Ich trennte mich, obwohl er mein Traummann ist

Liebe Beatrice,
vor einer Woche ist meine 3jährige Beziehung auseinandergegangen. 1,5 Jahre haben wir zusammen gewohnt und all die Jahre waren ein einziger Traum… so wie ich mir eine Beziehung immer vorgestellt habe. Problem war, dass ich vor 3 Monaten angefangen habe, an meiner Liebe für ihn zu zweifeln, und die Zweifel sind leider nicht weggegangen. Wir haben geredet und versucht einiges zu ändern. Unser einziges Problem war, dass wir kaum Sex hatten (von ihm aus!). Eine Erklärung gab es nicht wirklich und wir haben oft darüber gesprochen.
Er hat mich immer auf Händen getragen, ich war so glücklich, ich liebe diese Beziehung so sehr und würde sie gerne wieder leben wie damals, aber meine Gefühle spielen nicht mit! Das kann doch nicht wahr sein! Ich habe Angst, den Mann meines Lebens losgelassen zu haben, aber ich kann doch nicht nur wegen seiner liebevollen Art, der Sicherheit und Geborgenheit bei ihm bleiben. Wir waren wie füreinander geschaffen… ich verstehe die Welt nicht mehr! Hatte zuletzt sogar Panikattacken und bin aus Zerissenheit nachts aufgewacht und hätte mich übergeben können… das Ende vom Lied war ein Nervenzusammenbruch, ich konnte diesen zwiespältigen Zustand nicht länger ertragen… ich habe mich von einem Engel getrennt!
Können Gefühle einfach so verschwinden, obwohl das Zwischenmenschliche ein Traum war?
Habe Angst, einen Fehler gemacht zu haben, fühle mich andererseits aber auch erleichtert, da die Gefühlsqualen vorbei sind.
Vian (23)

Er ist mein Traummann, doch ich bin nicht verliebt

Ich bin hin- und hergerissen, ob ich doch bei ihm bleiben soll – ich fühle keine Liebe

Hi Vian,
ich hätte da noch ein paar Fragen:
1) Woher kamen die Zerissenheit und die Panikattacken?
2) Warst du denn mal wirklich mit ganzer Leidenschaft in ihn verliebt? Oder war´s immer eher nur „was Warmes“?
3) Wie oft hattet ihr zuletzt Sex? Und wie war der?
4) Warst du am Schluss noch zärtlich zu ihm? Viel? oder eher wenig?
5) Wie geht´s ihm jetzt? Kämpft er um dich?
6) Wie war die Ehe deiner Eltern?
Bis dann, Beatrice

Liebe Beatrice,
vielen Dank, dass Du Dir für mich Zeit nimmst!
1. Die Zerissenheit kam daher, dass ich den Gedanken nicht ertragen konnte, so einen tollen Menschen nicht zu lieben. Kein Mensch war jemals so lieb und wundervoll zu mir! Die Panikattacken kamen nachts… scheinbar hat dieser Gedankengang und die Angst vor der Wahrheit nicht losgelassen. Ich wollte ihn und dieses Wunschleben nicht aufgeben!
2. Gute Frage. Richtig verliebt war ich nicht in ihn. Wir sind uns mit der Zeit immer näher gekommen und waren uns extrem ähnlich – bei ihm habe ich mich sehr wohl gefühlt. Irgendwann habe ich ihn dann geliebt.
3. Zum Schluss hatten wir alle 2-3 Wochen Sex und der war nicht sehr leidenschaftlich. Ich hatte zuletzt eher das Gefühl, er macht mir zuliebe Sex, da wir oft über dieses Problem gesprochen haben.
4. Wir waren die ganze Beziehung hindurch immer extrem zärtlich und innig zueinander. Ich bin mir nicht ganz sicher, aber ich denke, dass die Zärtlichkeit von meiner Seite aus zum Schluss schon etwas nachgelassen hat.
5. Ihm, wie auch mir, geht es verhältnismäßig gut. Man könnte sich fast ein wenig wundern. Schlimm und tränenreich wird es nur, wenn wir uns sehen. Nein, er kämpft nicht um mich. Er versucht nun das Beste aus der Situation zu machen.
6. Die Ehe meiner Eltern war ein Alptraum. Ich habe nie mitbekommen, dass sie sich liebhaben. Meine Mutter war letzten Endes Alkoholikerin und tablettenabhängig, hat mehrere Selbstmordversuche hinter sich. Mein Vater hat sich uns Kindern gegenüber oft schlagender Argumente bedient. Meine Mutter lebt nun in einer lesbischen Beziehung, mein Vater aus Überzeugung allein.
Eine Frage hätte ich noch: Ist diese Beratung eigentlich kostenlos?
Liebe Grüsse, Vian

