Mein Mann lässt sich nur noch gehen und blockt mich ab, soll ich ausziehen?

Liebe Beatrice,
seit 15 Jahren lebe ich (38) mit meinem Mann (42) zusammen. Vor 5 Jahren haben wir geheiratet. Er war früher immer ein sehr optimistischer, aufgeschlossener Mensch, unternehmungslustig, sportlich. Und sehr ehrgeizig. Er hat schon immer sehr gern und viel gearbeitet. Eben das wird in unserer Ehe nun zunehmend zum Problem. Er interessiert sich eigentlich nur noch für seine Arbeit, ich würde sagen, er versteckt sich zum Teil auch hinter ihr. Ich sollte vielleicht noch dazusagen, dass wir beide beruflich selbstständig sind. Ich habe also durchaus Verständnis dafür, dass es „arbeitsreiche Phasen“ geben kann. Und ich weiß auch, dass es in der Firma meines Mannes nicht so gut läuft, aber hat er deshalb das Recht, sich derart gehen zu lassen? Mir ist auch aufgefallen, dass er oftmals tagelang viele Stunden an einer Sache arbeitet, ohne sie zum Abschluss zu bringen – Arbeitsaufgaben, die er früher an einem Abend erledigt hätte. Das ist doch klar, dass ich mir da Sorgen mache!
„erGemeinsame Unternehmungen werden immer seltener und beschränken sich auf 2-3 Stunden am Wochenende. Die restliche Zeit verbringt mein Mann im Arbeitszimmer und (zum Entspannen!) mit dem Schnapsglas vorm Fernseher. Er igelt sich ein, geht erst gegen morgen schlafen, hat fast nur noch schlechte Laune, ist ständig gereizt, zynisch und fängt sogar an sich selbst zu vernachlässigen (geht nicht zum Arzt, rasiert sich manchmal tagelang nicht, lässt das Duschen aus…).
Wenn ich versuche mit ihm darüber zu reden, auch über unsere Beziehung, blockt er sofort ab. Ich solle ihm nicht auf den Geist gehen mit meinem Gequatsche, meine Sorgen möchte er mal haben, „du bist schlimmer als deine Mutter“, manchmal wird er sogar regelrecht beleidigend. Ich versuche das nicht persönlich zu nehmen. Ich denke, er reagiert so, nur um kein Gespräch führen zu müssen. Und das funktioniert dann ehrlich gesagt auch. Ich hasse seinen Zynismus und schaffe es dann nicht zu kontern. Er will einfach nicht reden, verdrängt es lieber.
Trotzdem bin ich überzeugt, dass er mich immer noch gern hat und nicht verlieren möchte. Er bringt Blumen mit und andere kleine Aufmerksamkeiten, manchmal hält er beim Einschlafen meine Hand. Andere Zärtlichkeiten gibt es bei uns allerdings schon seit Monaten nicht mehr. Eigentlich leben wir inzwischen wie ein altes Ehepaar neben einander her. Das ist nicht gerade das, was ich mir vom Leben wünsche. Deshalb habe ich mir inzwischen auch angewöhnt, abends oder am Wochenende allein was zu unternehmen. Das akzeptiert er.
Wenn ich in mich hineinhorche, was ich in der jetzigen Situation für mich gern möchte, dann würde ich mir gern für ein paar Monate eine eigene Wohnung nehmen. Trotzdem zögere ich es wirklich zu tun: Ich habe irgendwie ein schlechtes Gewissen, meinem Mann jetzt vielleicht im Stich zu lassen. Er würde es bestimmt so empfinden. Wenn ich dabei helfen könnte, dass er seinen „Tunnelblick“ wieder verliert, dann würde ich es natürlich liebend gern tun. Logisch! Ich weiß eben nur nicht wie!
Möglicherweise wäre professionelle Hilfe dabei nützlich. Nur: meinen Mann zu bewegen eine Eheberatung o.ä. aufzusuchen – schaffe ich nie! (Vielleicht war ich auch lange Zeit zu gutmütig – lässt sich nun leider nicht mehr ändern.)
Meinst Du, eine Trennung auf Zeit könnte uns helfen? Meine Hoffnung wäre, dass ihm das klar macht, das auch ich unter der Situation leide (das sieht er nämlich nicht ein). Und natürlich hoffe ich, dass es ihn dazu bewegt, etwas für SICH zu tun. Er hat sich in den letzten Monaten so sehr verändert und ich möchte einfach den Mann wieder haben, den ich geheiratet habe.
Ich wäre Dir sehr dankbar für einen Rat!
Birgit (38)

Liebe Birgit,
ich denke, dass das, was du hörst, wenn du in dich hineinhorchst, genau das Richtige ist. Auch ich hätte dir geraten, ihn in seinem eigenen Sumpf versumpfen zu lassen und z.B. allein auf eine große Reise zu gehen oder ein paar Wochen bei einer Freundin zu wohnen, aber eine eigene Wohnung ist sogar noch besser. Du brauchst ÜBERHAUPT KEIN schlechtes Gewissen zu haben, deinem Mann vielleicht im Stich zu lassen. Denn wie du siehst, will er deine Hilfe ja nicht, im Gegenteil, er blockt ab und stößt dich vor den Kopf. Wenn du weitermachst wie bisher, wird auch er weitermachen wie bisher, und ihr leidet beide. Dein Gatte hat einen Burnout (was im Grunde auch eine versteckte Depression ist), vielleicht vermischt mit einer Midlife-Crisis, aber er will das weder wahrhaben noch etwas dagegen tun. Wie´s scheint, braucht er einen Schuss vor den Bug.
Leider muss es bei vielen Männern erst richtig weh tun, bevor sie mal aufwachen und was ändern.
Im Übrigen kann ich dich sehr gut verstehen, dass dich die jetzige Situation runterzieht. Klar wird dein Mann erst mal bestürzt sein, wenn du ausziehst. Soll er doch! Er hat lang genug dafür gesorgt, dass DU sauer und bestürzt bist. Kann auch gut sein, dass er dann erst mal wochenlang beleidigt vor sich hin schmollt und weitersumpft. Warte in Ruhe ab. Er wird bald kommen und betteln, dass du zurückkommst. Das ist dann der Moment, wo du genau dies sagen kannst: „Ich möchte einfach den Mann wieder haben, den ich geheiratet habe“!
Beharre so lange darauf, bis er wirklich einschneidende und deutliche Änderungsmaßnahmen ergreift, selbst wenn das bedeutet, dass er sich wegen seines Burnouts in Behandlung begibt (vor allem psychologisch, nicht nur medikamentös!). Bitte schau dazu unbedingt auch mein Video „Mann ändern“ – siehe unten!
Zieh aus und kümmere dich vorrangig darum, deine eigene Lebensfreude wiederzufinden. Er wird nachziehen.
Alles Gute, Beatrice Poschenrieder