Ihr Ex zwang sie zum Sex, ihr Neuer muss es ausbaden

Hallo Beatrice!
Ich bin jetzt fast 2 Jahre mit meiner Freundin zusammen. Ich liebe sie ganz fest, doch beim Sex tauchen in letzter Zeit immer mehr Probleme auf. Ich habe mir auch schon einige Deiner Briefe im Archiv durchgelesen. Sie haben einige meiner Einschätzungen bestärkt, aber ich habe immer noch keinen guten Weg gefunden, meine Freundin in sexueller Hinsicht wirklich glücklich zu machen.

1. Meine Freundin hat sehr selten Lust auf Intimität. Das macht mir schwer zu schaffen. Sie ist 23 und ich bin ihr zweiter Freund, mit dem sie auch Sex hat. Sie ist meine erste Freundin überhaupt. Ihr erster „Sexpartner“ war meiner Meinung nach auch nicht mehr (als ein Sexpartner). Er hat sie zum Sex gezwungen. Er ihr gesagt, dass sie mit ihm zu schlafen hat, und wenn sie das nicht wollte, gab es Streit. Sie hat sich dann später immer neue Vorwände überlegt, um nicht mit ihm schlafen zu müssen, und fühlte sich furchtbar schlecht dabei, weil sie ihn wirklich geliebt hat.
Ich probiere jetzt schon seit längerem, sie in Ruhe zu lassen und abzuwarten, bis sie auf mich zukommt, was mir vorher nicht so gut gelungen ist. Ich bin ja auch noch nicht sehr sexerfahren.

2. Seit ich abwarte, kommt sie schon mal auf mich zu und ist ganz verkuschelt. Doch für den Fall, dass es dann zum Sex oder so etwas in der Art kommt, bricht sie immer öfter ab. Neulich hat sie, während ich sie mit dem Mund verwöhnt habe, angefangen zu weinen. Ich habe nachgefragt, was denn los sei, doch sie ist gegangen, ohne ein weiteres Wort. Als sie dann später wieder zu mir zurückkam, sagte sie, dass sie mich nicht zufriedenstellen könnte. Ich habe gesagt, dass es nicht schlimm sei (geflunkert), sondern es mich verletzt hat, dass sie gegangen ist, ohne mir den Grund zu sagen. Für mich wäre es einfacher gewesen, hätte sie gesagt, dass ich ihr wehgetan habe, oder dass ich nicht der Grund für ihre Traurigkeit war, oder so.

3. Da sie nicht gut über Sexualität sprechen kann, ergibt sich noch ein weiteres Problem. Ich möchte, dass es schön für sie ist und tue nach Kräften, was ich denke, was ihr Spaß bereiten könnte. Ich bin aber auch ein sensibler Typ und auch meine Lust ist stimmungsabhängig. Ich habe ihr schon einige Male angeboten, dass sie mir doch sagen soll, was ihr gut und was nicht so gut gefällt. Sie sagt, ich solle es erspüren. Das schaffe ich nicht. Wenn sie etwas sagt, ist es meistens so etwas wie: „Lass das!“, „Was machst Du da?“ oder „Nicht!“ Das auch während des Geschlechtsaktes. Das turnt mich allerdings ziemlich ab. Ich habe ihr in einem Brief letzte Woche geschrieben, dass sie mir gerne alles sagen kann, dass ich sie sogar darum bitte, dass sie jedoch, wenn sie mir Tipps gibt, das nicht mit einem Vorwurf in der Stimme und mit ihren eigentlich wunderschönen Augen tut, sondern mit einem Lächeln auf den Lippen und einer liebevolleren Intonation.

