Ich bin 25 und meine Eltern halten mich kurz

Hallo Beatrice!
Mein Problem: ich bin 25 Jahre alt und hatte noch nie eine Freundin. Der Grund hierfür ist sicher ein Übermaß an Schüchternheit.
In meinem Elternhaus wurde und wird absolut nicht über das Thema Liebe und Sexualität gesprochen, es ist sozusagen Tabuthema. Schon früh in meiner Kindheit wurde mir zu verstehen gegeben, dass ich mich für alles, was irgendwie mit diesem Tabuthema zusammenhängt, abgrundtief schämen muss. Nun, meine Mutter hat mit 16 selber ein Kind bekommen (meine große Schwester), das sie dann zu ihren Eltern abgeschoben hat. Ich glaube, dass meine Mutter als „gebranntes Kind“ sozusagen ihre Kinder besonders in „Schutz“ nehmen wollte (oder will) und deshalb so eigenartig reagiert. Während Gleichaltrige in der Pubertät auf Partys gehen durften (mit allem, was so dazugehört), war mir das untersagt.
Hinzu kommt, dass meine Eltern nicht sagen mussten: „Nein Junge, da darfst du nicht hingehen“, sondern vielmehr mit ihrer Erziehung mich soweit dazu gebracht haben, dass ich das selber gar nicht mehr wollte und will. Irgendwie hat meine Mutter mir jegliches Bedürfnis danach genommen. Besonders hart hat es mich immer getroffen, wenn sie mich fragte, ob ich denn auf irgendwelchen Partys mit Mädchen getanzt hätte und dass sie sich bestimmt köstlich amüsiert hätte, wenn sie mich Trottel hätte tanzen sehen.
Wenn Verwandte zu Besuch kommen, dann wundern sie sich, dass der nette Junge noch keine Freundin hat. Dann tun meine Eltern immer ganz weltoffen und sagen: „Ja, der interessiert sich nicht für Mädchen, aber das kommt bestimmt noch“. Auch einige meiner früheren Schulfreunde haben mich immer um meine weltoffenen und jungdynamischen Eltern beneidet, denn bei anderen geben sie sich so. Wenn sich der Vorhang schließt, ist natürlich wieder alles beim Alten.

