Kann eine Frau lernen zu lieben, die noch nie richtig geliebt wurde?

Hi Beatrice!
Vor vier Monaten habe ich eine Frau kennen gelernt, beim Ausgehen. Irgendwann standen wir an der Theke, als mein Freund mir sagte, dreh dich mal um. Ich drehte mich um und schaute in ein Gesicht, das so wunderschön war. Das Lächeln und das Auftreten von ihr sind einfach nur phänomenal. Wir redeten an diesem Abend ca. 6 Stunden. Es war alles so vertraut. Wir wussten beide, dass dies nicht nur so ein Gespräch war. Am Ende fragte sie mich, ob ich sie nach Hause fahren würde, was ich gerne tat. Wir hielten an und mussten uns küssen.
Sie war in einer Ehe, die total unglücklich war. Hat einen Sohn (4 Jahre). Als ich sie absetzte zu Hause, hielten wir fest, dass wir uns möglichst bald wiedersehen würden, was wir auch taten. Natürlich dadurch bedingt, dass sie noch bei ihrem Mann wohnte, haben wir uns Abends in der Woche bei mir getroffen. Sie kam da immer so für einige Stunden – ein irres Gefühl, kann ich nur sagen.
Wir hatten uns quasi sofort ineinander verliebt (Liebe auf den ersten Blick), obwohl ich nie an so was geglaubt habe. Nach einer Woche sagte sie mir, dass sie ihrem Mann sagen würde, dass sie eine eigene Wohnung sucht. Das tat sie auch! Wir sahen uns, so oft es ging. Sie übernachtete manchmal am WE bei mir und alles war schön.
Als sie dann in ihre Wohnung zog, sahen wir uns fast täglich. Ich habe mit dem Kleinen von ihr gar keine Probleme – im Gegenteil, ich komme gut mit ihm aus, spiele mit ihm, akzeptiere ihn. Und er mich auch.
Nach einer Zeit merkte ich aber, dass sie anders wurde. Sie stand öfter neben sich, diese Kleinigkeiten, die man in einer Beziehung erwartet, waren nicht vorhanden.
Sie kommt nicht von selbst an, also nimmt mehr als sie gibt. Sie hat mich auch noch nicht ihren Freunden vorgestellt, außer sie waren mal zufällig da, wenn ich bei ihr war. Ihre Eltern kenne ich und verstehe mich auch gut mit denen.
„ich
Vielleicht mal einige Details: Sie hatte 3 Beziehungen in ihrem Leben, die erste mit 18, und wurde da total enttäuscht – er ging fremd. Dann kam eine Beziehung, die eigentlich gar keine war und sie liebte ihn auch gar nicht richtig. Also beendete sie es nach kurzer Zeit, dann war sie lange solo.
Irgend wann traf sie dann ihren jetzigen Mann; ihre Freundinnen waren fast alle verheiratet und hatten Kinder; er war plötzlich da und sie hatte das Gefühl, dass sie auch heiraten wollte. Nach fast 2 Jahren Beziehung heiratete sie ihn auch, obwohl er das gar nicht wollte vorher und auch keine Kinder haben wollte. Dazu muss man sagen, dass er aus einer reichen Familie kommt, in der erst die Firma, dann der Stand in der Öffentlichkeit und dann erst die Familie Priorität haben.
Nach einem Jahr Beziehung war es eigentlich keine richtige mehr. Aber sie wollte unbedingt ein Kind und wurde auch schwanger. Er kümmerte sich kaum um das Kind, sie machten nichts zusammen, nur auf Firmenpartys und so weiter. Wenn sie auf diesen Partys waren, stand sie an der Theke und er mittendrin. Sie hatte aber Angst sich von ihm zu trenen, weil sie dachte ihrem Kind nichts mehr bieten zu können, wollte sich also quasi vor 2 Jahren schon von ihm trennen. Sie tat es nicht und sie wurde schwanger und es war gewollt von ihr, sie schlief nur mit ihm, um noch ein Kind zu bekommen. Sie hatte aber eine Fehlgeburt und wurde einige Zeit später wieder schwanger.
Das Üble ist, dass sie auch da mit Zwillingen wieder eine Fehlgeburt hatte. Das ist jetzt ein Jahr her. Dazu betrog ihr Mann sie mit einer guten Freundin. Sie hat in ihrem Leben noch nie jemanden betrogen. Dann kam irgendwann der Tag, wo sie mich kennen lernte. Sie sagt auch, dass sie ohne mich nicht den Absprung geschafft hätte.
Sie schreibt mir öfter, dass sie mich liebt, aber es kommt oft so nicht rüber. Es gibt Tage, da ist es ok, und viele Tage, da ist sie quasi abwesend. Sie sagt, dass sie immer noch Angst hat, und sie bemuttert ihr Kind auch manchmal übertrieben, was sie auch selbst weiß. Sie weiß auch, dass sie mir manchmal wehtut, aber sie möchte es gar nicht – macht es nicht mit Absicht. Doch gerade am Anfang einer Beziehung erwartet man doch mehr, deshalb tut es manchmal auch so weh. Und deshalb, weil ich noch nie jemanden so geliebt habe wie sie. Deshalb war doch auch eine ständige Unruhe und Angst, dass sie mich verlassen will. Aber vor 2 Wochen hat sie gesagt, dass ich mir keine Sorgen machen soll und sie mich nicht verlieren möchte. Aber sie kommt nicht aus sich heraus.
Ich verwöhne sie, schreibe ihr kleine Zettelchen, Briefe, schicke ihr Blumen, bekoche sie. Sie freut sich zwar drüber, aber es ändert sich wenig dadurch. Ich weiß aber, dass sie es kann, sie fuhr vor kurzem eine Woche in den Urlaub mit Freundinnen und Kindern, und als sie wiederkam, war sie 2 Wochen lang wie umgewandelt, gab sich Mühe, machte es so wie am Anfang. Dann wurde es wieder etwas anders. Sie starrt öfter mal in der Gegend herum und wenn ich sie frage, woran sie denkt, sagt sie, dass sie es manchmal selbst nicht weiß. Sie will mich auch oft nicht sehen. Ich denke, dass sie psychologische Beratung braucht, oder? Ich meine, dass die Fehlgeburten nicht richtig verarbeitet sind! Sie unternimmt auch momentan nicht gerne was.