4. Ich habe ihr in der Vergangenheit all meine Hilfe angeboten, um gemeinsam ohne Vorwurf an der Sache zu arbeiten; habe ihr auch empfohlen sich mit Freundinnen darüber auszutauschen. Als ich sah, dass alles nicht so wirklich hilft, habe ich angefangen ihr alle mögliche Arbeit abzunehmen, damit sie den Kopf mal frei bekommt. Als letztes habe ich ihr angeboten mit ihr zusammen eine Therapie zu besuchen oder ihr einen Therapeuten zu suchen. Aber sie nimmt meine Hilfsangebote nicht an.
Ich weiß langsam nicht mehr, was ich tun soll, und das Schlimmste ist, dass ich sie wirklich liebe, aber ich habe das Gefühl, dass unsere Sexualität, die unsere Liebe doch eigentlich wunderbar noch unterstreichen könnte, sich immer mehr zwischen uns stellt. Bei jedem neuen Versuch eine neue Frustration! Auf lange Sicht würde ich sagen, wir lassen uns Zeit, das klappt schon irgendwann, aber sie geht im Herbst weg für 10 Monate. Wenn sie wiederkommt, muss ich für 10 Monate weg. Ich glaube und hoffe, dass ich so viel Liebe für sie empfinde, dass dies kein Problem sondern eine Herausforderung ist, aber ich weiß nicht, ob ich die Kraft (und die Erfahrung) habe, um allen anderen schönen Mädchen den Rücken zuwenden zu können.
Übrigens, auf den Brief hat sie nie reagiert.
Vielen Dank für Dein offenes Ohr
Lukas (27)

Hi Lukas,
es ist schwierig für mich, dir etwas Hilfreiches zu sagen, denn das, was du schilderst, ist eines der schwierigsten Probleme im Bereich der Sexualität (nämlich dass der Partner aus Angst vor Sex total dichtmacht).
Und schade, dass nicht sie sich an mich gewandt hat. Sonst könnte ich ihr sagen: Es ist ein Jammer, wenn man so etwas Schönes wie Sex so stark eingrenzt und beschränkt; da wäre eine Beratung gut.
Aber wenn du, Lukas, das zu ihr sagst, wird sie nur noch mehr dicht machen.
Das Blöde ist zudem, dass sie ja keinen Anlass sieht, die Situation zu ändern. Im Gegenteil, sie zieht sogar etwas daraus. Du bist derjenige, der macht und tut und Rücksicht nimmt und sich verrenkt; von ihrer Seite scheint da wenig zu kommen. Sie braucht nicht viel machen und sich auch keine Mühe geben. Und solange du da mitspielst, wird sie auch nichts ändern wollen.
Versteh mich nicht falsch. Sicherlich hat ihre Sex-Abwehr mit dem schrecklichen Verhalten des Ex zu tun, und ich hab sogar das Gefühl, dass da auch was in ihrer Kindheit war. Klar hat man da Mitgefühl. Aber de facto lässt sie DICH ausbaden, was andere an ihr „verbrochen“ haben. Und das finde ich nicht gut.
Neulich rief mich eine alte Freundin an und klagte, ihre Beziehung drohe zu zerbrechen, weil ihr Freund nicht mit ihren depressiven Schüben umgehen könne und sich weigere, sie dann zu stützen und ihr zu helfen. Ich sagte: „Dein Freund ist nicht dazu da, dir aus deinen Mankos und Depressionen zu helfen, und das kann er auch nicht. Du kannst ihn nicht den Mist ausbaden lassen, den deine Eltern dir angetan haben. Das ist Aufgabe einer Therapie.“
Sie war zuerst ziemlich vergrätzt und zog sich eine Woche lang von mir zurück, aber in dieser Woche hat sie sich wieder eingekriegt und verstanden, dass meine Aussage richtig ist.
Was könnte ich dir also raten? Zum Beispiel, nicht mehr mitzuspielen. Dich nicht mehr für sie aufzureiben. Sie nicht mehr wie Zuckerwatte behandeln. Sondern ihr ganz offen und deutlich zu sagen, wie du dich fühlst und wie sehr dich ihr Verhalten verstört und dass du möchtest, dass sie sich mal an eine Sexualberatung für Frauen wendet. (Das geht meist anonym und kostenlos.)
Bitte geh auch in meine Sex-Beratung hier unter die Rubriken “Sexfrust” und “Missbrauch/ Gewalt” und schau, welche Briefe auch in die Richtung gehen – da sind einige, die dir weiterhelfen werden.
z.B.
“Unser Sex läuft immer nach dem selben Schema, sie lässt nichts anderes zu”
“Mein Ex schlug mich, zwang mich zum Sex, das belastet den Sex mit dem Neuen”

Herzlichst, Beatrice Poschenrieder