Ich trau mich überhaupt nix, sondern stehe unter der Fuchtel meiner Eltern

Ich glaube bald, ich bin nicht nur ein Frosch, sondern ein sehr kleiner Frosch…

Alle meine ehemaligen Schulfreunde haben und hatten schon längst eine (oder mehrere) Freundin(nen), einer ist sogar schon verheiratet. Aber das sieht meine Mutter nicht, denn nach der Schule sind die alle in andere Städte zum Studieren gegangen, und da ich heute eigentlich gar keinen Freundeskreis habe, fällt ihr auch gar nicht auf, wie „anormal“ ihr Sohn eigentlich ist. Meine Mutter respektiert noch nicht einmal meine Privatsphäre, sie stöbert in meinen Sachen herum in der Hoffnung, irgendwas Negatives über mich herauszufinden, und wenn Studienkolleginnen mal anrufen (was übrigens sehr sehr selten vorkommt), fragt sie mich gleich aus, was Sache ist – es könnte ja eine potentielle Freundin dahinterstecken.
Nun ist es natürlich nicht so, dass ich nicht schon mal versucht hätte, eine Frau anzusprechen. Ich habe das zweimal gemacht mit sehr negativem Ausgang, das ist jetzt allerdings schon vier Jahre her, und heute kann ich nicht mehr verstehen, wie mein damaliges Ich gehandelt hat. Das erste Mädchen, das ich angesprochen habe, hatte mir schon monatelang auffordernde Blicke zugeworfen, bis ich mich dazu durchrang, sie anzusprechen (das hat mich soviel Mut gekostet, dass ich fast vor ihr zusammengebrochen wäre…). Mit dem Ansprechen hat es auch ganz gut geklappt, sie war ganz nett, doch nach einer Woche ging sie mir aus dem Weg. Ich hab‘ sie dann noch ein paarmal an der Uni gesehen, aber da hat sie mich noch nicht mal angeguckt. Beim zweiten Mädchen war alles noch viel schlimmer. Ich sprach sie vor der Vorlesung an, als wir alleine waren. Sie tat dann so, als hätte sie mich noch nie vorher gesehen, und das, obwohl sie mir schon tausend Blicke im Hörsaal zugeworfen hatte. Hinterher habe ich gehört, wie sie über mich bei anderen hergezogen ist, und da war es natürlich aus mit mir: Meine Stimmung war auf dem absoluten Nullpunkt angelangt.
Wenn ich an diese Situationen zurückdenke, dann kommt mir das so vor wie ein Film. Ich kann mir heute auch nicht mehr vorstellen, was ich zu meinen Eltern gesagt hätte, wenn sie erfahren hätten, dass ich eine Freundin habe. Jedenfalls haben diese beiden negativen Erfahrungen mein sowieso kaum vorhandenes Ego soweit gebremst, dass ich heute, selbst wenn eine Frau sich mir direkt auf den Schoss setzen würde, nichts mehr unternehmen würde.
Zwischenzeitlich habe ich mir eingeredet, dass das mit der Liebe sowieso rational gesehen alles Quatsch ist und dass ich einfach nicht dazu fähig bin, eine Frau zu lieben. Natürlich würde ich diese Zeilen nicht schreiben, wenn ich nicht mittlerweile an den Punkt gekommen wäre, wo meine ganze Denkweise und mein ganzes Verhalten drohen, mich geistig kaputt zu machen. Ich ziehe mich immer weiter in mich zurück und unternehme kaum noch etwas. Zur Zeit stecke ich mitten in meiner Diplomarbeit (Journalistik) und komme so gut wie gar nicht mehr aus dem Haus. Das heißt, dass sich die Chancen, ein nettes Mädchen kennen zu lernen, auf Null minimieren. Leider weiß ich nicht, wie ich da geistig herauskommen soll.
Außerdem kommt noch hinzu, dass ich mein erstes Studium nach zwei Semestern abgebrochen habe und mir von meinen Eltern deswegen die Hölle heiß gemacht wurde. Das hat ganz schön an meinem Selbstvertrauen genagt.
Inzwischen hat sich das sich soweit ausgebreitet, dass ich eigentlich keinem Mädchen mehr in die Augen sehen kann, da ich mich meiner selbst so schäme. Was würde ich einem Mädchen sagen, das ich anspreche? Wenn sie erfahren würde, was für ein mit Komplexen beladener Typ ich bin, würde sie mich nicht mehr wollen, und das kann ich gut verstehen. Vielleicht sende ich auch unbewusst diese Signale aus, und deshalb klappt es nicht mit den Mädchen, aber für mich ist das ein unüberwindbarer Berg.
Nun könnte man natürlich sagen: „Warum zieht der Typ nicht einfach nach dem Studium bei seinen Eltern aus und lebt sein eigenes Leben, so wie er es will?“ Nun, erstens wäre das ein Schritt, den ich aufgrund meiner jetzigen verfänglichen Situation gar nicht wagen könnte und würde (aufgrund meiner mentalen Blockaden) und zweitens würden mir meine Eltern immer noch in meinem Kopf rumspuken (auch mentale Blockade). Irgendwie habe ich immer das Gefühl, als könnten mich meine Eltern bei allem beobachten, d.h. ich könnte gar nicht ein Mädchen küssen oder ähnliches, da ich ständig irgendwie daran denken muss. Selbst wenn ich mal in die Stadt gehe, bin ich immer pünktlich wieder zuhause, weil ich das Gefühl habe, meine Eltern wollen das so. Natürlich ist es völliger Quatsch, aber diese geistigen Blockaden sind einfach zu groß.
Ich habe auch schon mal daran gedacht, einen Psychiater wegen meiner Probleme aufzusuchen, aber das würde meine Mutter sofort rauskriegen (die hat schon echt viel über mich rausgekriegt). Ich schätze, wenn das so weiter geht, werde ich wohl nie ein nettes Mädchen kennenlernen…
Vielen Dank für Ihre Mühe, Beatrice!!!
Basti (25)

