Warum zieht sie sich zurück? Sie sagt mir nicht, was ich getan habe

Liebe Beatrice!
Ich habe ein Problem, an dem ich nun schon seit 3 – 4 Monaten zu knacken habe. Vor einem halben Jahr habe ich durch Zufall ein sehr liebes, aber auch eigentlich sehr labiles Mädel (21) kennengelernt. Sie wurde zuhause rausgeworfen, in der Arbeit wurde sie von ihrem Ex fertiggemacht, und da ich eigentlich für alle Menschen (besonders oft weibliche) ein offenes Ohr habe, hab ich also wieder mal mein “breites Kreuz” hingehalten. Nach etwa zwei Wochen wurde alles zwischen uns so intensiv, dass wir plötzlich zusammen waren. Ich habe mich drauf eingelassen, obwohl ich eigentlich doch gemerkt habe, dass sie immer noch an ihrem Ex herumkaute.
Nach vier weiteren Wochen haben wir aus diesem Grund die Beziehung abgebrochen und es war so, wie ich´s vorher noch nie erlebt habe. Wir haben stundenlang zusammen gelacht, geweint und uns in den Armen gelegen, es war einfach die schönste Trennung meines Lebens!

Sie hält mich auf Abstand, ich weiß nicht, warum

Sie lässt mich einfach im Dunkeln sitzen, ohne mir zu sagen, was ich Schlimmes getan habe!

Danach hatte sich auch nicht viel verändert, ich war trotzdem immer für sie da. Aber irgendwann habe ich wohl mal was über sie gesagt, was so heftig gewesen sein muss, dass sie von diesem Zeitpunkt immer mehr Abstand von mir genommen hat, und irgendwann meinte sie, dass wir den Kontakt abbrechen sollten, wofür ich absolut kein Verständnis hatte. Jede SMS, jede Email, jeder Anruf nervte sie, bis dann mal ein paar Wochen totale Sendepause war. Irgendwann habe ich sie mal gefragt, ob sie nicht mal mit mir Klartext reden möchte, worauf ich als Antwort bekam: “Denk mal drüber nach” (was mir sehr weitergeholfen hat). 🙁
Vor kurzem habe ich sie gefragt, ob sie mir nicht verzeihen könnte, darauf kam: “Man kann verzeihen – aber nicht vergessen”. Ich habe erwidert, dass ich gar nicht erwarte, dass sie zu vergessen versucht, ich möchte sie einfach nur zurück und wenn´s nur eine normale Freundschaft ist. Ich denke immer noch jeden Tag an sie und bin der festen Überzeugung, dass ich eine wie sie wohl die nächsten 20 Jahre nie kennenlernen werde. Wie kann ich versuchen einen sanften Kontakt zu ihr aufzunehmen, ohne dass anfange sie zu nerven?
Greetings, Sebastian (26)

Hi Sebastian,
ich denke, das Wichtigste ist, dass du herausfindest, was genau es war, was ihren Rückzug einleitete. Und wenn du es weißt, versuchst du, es gradezubiegen. Vielleicht war es eine Äußerung, die du gar nicht so gemeint hast oder die sie völlig missverstanden hat.
Andererseits kann es auch sein, dass sie nur einen Vorwand gesucht hat, um Abstand von dir zu bekommen. Menschen mit ihrer Persönlichkeitsstruktur haben oft unbewusste Bindungs- und Näheängste, und wenn etwas zu eng wird, tun sie unwillkürlich Dinge, um sich wieder den Sicherheitsabstand zu verschaffen, den sie brauchen. Das bedeutet sehr oft, dass sie (unbewusst!) mit der Lupe beim anderen nach Fehlern suchen, um – auch vor sich selbst! – einen plausiblen Grund für Abstand oder gar Trennung zu haben. Dieser Vorgang ist ihnen selber gar nicht klar – unbewusst halt.
Nun, das alles kannst du erst genau wissen, wenn sie Klartext mit dir geredet hat. Ich persönlich finde es total bescheuert, wenn mir jemand Schuldgefühle einimpft und mir nicht mal sagt, was ich ausgefressen hab, sondern mich mit nebulösem Scheiß abspeist wie: “Denk mal drüber nach”. Damit schieben sie wieder mir (bzw dir) den schwarzen Peter zu, denn wenn sie´s sagen würden, käme vielleicht raus, dass es relativ lächerlich ist.
Aber eine andere Version der Geschichte könnte sein, dass du dazu neigst, unbedachte, kränkende Äußerungen zu tun (auch in der ART, wie du es tust) und dir dessen gar nicht bewusst zu sein, und obwohl dir die Partnerin mehrere Hinweise gab, hast du´s weder eingesehen noch tief drüber nachgedacht. Durch diesen Rückzug und die Aussage “Denk mal drüber nach” will sie dich dazu bringen, endlich mal drüber nachzudenken und es einzusehen, dass deine Kommunikation manchmal echt finster ist. Ich weiß nicht, ob das auf dich zutrifft, ich sagte ja bloß, es wäre eine Möglichkeit. (Falls es auf dich zutrifft, empfehle ich dir wärmstens den Klassiker von M. Rosenberg: “Gewaltfreie Kommunikation: Eine Sprache des Lebens“)

Mein Vorschlag: Schreib ihr einen Brief. Den beginnst du ungefähr so:
“Liebe ….., bitte leg diesen Brief nicht gleich weg, denn es ist mir sehr wichtig, dass du ihn liest. Es gibt etwas, was mich quält, und zwar eine Ungewissheit. Ich bitte dich, mich von dieser Ungewissheit zu befreien. Du hast dich von mir zurückgezogen, weil ich mich irgendwie falsch verhalten habe. Du glaubst, ich sollte wissen, was ich falsch gemacht habe, aber ich weiß es nicht!!! Ich habe jetzt drei Monate drüber nachgedacht, aber ich komme nicht drauf! Bitte entschuldige, dass ich da nicht genug Einsicht habe, und sag mir, was es ist! Ich bitte dich nur um dieses Eine.”
Oder sowas in der Art. Und wenn sie nach einer Woche noch nicht drauf reagiert hast, hakst du nach – telefonisch oder persönlich – was sie dir auf den Brief zu sagen hat, ob sie dir die Antwort geben möchte. Sei hartnäckig, sag ihr, wenigstens diese Antwort soll sie dir noch geben, danach gibst du Ruhe, wenn sie das wünscht.
Ich denke, ansonsten solltest du sie zur Zeit in Frieden lassen. Wenn jemand, den man liebt, in einer Rückzugsphase ist, ist Nachrennen das Schlechteste, was man tun kann, weil der/diejenige dann noch mehr zurückweicht. Du musst sie kommen lassen.
Ich hoffe, du findest wieder einen Weg zu ihr!
Beatrice Poschenrieder