Mein Mann ging ins Ausland und lässt uns im Stich

Liebe Beatrice,
vor zwei Jahren ist mein Mann (wir kennen uns zwölf Jahre, davon fünf verheiratet) beruflich ins Ausland gegangen und hat mich und meine Tochter allein gelassen. Mitgehen wollte ich nicht, da unser Kind behindert ist und in Deutschland die Förderungsmöglichkeiten besser sind. Ich hatte auch den Eindruck, dass er nicht wirklich wollte, dass wir mitgehen. Seit gut einem Jahr hat er jetzt eine andere Frau, wie er auch in einer Mail zugegeben und mir zugestanden hat, dass ich es jetzt nicht leicht habe. Wenn ich ihn frage, wie es weiter gehen soll mit uns, sagt er, er weiß es nicht, streitet alles ab, schweigt, will nicht darüber reden, „hör mit deinen Verdächtigungen auf“, macht mich nieder, obwohl ich, wenn er weg ist, die ganze Verantwortung und Arbeit habe. Er ruft jeden Abend an (hauptsächlich wegen der Tochter) und kommt immer jedes zweite Wochenende heim. Urlaube verbringt er auch mit uns.
Das letzte Wochenende hat er mich beschimpft, ich sei für nichts zu gebrauchen, weil ich der Meinung bin, dass ich bestimmte Angelegenheiten nicht für ihn erledigen kann.
Er ist aggressiv, weil bei der Ehefrau der Alltag ist. Wenn ich mit ihm ohne Kind ausgehen will, hat er keine große Lust (müde, Jetlag usw.). Ich habe es satt, immer alleine auszugehen oder mit Freunden. Ich verstehe ja, dass er nicht mehr so oft mir etwas unternehmen kann, aber garnichts mehr… Was ist mit unserer Ehe? ich möchte nicht nur Mama und Papa sein.
Ich sehne mich sehr nach Zärtlichkeiten, aber er scheint mich nicht zu vermissen. Sein letzter Ausspruch: „Du glaubst wohl, bloß weil du fünf Minuten lieb bist, habe ich Lust dich zu f…..!“
In den Arm nimmt er mich nur auf Wunsch…!
„er
Ich muss ehrlich zugeben, dass es manchmal nicht leicht ist, sich zu freuen, wenn er da ist, weil ich mich mit allem alleingelassen fühle. Er sucht auch immer einen Grund, Stunk zu machen, ist nervös, jede Fliege stört an der Wand.
Jetzt versucht er auch wieder nach Deutschland zu kommen, aber ich frage mich, ob er es ehrlich meint.
An manchen Wochenenden, wenn er nicht hier ist, meldet er sich garnicht. Freitag meldet er sich kurz nochmal von der Arbeit und taucht dann erst wieder Montag telefonisch auf. Er ist nicht zu erreichen, ich finde dass hundsgemein. Fragen will ich nicht mehr, die Fronten sind sehr verhärtet.
Meine Gedanken drehen sich wie eine Endlosschleife. Warum verletzt er mich so? Es ist für mich wirklich nicht einfach. Umgedreht wäre ich meinen Partner dankbar, dass er mir diese Karrierechance trotz Kind, Haus usw. ermöglicht. Gibt es für mich nur die Arbeit einer Ehefrau, aber Liebe und Zärtlichkeit bekommen andere? Kann es denn möglich sein, dass ein Mann mit 38 keine Lust mehr auf Liebe und Zärtlichkeit hat mit seiner Frau? Das letzte Wochenende hat er paar kleine Andeutungen gemacht, dass er mich noch attraktiv findet. Lang angeschaut, kurz an meine Brust getippt. Das war es schon wieder. Es kann doch nicht sein, dass ich immer beginne und er dann gnädigerweise sich opfert…! Vor sechs Wochen hat er zur mir am Telefon gesagt, dass er mich lieb hat. Ja Worte und wo sind die Taten…?
Denkst du, dass wir noch eine Chance haben?
Liebe Grüße, Stefanie (38)

