und nur schon das finde ich sehr festgelegt und sehr eigenartig.
10) Ich habe es ihr zunehmend deutlicher gesagt. Deshalb komme ich jetzt auch völlig ohne schlechtes Gewissen wegen des bezahlten Sexes aus. Aber Rache ist es nicht. Es war definitiv nötig. Eigentlich will ich ja gar nicht, dass sie etwas tut, was sie nicht will. Ich will jemanden, der dieselben Bedürfnisse hat. Und das wird mein Hauptproblem sein, diese Ehe aufrechterhalten zu wollen. Wenn mein Kind 18 ist, bin ich 54. So lange werde ich nicht verzichten. Wenn meine Tochter nicht da wäre, würde ich gehen. Ist zwar etwas unmoralisch, aber kannst Du mir sagen, in welchem Alter ein Kind weniger bei einer Trennung leidet? Meine Bindung zu ihr ist sehr stark und sie erlebt uns als harmonische Eltern.
11) Nein waren wir noch nicht. Ich habe etwas im Internet gestöbert.
Vieles scheint mir in die Richtung zu laufen, dass das doch normal ist, dass Streicheln auch genügt. Kurse für Männer wie: „Mein seltsamer Penis“. Man kann ja Tantra machen. Tja ich merke, dass ich nicht neutral schreiben kann. Ist sicher nicht alles fair. Ich bin gespannt, wie Du eine Verbesserung anstreben würdest.
Lieben Gruß, Martin
„Sexbewusstsein“

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Lieber Martin,
das ist ganz schön kniffelig. Ich verstehe dich gut. Es fehlt dir nicht nur am Sexuellen, sondern auch an Zärtlichkeit und dem Gefühl, begehrt und gebraucht zu werden.
Möglicherweise hat deine Frau in manchen Bereichen zu sehr die Hosen an, oder anders gesagt, empfindet dich evtl. teils als zu wenig stark, und deswegen ist auch ihr Begehren nach dir nicht so stark.
Aber das ist nur eine Mutmaßung.
Ein Lust-Ungleichgewicht in der Beziehung ist einer der schwierigsten Bereiche in der Liebe. Du kannst davon ausgehen, dass es nicht nur eine Ursache gibt, sondern ein ganzes Bündel von Ursachen, die sich teils auch wechselseitig bedingen oder verstärken. Das macht die Sache so kompliziert.
Deine Frau könnte von Haus aus eine eher schwache Libido haben, oder es gibt in ihrem Kopf sexuelle Hemmschuhe, oder die sexuelle Chemie von ihr zu dir ist nicht so recht da – aus welchem Grund auch immer. All diese Dinge lassen sich nur ändern, wenn SIE es wirklich will. Das Blöde ist, derzeit willst das nur du – sie scheint da überhaupt keine Notwendigkeit zu sehen. Aber ihr seid nun mal ein Paar, und du hast ganz berechtigte Bedürfnisse.
Eure Art von Sex, die du beschreibst, klingt… ähm… naja, dass sie so abgewandt ist und deinen erigierten Penis nicht mag und dich noch nie manuell befriedigt hat, das ist schon alles etwas seltsam. Klingt eher nach einem unerfahrenen Mädchen als nach einer erwachsenen Frau, die seit 6 Jahren in einer Beziehung ist. Kein Wunder, dass du dich nach mehr sehnst.
Und was du da im Internet gefunden hast, „dass das doch normal ist. Dass Streicheln auch genügt“, das mag ja für manche Leute passen, für die meisten aber nicht. Die Natur hat uns nicht aus Jux mit einem Sextrieb und dem Bedürfnis nach körperlicher Nähe ausgestattet. Diese Dinge bilden einen der Grundpfeiler einer guten Paarbeziehung, und dass diese jetzt für dich wankt, finde ich sehr nachvollziehbar.

Sonst ist eure Basis noch ganz gut. Bei euch ist durchaus noch viel Liebe da, wenn es auch eine eher kameradschaftliche Liebe ist. Das wäre schade, das aufzugeben, zumal da ja auch noch das Kind ist, das du sehr liebst.
Du denkst schon an Trennung, aber bevor du dich trennst, rate ich dir, deiner Ehe noch einen letzten, aber sehr intensiven Versuch zu geben. Es gilt, deine Frau dazu zu bringen, ihre Haltung zu eurer gemeinsamen Sexualität in Frage zu stellen und daran zu arbeiten. Aber das wird sie nur tun, wenn du ihr ganz deutlich sagst, wie weit du in Gedanken schon bist. Dass du schon an Trennung denkst, weil dir dies und jenes schon lange nicht mehr gefällt.
Wenn sie dich nicht ernst nimmt, musst du den Ernst der Lage durch Handlung untermauern.
Wenn sie das begriffen hat und bereit ist, etwas zu ändern, schlägst du ihr eine Paarberatung vor. Und ich meine bestimmt nicht Kurse, schon gar nicht „Mein seltsamer Penis“ oder Tantra. Ich meine eine richtige Paartherapie bei einer guten Fachfrau. Frau deshalb, weil deine Gemahlin eher bereit sein wird, einer Frau zu glauben und zu folgen.
Du kannst und solltest selbst erst einmal einige ausfindig machen und zu einem Probetermin hingehen. Da merkst du schon nach 15 Minuten, ob die Beratung das Richtige für euch ist oder nicht. Außerdem ist es auch nützlich für dich selbst, dort allein über deine Gedanken und Probleme zu sprechen.
Begleitend empfehle ich dir sehr mein Buch „Sexbewusstsein: So finden Sie erotische Erfüllung“ (Infos dazu siehe oben). Es ersetzt keine Therapie, gibt aber sehr viele gute Einsichten und Denkansätze; es wird dich in vielem bestärken und dir einige neue Einsichten geben.

Du fragst:
„Kannst Du mir sagen, in welchem Alter ein Kind weniger bei einer Trennung leidet?“
Am schlimmsten ist es für Kinder zwischen ein und vier Jahren, weil sie da ihre Eltern als enge Bezugspersonen am meisten brauchen und vom Verstand her noch nicht begreifen, warum der Papa weg geht.
Leidvoll ist es aber in jedem Alter, bis etwa 14 oder 15 Jahre, dann haben sich die meisten Kinder emotionell schon ein gutes Stück abgenabelt.
Aber es wäre Quatsch, wenn du bis dahin im bisherigen Zustand verharrst.
Es muss jetzt etwas geschehen, denn du bist schon mit einem Fuß auf dem Absprung.
Bitte schau auch mein Youtube-Video:

Alles Gute, Beatrice Poschenrieder