Sie ist meine große Liebe, doch ich fühle abwechselnd Zuneigung, Angst und Leere

Hallo Beatrice,
Ich hab ein sehr großes Problem. Ich bin jetzt seit 5 Monaten mit meinem Schatz zusammen, sie ist meine große Liebe, und es ist auch alles perfekt. Da sie ihr Abi macht, führen wir im Moment eine Wochenendbeziehung. Doch vor einer Woche fuhr sie mit ihren Eltern in den Urlaub. Von da an hab ich mir große Sorgen um sie gemacht, hab sie wie verrückt vermisst und andauernd an sie gedacht, wusste nicht, ob sie mir treu ist. Ich hab mich damit verrückt gemacht und bin dann in Depressionen gefallen.
Auf einmal gab es eine Explosion in meinem Kopf, wo ich mir auf einmal nicht mehr sicher war, ob ich sie liebe… Doch als sie am Samstag bei mir war, war wieder alles in Ordnung, doch jetzt hab ich immer solche Schwankungen. Mal freu ich mich auf sie und bin überglücklich, wenn ich zum Beispiel mit ihr telefomniere, im nächsten Augenblick bin ich irgendwie gefühlskalt. Dabei weiß ich doch, dass ich sie tief in meinem Herzen über alles liebe. Sie ist ein wunderbarer, einfühlsamer Mensch. Ich hab auch mit ihr drüber gesprochen, und sie versteht mich und gibt mir alle Zeit der Welt. Sie will mich nicht verlassen und ich sie auch nicht. Vielleicht kannst du mir ja sagen, warum ich diese Gefühle habe. Denn wenn ich sie küsse, sie mich streichelt oder wir Sex haben, merke ich ja, dass da was da ist.
Anders gefragt: Kann man, wenn man sich zu viele Gedanken um seinen Schatz macht und sich unterbewusst einredet, seinen Schatz nicht mehr zu lieben, die Gefühle unbewusst verdrängen???
Weil: ich bin sicher, dass ich sie noch liebe, doch es kommen immer so Phasen, wo ich total leer bin und das Gefühl habe, sie nicht mehr zu lieben. Aber wenn sie bei mir ist und mich streichelt, mich küsst, geht´s mir richtig gut. Und ich bin ja auch zärtlich zu ihr. Kann ich meine Gefühle wieder gewinnen? Denn ich will sie nicht verlieren, da sie mir was bedeutet.
Bitte um Antwort, bin am Verzweifeln!!!
Henrik (25)

„kleiner

Lieber Henrik,
manchmal, wenn wir jemanden lieben und uns öffnen, kommen alte verdrängte Gefühle wieder hoch – Verletzungen und Ängste aus der Kindheit und vielleicht auch von vergangenen Beziehungen. Das Blöde ist: Je mehr wir jemanden lieben und je mehr wir uns gefühlsmäßig öffnen, desto mehr kommt auch von diesen alten Gefühlen wieder hoch. Und dieser alte unverarbeitete Gefühlsmüll vergiftet unsere aktuelle Beziehung und unsere aktuellen Gefühle, wenn wir es zulassen.
Im Grunde geht es fast immer um Angst. Ich geb dir mal ein Beispiel.
Da ist ein Junge. Als er noch klein ist, ist seine Mutter plötzlich weg. Der Vater sagt zu dem Jungen: „Deine Mama ist verreist, die kommt bald wieder“. Aber sie kommt nicht wieder. Für den Jungen ist das ein schreckliches Erlebnis; obwohl der Vater noch da ist, tut es furchtbar weh, dass die Mutter weg ist. Irgendwann kommt er drüber weg, aber es bleibt als eine Wunde tief in ihm drin. Um die Wunde nicht wieder aufbrechen zu lassen, entwickelt er unbewusst eine Technik: Immer wenn ihn etwas an seine Mutter erinnert, verschließt er sein Herz und seine Gefühle und macht sich ganz „leer“ – und zwar um den großen Schmerz nicht zu spüren.
Irgendwann viel später – der Junge ist zum jungen Mann geworden – kommt er mit einem Mädchen zusammen, die seine große Liebe wird. Erst scheint alles bestens – bis das Mädchen verreist. Das Unterbewusstsein des Mannes „erinnert“ sich: die Frau, die alles für mich bedeutet, ist „plötzlich weg“ – und sie wird nicht wiederkommen. Das Unterbewusstsein gerät zuerst in Panik, dann in eine schmerzvolle Starre (Depression). Der alte Automatismus setzt wieder ein: das Herz verschließt sich, es entsteht eine Art Leere.
Ab da ist die Panik, die Angst vor erneutem Schmerz ein ständiger Begleiter des Mannes. Wenn seine Freundin da ist, geht die Angst weg; wenn er sie nicht sieht, steigt die Angst wieder auf. Das Unterbewusstsein denkt: Wenn ich die Liebe unterdrücke, besteht auch keine Gefahr, dass ich verletzt werden kann.
(Wahrscheinlich war´s bei dir ganz anders; war ja nur ein Beispiel!)

Noch zu deiner Frage: „Kann man, wenn man sich zu viele Gedanken um seinen Schatz macht und sich unterbewusst einredet, seinen Schatz nicht mehr zu lieben, die Gefühle unbewusst verdrängen?“
Ja. Aber es ist nicht die eigentliche Wahrheit. Das Einreden ist nicht der Grund, warum die Gefühle weggehen, sondern nur ein Mittel. Der tiefere Grund ist, dass irgendwann früher sehr verstörende Vorgänge stattgefunden haben und du vermeiden willst, sie nochmal zu erleben. Und dein Mittel, um sie nicht mehr zu erleben, ist, dass du dir einredest, deine Freundin nicht mehr zu lieben.
Dein Gefühls-Chaos hat eigentlich nicht viel mit deiner Freundin zu tun, sondern mit ganz alten, verdrängsten Ängsten und Schmerzen.
Nun ist dir sicher klar geworden, was zu tun ist:
Deinen früheren Verletzungen und Ängsten auf den Grund gehen und versuchen, sie zu verarbeiten und zu überwinden. Es ist sehr schwierig, das allein zu schaffen. Viel besser geht es mit Hilfe eines Therapeuten (Tipp: Krankenkassen tragen fast immer die Kosten für eine Behandlung bei Depressionen).
Unterstützend dazu möchte ich dir ein Buch nennen, in dem solche Zusammenhänge sehr ausführlich erklärt und die Lösungswege gezeigt werden:
«Entwicklungstrauma heilen: Alte Überlebensstrategien lösen – Selbstregulierung und Beziehungsfähigkeit stärken – Das Neuroaffektive Beziehungsmodell zur Traumaheilung NARM».
Das Buch ist dick und nicht leicht zu lesen, aber wenn du dich da dranmachst, wird es dir ein ganzes Stück weiter helfen.
Alles Gute, Beatrice Poschenrieder