Bis jetzt war ich kalt und selbstgefällig, liebt meine Freundin mich vor allem dafür?
Liebe Beatrice,
Ich führe eine Beziehung mit einem 17-jährigen Mädchen, welches ich vor anderthalb Jahren kennen lernte, und mit dem ich zusammen kam, weil es sich in mich verliebte. Damals war ich zu keiner Liebe fähig, weil ich ein egozentrischer Narziss war, der Menschen wie Objekte behandelte und in Wahrheit nur sich selber als etwas Tolles empfand. Dementsprechend nutzte ich sie aus und ging einfach die Beziehung mit ihr ein. Es folgten anderthalb Jahre, in denen sie eine tolle Zeit hatte, weil sie mit mir umgehen konnte, so wie ich war, nämlich sehr oft sachlich statt einfühlsam. Als ich dann aber vor sechs Tagen einen Gedankengang hatte, der mir half, die Ursache meines Daseins als Narziss langsam zu entdecken, zu erkennen und somit auch zu beseitigen, bekam ich direkt Magenschmerzen, als ich mit ihr telefonierte, weil ich direkt fühlte, dass ich damals gelogen hatte, als ich ihr sagte, dass ich in sie verliebt war, ohne dieses Gefühl empfinden zu können. Seitdem geht es in meinem Leben so steil bergauf, dass ich mich zum ersten Mal wirklich wie ein Mensch fühle und auch jeden so sehen kann. Das Problem ist eben nur, dass ich jetzt oft mit meiner Vergangenheit konfrontiert bin, die ja immerhin 19 3/4 Jahre so war, wie sie ist, und ich bei jedem Rückblick ein wenig Schmerz empfinde, weil ich jetzt erst merke, wie gefühlskalt ich damals mit Menschen umgegangen bin und was das in ihnen auslöste.
Natürlich sehe ich auch in meiner Vergangenheit gewisse Qualitäten meinerseits, so wie ich ein Pragmatiker war und dadurch eben eine Sachkompetenz hatte - ich habe mein Abitur und meine Schullaufbahn jetzt relativ erfolgreich hinter mich gebracht, eben weil ich diesen Zustand der Sachlichkeit lebte. Aber ich weiß jetzt auch, wie schlecht sich oft Menschen gerade wegen mir gefühlt haben müssen. Und damit wären wir wieder bei meiner Freundin. Denn in den anderthalb Jahren habe ich sie durch mein Verhalten zu einer devoten Person erzogen, die auch jetzt bei sexuellen Konfrontationen am Telefon immer noch ein wenig die Erniedrigung sucht in dem, was ich sage, weil sie es eben von mir gewohnt ist, so behandelt zu werden, als würde sie unter mir stehen - eben devot. Wir haben diese Begegnungen momentan nur am Telefon, weil ich eine Fernbeziehung mit ihr führe, denn sie wohnt in Hessen, während ich in Nordrhein-Westfalen lebe. Als ich ihr gestanden habe, dass ich sie niemals lieben konnte, war sie so verletzt, dass sie momentan einen Schutzwall um ihre Seele errichtet hat, den ich so vorsichtig wie möglich schrittweise abbaue. Aber es bleibt eben dieses Grundproblem, dass dieses devote Denken in ihrem Kopf verankert ist, und ich habe die Befürchtung, dass sie sich davon nur befreien kann, wenn sie sich mit ihrer Kindheit auseinandersetzt. Denn das, was sie in mir damals sah, diese Sachlichkeit, ist auch eine Eigenschaft ihres Vaters, der Lehrer ist und erfolgreicher Naturwissenschaftler und eben auf seine Mitmenschen auch nicht immer gefühlvoll eingeht, sondern eben die Sachlichkeit vorzieht. Ich denke nun, dass er der Auslöser dafür ist, dass sie jemals für mich etwas empfinden konnte, weil ich eben etwas wiederspiegelte, was sie von ihrem Vater kannte. Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass sie sich auch von diesen Dämonen ihrer Seele lösen kann und einfach so frei in ihrem Denken ist, dass sie alles, was die Natur hervorbringt, so schätzen kann wie ich es jetzt sehe: Nämlich so, dass jedes Spiel der Natur eine Kraft und Ästhetik in sich trägt, jeder einzelne Mensch, jedes Wesen.
Ich merke jetzt oft, dass sie noch dieses Grundgefühl, diese Begeisterung für mich in sich trägt und eben oft nicht zeigt, weil sie so brutal von mir verletzt wurde, als ich ihr gestand, früher einfach keine Liebe empfinden zu können. Und deswegen glaube ich, dass sie diesen Schutzwall ihrer Seele komplett einreißen kann, um mich zu sehen, so wie ich jetzt bin, und mich auch so lieben zu können. Ich habe mich mit diesem Brief selber ein Stück weit befreit, und vielleicht magst du trotzdem sagen, was du darüber denkst. Vielleicht kannst du mir einen Tipp geben, wie ich besser umgehen kann mit dem, was ich früher war, ohne Magenschmerzen bekommen zu müssen, weil ich einen Schrecken vor mir selbst bekomme mit dem, was ich früher angerichtet habe.
Alles Liebe
Paul
Lieber Paul,
Ferner denke ich, dass du die Vergangenheit ja nicht ungeschehen machen kannst, sondern dein Augenmerk darauf richten solltest, es in Zukunft anders zu machen. Das wird schon Gedanken und Mühe genug kosten, denn es ist nicht einfach, sein jahrelangf antrainiertes Verhalten von einem Tag auf den anderen zu ändern. Man muss immer achtsam bleiben und versuchen, sich in andere Menschen hineinzufühlen.
Wenn ich dich richtig verstanden habe, besteht dein Hauptproblem in Bezug auf deine Freundin vor allem darin, dass du befürchtest, sie könnte aufhören, dich zu lieben (oder dich weniger lieben), wenn du jetzt nicht mehr der sachliche, überhebliche Paul bist. Deshalb möchtest du, dass sie sich mit ihrer Vergangenheit auseinandersetzt, damit sie diese Art von Lieben überwinden kann. Aber: sie dazu zu drängen, wäre wiederum ein eher narzisstisches Anliegen, hinter dem steht, dass du weiterhin von ihr geliebt werden willst. Von daher tust du erst einmal recht daran, so vorsichtig wie möglich mit ihr umzugehen. Die große Frage ist: Liebst du sie denn nun? Oder geht es in erster Linie darum, dass du weiterhin von ihr geliebt werden willst?
Vielleicht trägt sie ja auch eine Sehnsucht in sich, nicht nur angenommen zu werden, wenn sie sich unterordnet, sondern sie selbst ist.
Aber weißt du denn ganz genau, wer sie wirklich ist? Frag sie. Fang an, dich für sie zu interessieren, für ihre Sehnsüchte, Wünsche, Gedanken; nimm sie als Person ernst und versuche nicht, ihr Lehrer zu sein, sondern ein Lernender. Das heißt: nicht bohren, nicht drängen, nicht versuchen, ihr deine neue Sichtweise einzuflößen, sondern sehr viel Geduld, Respekt, Akzeptanz, Wohlwollen und eine Beweglichkeit des Geistes aufbringen - und: WÄRME! Dann bestehen gute Chancen, dass sie sich im Laufe der Zeit zu einer eigenständigen Person entwickelt, die dich nicht dafür liebt, dass du sie dominierst, sondern dafür, dass du ihr So-Sein unterstützst und gutheißt.
Liebe Grüße
Beatrice
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