Mein Kicher-Tic stört unser Sexualleben

Liebe Beatrice,
ich (25) bin nun seit knapp 2 Jahren mit meiner Freundin (26) zusammen. Unser Zusammenleben klappt hervorragend, nur hat sich seit einigen Wochen bei mir wieder ein Problem eingeschlichen, das ich eigentlich für beseitigt hielt: Bei jeder intimen Annäherung, die ich oder sie mache, fange ich wie aus Verlegenheit an zu kichern. Plötzlich fallen mir Sachen ein, über die ich dann kichern muss. Das fängt mal beim Küssen an, mal während des Vorspiels oder beim Sex. Mit dem Kichern ging mir das schon in der Schule so, wenn ich vor der Klasse etwas vorlesen musste – und ging irgendwann bei meiner Ex-Freundin wieder los. Auch bei letzterer klappte zuvor alles gut, bis im Hirn ein Schalter „klick“ machte und, bis auf einige Ausnahmen, nichts mehr ging. Mit meiner Ex-Freundin war ich drei Jahre zusammen, das letzte Jahr verbrachten wir in „Askese“, dann hat sie mich zum Abschied betrogen.

Fatal ist, dass ich ja sexuell erregt bin, auch Lust habe – und dann macht es wieder „klick“. Meine jetzige Freundin ist sehr verständnisvoll und schenkt mir viel Vertrauen und Geborgenheit. Sie sagt, es störe sie nicht. Aber ich glaube, auf Dauer kann das nicht gut gehen.
Könntest Du mir sagen, was die Ursachen für meine „Fehlfunktion“ sind und wie ich dem Ganzen ein für alle mal ein Ende bereiten kann?
Ich danke Dir und grüße herzlich
Ben (25)

Lieber Ben,
das Kichern ist eine sog. „Übersprungshandlung“, und zwar aus Verlegenheit und Angst. Bitte denk mal sehr intensiv nach und sag mir:
1) Wie oft und wann genau trat das Kichern in der Schule auf? Wann erstmals? Und hörte es irgendwann auf?
2) Bitte alle Situationen aufzählen, wo das Kichern in der Vergangenheit auftrat.
3) Wann genau fing es bei deiner Ex an? Gab es einen Auslöser? Oder welches wichtige Ereignis war dem vorangegangen?
4) Kam die einjährige Askese nur durch das Kichern? Wenn ja: warum hast du nicts dagegen unternommen? Oder hat dich die Askese nicht gestört?
5) Bitte Frage drei für deine jetzige Beziehung beantworten.
6) Wie genau tritt das Kichern beim Sex auf ­ bei deiner Ex und der Jetzigen? Wann, wie lange, in welcher Form, kicherst du nur stellenweise oder ununterbrochen? Usw. (bitte alles genau beschreiben!)
7) „Plötzlich fallen mir Sachen ein, über die ich dann kichern muss“ ­ was für Sachen?
8) Hast du noch andere „Fehlfunktionen“, die in angstbesetzten Situationen auftreten? (z.B. Zuckungen)
9) Wohnst du mit deiner Freundin zusammen? Wenn ja, seit wann?
Bis bald, Beatrice

Liebe Beatrice,
hier die Antworten auf Deine Rückfragen:

zu 1) Das Kichern trat eigentlich immer dann auf, wenn ich etwas vorlesen musste. Z. B. im Deutschunterricht. Nicht, dass ich stotterte. Aber ich musste eigentlich permanent lachen, das Ergebnis war dann ein eher bruchstückhafter Vortrag, bis mich der oder die Lehrer/in von meinem Leid erlöste. Oft endete das in einem albernen Lachkrampf. Das Lachen trat aber nicht immer auf. Ich habe den Eindruck, dass ich in solchen Schul-/Lebensphasen NICHT lachen musste, in denen ich mich wohl bzw. sicher gefühlt habe. Manchmal reichte aber auch ein blöder Scherz des Banknachbarn, dass ich während des Lesens wieder losgeprustet habe.
Merkwürdig ist auch, dass ich bei Vorträgen, auch vor Gruppen mit etlichen Teilnehmern, keine Probleme habe. Mir scheint, dass ich mich sicher fühle, wenn ich glaube, die Gruppe „im Griff“ zu haben. Nicht die Größe ist das Problem, sondern das Intime, Persönliche.