Kann sie irgendwann lernen mich zu lieben, oder überhaupt vernünftig zu lieben, da sie ja es so nicht kennt?
Mir ist schon klar, dass dies ein langer Prozess ist, und ich habe ihr auch gesagt, dass ich Geduld haben werde, dass ich sie möchte und dass ich alt mit ihr werden möchte.
Ich weiß nicht, wie ich reagieren soll, da sie alles auch in sich hineinfrisst und mit niemanden drüber spricht.
Was kann ich tun?
Jan (29)

Lieber Jan,
du fragst:
„Kann Sie irgendwann lernen mich zu lieben, oder überhaupt vernünftig zu lieben, da sie ja es so nicht kennt?“
Bestimmt nicht weil DU es willst – sondern nur wenn sie es selbst wirklich will. Und sie braucht dazu nicht bloß “psychologische Beratung”, sondern eine richtige Psychotherapie. Aber ich hab nicht das Gefühl, dass sie wirklich will – zumal sie dir nur halbherzige Gefühle entgegenbringt. Sie ist auch nicht verliebt, sondern mir scheint eher, sie mag dich halt, fühlt sich durch deine Verliebtheit geschmeichelt und du bist ihr Schutz vor dem Alleinsein.
Ich weiß nicht genau, warum du so sehr an einer Frau festhältst, die vermutlich gar nicht richtig lieben kann (jedenfalls nicht einen männlichen Partner).
Schau dir ihre einzige richtige Beziehung (die Ehe) an: Die ist von vorn bis hinten geprägt von Berechnung: sie nimmt ihn, weil sie heiraten will und er reich ist; obwohl die Beziehung recht lieblos ist, trennt sie sich nicht, lässt sich stattdessen schwängern (sprich, es geht nie um Liebe und um den Mann, es geht ums Versorgtsein und ein Kind); als die Ehe noch kühler wird, trennt sie sich auch nicht, sondern forciert es, noch ein Kind zu bekommen.
Wenn man genau hinsieht, ist das eine Art von Prostitution: mit einem Mann zu schlafen, den man kein bisschen liebt, sondern um etwas von ihm zu bekommen.
Für mich klingt diese Frau nicht nach Opfer, sondern kalt und berechnend. Vermutlich geht er so lieblos mit ihr um, weil sie ihm ja auch keine Liebe entgegenbringt, sondern ihn ja eher benutzt.
Und zu dir ist sie jetzt auch ganz schön kühl, außer nach dem Urlaub, wo sie vermutlich mit ihren Freundinnen viel über Liebe und Beziehungen (und evtl noch ein Kind) geredet hat und dann für 2 Wochen das Gefühl hatte, sie müsste die Verbindung mit dir auch forcieren.
Übrigens: Übertriebenes Bemuttern des Kindes hat manchmal u.a. den Zweck, den Partner auf Abstand zu halten.

Mein Rat: Wenn man monatelang viel in eine Verbindung (“Beziehung” kann man das noch nicht nennen) hineingibt und es kommt von der Gegenseite nur wenig zurück, sollte einem klar werden, dass es nicht viel Sinn macht, so viel da hineinzugeben. Gib nur exakt so viel wie sie und schau, was passiert.

Herzlichst, Beatrice Poschenrieder