Liebe Stefanie,
ehrlich gesagt klingt es für mich nicht grade so, als ob ihr noch eine Chance habt. Die wenigen „positiven Zeichen“, die du erwähnst, müssen nicht viel bedeuten (können auch aus einer Laune heraus oder aus Berechnung entstanden sein), aber die negativen Zeichen wiegen sehr schwer und sprechen eine überdeutliche Sprache: Dein Mann liebt dich nicht mehr. Gut, manchmal ist es möglich, dass die Liebe zurückkommt, aber so schäbig, wie er sich dir gegenüber benimmt, seh ich da nur wenig Hoffnung.
Du fragst:
„Warum verletzt er mich so? … Kann es denn möglich sein, dass ein Mann mit 38 keine Lust mehr auf Liebe und Zärtlichkeit hat mit seiner Frau?“
Tja, er liebt eine andere, und deine Anhänglichkeit und Bedürftigkeit nerven ihn – er hat ein schlechtes Gewissen, und das macht ihn aggressiv. Zudem ist er genervt und nervös („jede Fliege stört an der Wand“), weil er eigentlich nicht mehr bei dir sein will.
Warum bettelst du noch so um seine Liebe und Zuwendung, wo er doch eine andere hat und dich so schlimm behandelt? Warum tust du dir das an?

Du meinst: „Umgedreht wäre ich meinen Partner dankbar, dass er mir diese Karrierechance trotz Kind, Haus usw. ermöglicht.“
Vielleicht ist er dir auch irgendwo dankbar, aber Dankbarkeit erzeugt ja nicht automatisch Liebe, sondern bei Männern erzeugt sie eher Schuldgefühle, und dann fühlt der Mann sich schlecht und verbindet dieses Sich-Schlecht-Fühlen mit dir – was Liebesgefühle erlöschen lässt, statt sie wieder aufflammen zu lassen. Sehr genau erläutert ist das im Buch von Martin von Bergen, «Das Geheimnis, wie sich ein Mann wieder in Sie verliebt: Wie Sie ihn wieder an sich binden, wenn er sich von Ihnen emotional entfernt hat». Dieses Buch möchte ich dir empfehlen, es enthält sehr gute Anleitungen, was eine Frau tun soll, wenn der Partner sich zurückzieht.

So hart es klingt: Ich glaube, es wäre gut, wenn du dich mit dem Gedanken vertraut machst, dich zu trennen. Im Prinzip sorgst du ja jetzt schon allein für dein Kind, und die finanzielle Unterstützung durch deinen Mann wird dir ja erhalten bleiben. Es würde sich also nicht so viel ändern, nur dass du dich dann allmählich von diesem quälenden Leid befreien kannst, das er dir immer wieder zufügt, und dass du frei wirst für einen Mann, der dir die Liebe und Unterstützung schenken kann, die du verdienst.
Mir scheint, du steckst momentan in einer seelischen Abhängigkeit von deinem Mann fest, und das erlaubt es ihm, dich zu behandeln wie einen Fußabtreter. Oder wie einen lästig gewordenen Hund, den er die meiste Zeit von sich weg tritt, aber ab und zu überkommt ihn ein Funken Mitleid und dann ist er mal wieder einen Moment lang nett.
Wenn du es schaffst, dich aus dieser Abhängigkeit zu befreien, stehen ja auch die Chancen viel besser, dass er dich wieder als eine „liebens-werte“ Frau betrachtet und nicht mehr als ein lästiges Anhängsel.
Ich rate dir auch, einmal eine Probestunde bei einer Paarberaterin zu machen (zum Beispiel bei Pro Familia oder einem anderen Familienberatungszentrum). Da kannst du auch allein hingehen, dich aussprechen und dir eine neutrale Meinung einholen – plus meist auch praktische Unterstützung.
Alles Gute
Beatrice Poschenrieder