zu 2) Das erste Mal trat es so mit 9 oder 10 auf. Bisweilen muss(te) ich auch lachen, wenn mir jemand lange Monologe ins Gesicht drückt und ich nichts dazu sagen kann.
Ferner überkommt mich das Lachen/ Kichern, wenn etwas ernstes passiert: Trauerminute, Mitteilung einer schweren Krankheit eines Nachbarn, bei Problemdiskussionen mit Freundin („Wir müssen miteinander reden“). Ernste Situationen, intime Situationen.

zu 3) Bei meiner Ex fing das nach etwa 1,5 Jahren nach Beginn der Beziehung an. Wir waren im Urlaub. Beim zu Bett gehen wurde sie „intim“ und ich hing mit meinen Gedanken noch bei etwas, worüber wir an dem Tag gelacht hatten. Als ich losprustete, war das für sie natürlich nicht angenehm, zumal ich mich nicht mehr einkriegte. Fortan war ich bei fast jeder weiteren Gelegenheit damit beschäftigt, mich darauf zu konzentrieren: “Denk bloß nicht an was, was dich zum Lachen bringen könnte, gib dich dem Sex hin, denk bloß nicht an was Lustiges, jetzt nur nicht kichern.” Und dann musste ich natürlich doch kichern, Freundin war beleidigt und der Sex abrupt vorbei, wenn er denn überhaupt begonnen hatte.

zu 4) Nein, die Askese kam sicher nicht alleine durch das Kichern. Wenig später nach dem Urlaub begann ich mein Studium, das ich in einer anderen Stadt aufnahm. Wir hatten uns noch an der Schule (13. Klasse) kennen gelernt. Nach dem Zivildienst zog ich in eine 80 km entfernte Stadt. Ich fuhr jedes Wochenende heim, dennoch hat sie mein Fortzug geknickt, zumal SIE aus Überzeugung bis zum Ende ihres Studiums bei ihren Eltern wohnen blieb. Irgendwann fing jeder an, sein eigenes Leben zu führen. Sie ließ mich nicht mehr an sie ran und je mehr sie sich verschloss, desto aufdringlicher wurde ich, glaube ich, was sicher ein Fehler war. Jedenfalls – in einer Phase, in der ich glaubte, wir befänden uns auf dem aufsteigenden Ast, stieg sie mit einem Typen in die Kiste und entfernte mich weitere zwei Tage später mit der Beichte aus ihrem Leben.

Ich habe nichts gegen das Kichern unternommen, weil ich glaubte, es ginge wieder von selbst weg. Deshalb bin ich dieses Mal gewappnet mit besserer Kenntnis. Die Askese störte mich nicht, ich suchte die Schuld ja bei mir.

zu 5) Hm, wieder im Urlaub. Vielleicht ist es die Assoziation mit dem bereits Erlebten, die mir Sorge bereitet. Die Parallele ist frappierend. Allerdings fiel die Reaktion meiner jetzigen Freundin nicht so heftig aus. Sie wunderte sich, warum ich kichern müsse, stört sich aber nicht daran. Umso mehr wurmt es mich, dass ich bei einem Menschen, den ich liebe und der mich bedingungslos liebt, solche Reaktionen zeige, obwohl es keinen Grund dazu gibt. Wir sprechen auch darüber. Sie sagt, ich solle mir nicht so viele Gedanken machen, sonst würde ich es nur verstärken und zunehmend verkrampfen. Bemerkenswert finde ich, dass es so lange so gut ging – bis der Ausnahmefall jedes Mal beim Sex auftritt.