Liebe Vian,
ja, die Beratung ist kostenlos, und deswegen kann sie natürlich auch nicht so viel leisten wie eine mit Bezahlung. Aber vielleicht kann ich dir ein paar Anhaltspunkte geben. Zuerst einmal: Liebe lässt sich nicht erzwingen. Wenn du diesen Mann nicht liebst, dann nützt es nicht viel, sich den Kopf zu zermartern, warum. Offenbar passt er halt nicht so recht in dein „Liebesmuster“, so toll er auch ist. Da muss man eben manchmal loslassen können. Einer der wichtigsten Faktoren, warum du dich von ihm trennen „musstest“, ist wahrscheinlich die Art deiner Eltern und die Beziehung, die sie führten. Dein bewusstes Ich sucht natürlich einen Partner, der ganz anders ist als sie – aber dein unbewusstes Ich hat eben seine eigenen „Liebes-Schlüsselreize“! Gleichzeitig sind bei den meisten Menschen, die so eine schreckliche Paarbeziehung (ihrer Eltern) hautnah und in einer sensiblen Phase (nämlich als Kind und Jugendlicher) miterleben mussten, in Innern große Ängste bezüglich einer dauerhaften Paarbeziehung gespeichert. Und diese Ängste können dazu führen, dass Liebesgefühle nicht voll aufblühen, sondern irgendwann abgewürgt oder durch Zweifel vergiftet werden.
Das klingt jetzt tragisch. Aber es ist nicht unüberwindbar. Nun gut, es erfordert eine intensive Beschäftigung und Auseinandersetzung damit, am besten mit Hilfe einer Spezialistin (Therapeutin); selbst wenn es erst mal nur ein paar Stunden sind, wird dich das schon weiterbringen.
Es kann sein, dass sogar auch dein Freund unbewusste Bindungsängste hat; sie sind gut versteckt und zeigen sich im Grunde nur dadurch, dass er Intimität mied (also die wichtigste körperliche Seite der Liebe und der Paarbeziehung – bitte schau dazu auch mein Youtube-Video «Brauchen Paare Sex? Muss Sex in einer Paarbeziehung denn wirklich sein?»
Unterstützend dazu lies bitte folgende Bücher, sie werden dir wertvolle Infos liefern:
• «Vom Jein zum Ja!: Bindungsangst verstehen und lösen. Hilfe für Betroffene und ihre Partner»
• «Die Psychologie sexueller Leidenschaft»

Ob die Trennung ein Fehler war? Wahrscheinlich nicht, du musstest einfach so handeln, es gab ja genug Signale, dass das der Weg ist, den du einschlagen musst. Das Getrenntsein von deinem Freund wird dir in nächster Zeit auch zeigen, wie viel dir tatsächlich an ihm liegt. Ein wenig Abstand tut immer gut, um seine Lage und seine wahren Bedürfnisse besser einschätzen zu können. Und: Nicht selten keimen die Gefühle doch wieder auf!
Alles Gute
Beatrice Poschenrieder