Lieber Basti,
wir wollen uns duzen, ja? Ist persönlicher. Meines Erachtens ist dein eigentliches Problem nicht das Kennenlernen von Frauen, sondern dass du aufgrund deiner Situation praktisch kein Selbstwertgefühl hast. Dass es da mit dem anderen Geschlecht und der Liebe nicht klappt, ist ganz logisch. Und es ist auch klar, dass du von zwei Absagen auf die Allgemeinheit schließt, obwohl das eigentlich Unsinn ist; du hattest eben Pech oder die falsche Ausstrahlung, als du diese beiden Mädels angesprochen hast, aber deren Reaktion hat dich so arg getroffen (auch dies hängt mit dem Mangel an Selbstwertgefühl zusammen!), dass du’s seither ganz gelassen hast.
Beim Lesen deines langen Briefes wurde ich abwechselnd traurig, bestürzt und wütend. Traurig, wie sich jemand so runterziehen lassen kann und was für eine lieblose Kindheit und Jugend manche Leute erleben müssen. Bestürzt, dass ein kluger Mensch (ja, du!) sein Denken und Empfinden so manipulieren lässt und sich benimmt wie ein unmündiges Kind. Mit 25!!! Wütend, dass du dich nicht dagegen wehrst und dass deine Eltern das überhaupt mit dir machen. Sag mal, du bist doch nicht blöd! Im Gegenteil, du hast viel Grips und kannst dich gut ausdrücken. Um Gottes Willen, du bist schon längst erwachsen – befrei dich von diesem Elternhaus.
Du schreibst:
„Warum zieht der Typ nicht einfach nach dem Studium bei seinen Eltern aus und lebt sein eigenes Leben, so wie er es will?“
Ja, das frage ich mich auch. Ich frage mich sogar, wieso du nicht gleich zum Studieren in eine andere Stadt gezogen bist. Komm mir jetzt nicht mit materiellen Zwängen! Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg. Es findet sich IMMER ein Weg. Er ist vielleicht unbequemer, aber letztendlich viel besser. Komm mir auch nicht mit mentalen Blockaden. Mann, Junge, du bist doch kein kleines Mädchen!!! Du bist ein erwachsener Mann! Wach endlich auf und benimm dich wie einer! Es gibt ÜBERHAUPT KEINEN GRUND, von deinen Eltern abhängig zu sein. Du scheinst mir irgendwie wie starr und gelähmt vor Angst vor dem Ungewissen und Unbekannten. Wahrscheinlich malst du dir die schrecklichsten Szenarien aus, was passiert, wenn du aus deinem Elternhaus ausziehst. Aber ich, ich flehe dich an, und zwar auf Knien: Sieh zu, dass du so schnell wie möglich da rauskommst! So weit weg wie möglich! Am besten ins Ausland! Weit weg von deinen Eltern wird dein jetzt so enges Korsett von dir abfallen, vielleicht nicht sofort, aber jeden Tag ein Stück mehr! Glaub es mir, es wird so sein.
DEIN LEBEN HÄNGT NICHT VON DEINEN ELTERN AB. DU BIST IHNEN NICHTS SCHULDIG. DU BIST NIEMANDEM ETWAS SCHULDIG. Du wirst neue Freunde finden, die viel viel besser für dich sind als deine Eltern es je sein werden. Versuch, Leute zu mobilisieren, die dir helfen. Geh meinetwegen in eine Männergruppe. Besuche Freunde in anderen Städten. Mach ein Auslandspraktikum oder wenigstens eins in einer anderen Stadt (bei kleineren Tageszeitungen hat man gute Chancen). Ich meine, wie willst du je ein fähiger Journalist werden, wenn du das Selbstbewusstsein und die Kontaktfähigkeiten eines Kleinkindes hast? Aber solange du am Rockzipfel von Mama und Papa hängst, wird es so bleiben. Für die bist du immer noch der kleine Junge, und du fügst dich hinein.
Fang ein neues Leben und eine neue Identität an. Es funktioniert, wenn der Anfang auch hart sein kann. Ich bin mit Anfang 19 als schüchternes, naives Ding von der absoluten Provinz in die Großstadt gezogen (ich kannte absolut niemanden!) und bin dort ziemlich schnell ein anderer Mensch geworden – der Mensch, der ich immer sein wollte. Wenn da niemand ist, der dich in Schubladen steckt, dann steht dir alles offen. Es steht dir sogar offen, eine neue Identität anzunehmen. Es braucht nur einen einzigen Schritt: sich zu lösen von der gewohnten (Schein-)Sicherheit und eine Zeit des Übergangs auszuhalten. Ich sage Scheinsicherheit, denn die in deinem Elternhaus ist ja nur eine äußerliche; eine Sicherheit in dir selbst wirst du dort nie gewinnen. Das Beste wäre sogar, wenn du im ersten Jahr den Kontakt mit ihnen meiden würdest oder wie lang auch immer es dauert, bis du eine gewisse Sicherheit in dir selbst entwickelt hast.
Es wäre auch gut, wenn du mal eine heilsame Wut gegen deine Eltern entwickeln würdest. Ich bin tierisch sauer, was sie aus dir gemacht haben und dann noch so scheinheilig tun. Klingt für mich ganz schön gestört.
Ein Psychiater? Nicht unbedingt, außer vielleicht, um dir ein angstlinderndes Medikament zu verschreiben, für den Übergang in ein neues Ich, damit du mal aus dieser Ängstlichkeit, Schwarzmalerei und Lähmung rauskommst.
Ein Psychotherapeut? Schon eher.
Deine Mutter könnte es rauskriegen? NA UND??? Dann würde sie vielleicht mal endlich wenigstens im Ansatz kapieren, dass sie auf dem besten Weg ist, aus ihrem Sohn einen Seelenkrüppel zu machen. Und der lässt es auch noch zu. Mensch, bitte: Lass es nicht zu! Wehre dich doch endlich! Lass dich doch nicht so kleinkriegen und kaputtmachen! Aber eben noch wichtiger als ein Seelenklempner ist, dich von Zuhause zu lösen*. Wenn du es schaffst – und ich bin sicher, du kannst es -, dann wird sich alles andere Stück für Stück einfinden: Dein Selbstbewusstsein. Der Kontakt zu Frauen. Die Liebe.
Wenn du mal soweit bist, kann ich dir gern noch den einen oder anderen Tipp geben. Aber solang du zuhause rumkluckst, wäre das, als versuchte ich, mit einem Glas Wasser einen Hausbrand zu löschen.
Hier noch ein Buchtipp zur Unterstützung deiner Veränderung: «Das Kind in dir muss Heimat finden: Der Schlüssel zur Lösung (fast) aller Probleme».

Und bitte schau auch auf meine Webseite «TippsFuerSingles.de» – dort findest du ganz viele Tipps zum Kennenlernen von Frauen.
Ich wünsche dir ganz viel Kraft und Mut
Beatrice Poschenrieder