Frag Beatrice

Wir streiten, ob unser Sohn schon als Baby hätte beschnitten werden müssen

Hallo Beatrice,
ich bräuchte einen medizinischen Rat. Ich bin mit einer Amerikanerin verheiratet. Als unser Sohn vor 6 Jahren auf die Welt kam, besuchte ich sie im Krankenhaus. Als sie sagte, dass sie einen Tag später als geplant heimkommen würde, fragte ich sie warum. Sie sagte, dass sie mit einer Ärztin (Freundin von ihr) noch einen Termin für die Beschneidung von unserem Kleinen ausmachen musste. Ich sprach sofort mit der Ärztin darüber und sie war sehr positiv gegenüber der Meinung meiner Frau eingestellt. Ich lehnte aber alles ab und bestand auf den Verzicht auf die OP. So geschah es dann auch.
Vor ein paar Wochen kam unser Sohn zu uns und klagte über Schmerzen an seinem Penis. Da wir nicht gleich wussten, wie ernst es ist, warteten wir ein paar Tage ab. Es wurde aber bedeutend schlimmer. Wir beschlossen, ihn zu unserer Ärztin aus dem KH (die auch Kinderärztin ist) zu bringen.
Ich ging mit ihm in den Behandlungsraum, setzte ihn auf die Behandlungsliege und schilderte die Problematik. Daraufhin sagte die Ärztin, unser Sohn solle das Hemd nach oben ziehen und ich seine Hose aufmachen und bis oberhalb von den Knien herunterziehen und sie dann wieder zuknöpfen. Sie holte in der Zwischenzeit noch eine Arzthelferin.
Sie stellte sich ans Kopfende von der Behandlungsliege und die Ärztin sagte, sie sollte beide Arme auf der Brust von unserem Sohn auflegen.
Die Helferin sprach in der Zwischenzeit mit unserem Kleinen, um ihn offenbar etwas abzulenken. Plötzlich zog die Ärztin ihm ruckartig seine Vorhaut so weit es ging zurück. Zeitgleich in diesem Moment brüllte unsere Sohn wie von Sinnen los und versuchte aufzustehen und mit den Beinen zu treten (was wegen der Fixierung durch die Helferin oben und durch die zugeknöpfte Hose unten so gut wie nicht ging). Ich sah, dass um den Eichelkranz sich eine Eiterschicht gebildet hatte. Sie reinigte seine Eichel und gab eine Lösung drauf. Danach beruhigte er sich langsam wieder. Während die Ärztin weiter die Eichel mit der Lösung behandelte, half ich wie in Trance und hielt ihm seine Vorhaut weiter bei der Behandlung zurückgezogen, was ihm glaube ich etwas Erleichterung brachte. Natürlich hatte meine Frau draußen das schlimme Gebrülle mit angehört und wollte wissen, was los war. Ich erzählte ihr alles. Sie machte mir schwere Vorwürfe, weil ich ihre Entscheidung damals (Beschneidung) nicht akzeptiert hatte.
Sie meinte, dadurch wäre das heutige Dilemma ganz vermieden worden. Sie meint, wir müssten uns jetzt noch einmal zusammensetzen und mit unserer Ärztin sprechen, dass sein Penis beschnitten wird, damit so etwas nicht nocheinmal passieren kann.
Jetzt meine Frage: Hat meine Frau recht? Habe ich einen großen Fehler damals begangen? Ist eine Beschneidung wirklich notwenig jetzt? Wenn ja, wie sollte ich mit meinen Sohn sprechen und ihm für sein Verständnis die Sache zu erklären, was bei der OP bei seinem Penis gemacht wird? Sollte die Beschneidung (wenn überhaupt) so gemacht werden, wie die Ärztin sagt:
Die Narbe sollte im Eichelkranz liegen und bis zu dessen Übergang sollte die Eichel auch immer freiliegen?
Hoffe auf eure baldige Antwort
Frieder (36)

Lieber Frieder,
zu deinen Fragen:
„Hat meine Frau recht? Habe ich einen großen Fehler damals begangen?“
Nein. Es ist bei einem neugeborenen Jungen nur selten absehbar, ob er später eine Vorhautverengung entwickeln wird. In den USA mag die routinemäßige Beschneidung bei Babies immer noch ziemlich verbreitet sein (es geht aber zurück, weil immer mehr Leute – auch Ärzte – es als unsinnig ablehnen), bei uns ist sie es mit gutem Grund nicht. Ein beschnittener Penis mag hygienischer und weniger anfällig für Infektionen sein, aber wenn die Vorhaut keinen Sinn machen würde, hätte die Natur sie wahrscheinlich längst weggelassen. Vor allem erhält sie die Empfindsamkeit der Eichel und verstärkt das Vergnügen beim Verkehr, weil das Auf und Ab der Vorhaut die Sensationen steigert.
Ich bekomme öfter Briefe von beschnittenen Männern, die sehr lange zum Orgasmus brauchen (nicht mehr schön für die Partnerin!) oder oftmals gar nicht kommen, weil der Penis zu unsensibel geworden ist.
Ich bin durchaus für eine Beschneidung, wenn die Vorhaut Probleme macht.
Aber wenn sie keine Probleme macht (außer vielleicht einmal), dann bin ich dagegen.

„Wenn ja, wie sollte ich mit meinen Sohn sprechen und ihm für sein Verständnis die Sache erklären, was bei der OP bei seinem Penis gemacht wird?“
Ein 6jähriger versteht mehr als du vielleicht denkst. Außerdem kannst du diesen Punkt auch deiner Frau oder der Ärztin überlassen. Aber vorher muss geklärt werden, ob es überhaupt nötig ist!

„Ist eine Beschneidung wirklich notwenig jetzt?“
Da ich diese Beratung alleine mache (also kein Team) und ich weder Ärztin bin noch eine Kinderärztin kenne, muss ich dich leider bitten, dich an eine/n andere/n Fachmann/frau zu wenden!
Wenn dir dein Sohn lieb und teuer ist, so pack ihn – auch gegen den Willen deiner Frau – ein und bring ihn zu einem anderen Kinderarzt, der sich das Ganze nochmal anschaut. Manchmal kann man auch dehnen statt wegschneiden.

Herzlichst, Beatrice Poschenrieder

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