Wir haben zu wenig Zeit füreinander

Hallo Beatrice!
Mein Freund (26) und ich (23) sind seit 1 Jahr zusammen. Anfangs war es eine sehr tiefsinnige Beziehung. Wir haben ausgesprochen, was der andere dachte. Alles lief perfekt.
Der Punkt ist, wir arbeiten beide in der Firma seiner Eltern. Zwar sehen wir uns oft dort, aber unsere Arbeitszeiten sind zu verschieden. Er fängt früh 08.00 Uhr an und hat, wie ich, 21 Uhr Feierabend. Meist fallen wir dann nur noch fix und fertig ins Bett. Wir haben schon versucht die Arbeitszeiten anders zu regeln, doch leider ist das nicht möglich. Deswegen kommt es in letzter Zeit auch immer häufiger vor, dass wir uns wegen Kleinigkeiten streiten. Ich liebe meinen Freund über alles und will ihn auch nicht verlieren. Aber die Arbeit macht uns fertig.
Die freien Tage verbringe ich meistens allein. Denn er ist halt Sohn des Chefs und muss meistens rund um die Uhr in der Firma sein. Leider ist es auch so, dass wenn wir uns gestritten haben, lässt er immer so den Kopf hängen, so dass alle in der Firma mitkriegen, dass wir uns wieder gestritten haben. Und ich muss dann immer alles ausbaden. Ich weiß aber auch, dass er mich über alles liebt. Ich will bloß nicht, dass sich ständig seine Mutti oder Schwester usw. in unsere Beziehung einmischen. Das ist halt der Nachteil, wenn man in einem Familienunternehmen arbeitet. Es ist halt nur so:
– Wir arbeiten zusammen
– haben nicht viel Zeit zusammen
– jeder mischt sich ein
– wir streiten immer öfter.
Bitte hilf mir
Cora (23)

Liebe Cora!
Tja, ohne ausreichend gemeinsame Zeit hat eine Beziehung auf Dauer keine Basis – sie kann nicht wachsen, sondern verkümmert. Das weißt du auch, und es macht dir zu schaffen. Wenn ihr beide euch wirklich „über alles liebt“, wie du sagst, dann müsst ihr beide gleichermaßen dafür sorgen, dass die Beziehung funktioniert, sprich, dass ihr genügend (Frei-)Zeit miteinander verbringt. Vor allem dein Freund müsste dafür sorgen, denn du hättest theoretisch ja genug Zeit für ihn. Dann das Problem mit seiner Familie, die sich einmischt. Beide Punkte, die Familie und die Zeit, fordern hinsichtlich eurer Beziehung das Gleiche, nämlich dass er sich gegenüber seinem Vater und seiner einmischenden Familie ganz klar positioniert: “Erstens, ich fahre eine 65-Stunden-Woche, so geht das nicht, ich verdiene wie jeder arbeitende Mensch eine normale Arbeitszeit von maximal 42 Stunden. Zweitens, ich verbitte mir Einmischungen in meine Beziehung und wie ich sie führe.” Und das sollte er natürlich nicht nur sagen, sondern auch leben.
Aber da er bisher offenbar weder das eine noch das andere getan hat, wird er vermutlich noch lange nicht oder nie die Stärke aufbringen, seinem Vater und dem Rest die Stirn zu zeigen. Die andere Möglichkeit (oder Erfordernis) wäre, dass er sich aus dem Familienbetrieb zurückzieht und eine andere Arbeit sucht (evtl auch eine andere Wohnung, falls er dicht an der Familie wohnt). Und schätzungsweise müsstest du dann auch gleich nen anderen Job suchen. Ich weiß, das ist sehr viel verlangt, aber ich denke, anders hat eure Liebe wenig Überlebens-Chancen.
Rede mit ihm darüber, in aller Offenheit. Wenn er dich wirklich liebt, wird er zumindest drüber nachdenken. Vielleicht gäbe es ja auch ein paar Kompromisslösungen, z.B. dass er 1.) jemand einstellt, der ihn teilweise entlastet, 2.) der Familie verbietet, sich einzumischen, 3.) es nicht zeigt, wenn er Knatsch mit dir hatte. Vielleicht könnte das klappen. Meiner Erfahrung nach geht es aber meist nur mit einem radikalen Schnitt, sprich, andere Arbeit, denn dann wäre er unabhängig von Papa & Co. Jetzt ist er abhängig von ihnen, oder zumindest empfindet er es so und verhält sich dementsprechend.
Ein tolles, nicht ganz einfaches, aber sehr hilfreiches Buch über emotionale Abhängigkeit (auch gegenüber den Eltern) ist «Liebeskummer lohnt sich doch: Co-Abhängigleit in der Beziehung und die Ängste des Inneren Kindes (Koregaon)».
Alles Gute, Beatrice Poschenrieder