zu 6) Das Kichern kann beim intensiven Küssen auftreten, während wir uns gegenseitig streicheln oder berühren. Es kann auch erst dann auftreten, wenn wir intensiv geknutscht haben und wir bereits miteinander schlafen. Oder nach dem Sex, wenn wir noch eng aneinander liegen. Eine Berührung alleine macht mich nicht kichern, es gibt also keine „Knöpfe“, die ein Kichern auslösen. Es ist mehr die allgemeine Atmosphäre, die mich in eine „kicherbereite“ Stimmung versetzt. Das Kichern schlägt dann unvermittelt zu. Wenn ich kichere, dann eigentlich nur stellenweise, aber häufig hintereinander. Kein andauerndes albernes Gekichere. Das fühlt sich dann an, als würde sich mein Bauch verkrampfen und ich huste. Ja, es ist eigentlich immer ein kurzes Kichern – gepaart mit Grinsen. Etwa ein 2-sekündiger, zuckender Luftausstoß.

zu 7) Naja, mir kommt es vor, als durchsuche mein Hirn die Teile, bei denen es auf etwas stößt, das mich zum Lachen bringt. Mir fallen lustige Bemerkungen von Freunden ein, ich muss an doofe Witze aus dem Fernsehen denken. Manchmal reicht auch Lärm auf der Straße aus (z. B. im Urlaub: Fußgänger vor der Straße und Glockenschlag). Ab und zu kichere ich auch einfach so. Wenn ich alleine bin, kann ich mich vor den Spiegel stellen und ganz gelassen über alle möglichen Witzigkeiten nachdenken und dabei keinen Mundwinkel verziehen (man könnte meinen, ich ginge zum Lachen nicht in den Keller, sondern ins Bett).

zu 8) Nein, andere Reaktionen zeige ich keine. Allerdings würde ich mich insgesamt als relativ schüchtern, bisweilen unsicher bezeichnen. Ich gehe Konflikten gerne aus dem Weg, gehe den Weg des geringsten Widerstands. Vielleicht schwitzige Hände. Aus Nervosität oder Langeweile kratze ich mich auch gerne auf dem Kopf, so wie andere Leute Fingernägel kauen.

zu 9) Ja, ich wohne mit meiner Freundin zusammen. Da wir im gleichen Haus gewohnt haben, als wir uns vor knapp 2 Jahren kennen lernten, zogen wir sehr rasch zusammen, etwa nach zwei oder drei Monaten. Wir kommen gut in der gemeinsamen Wohnung aus.

Ich danke Dir. Auch dafür, dass ich mal mit jemandem darüber schreiben konnte.
Viele herzliche Grüße, Ben

Lieber Ben,
das Kichern ist eine Art Flucht- und Abwehrreaktion, und zwar bei Situationen, die dich seelisch stressen, überfordern, zu sehr berühren und die sich deiner Kontrolle entziehen (bzw. wo du denkst, dass du zu wenig Kontrolle hast bzw. die Kontrolle ist vermindert, z.B. durch Erregung).
In deiner Kindheit hast du (wohl durch Zufall) herausgefunden und gelernt, dass du solche Situationen durch Kichern/ Lachen abwehren und beenden kannst. Und diese Methode hat sich in deinem Unterbewusstsein verankert und kommt heute durch ähnliche Situationen zum Vorschein. Bzw. in dem Urlaub mit der Ex hat sich dein Unterbewusstsein wieder an die Methode „erinnert“, als die intime Situation mit ihr entstand.
Dass der Kicher-Tic beide Male im Urlaub mit der Freundin aufkam, ist kein Zufall. Denn da ist man ja 24 Stunden am Tag zusammen, es entsteht sehr viel Nähe, die noch verstärkt wird durch die vielen gemeinsamen Aktionen (Mahlzeiten, Ausflüge usw.) und durch „Romantik“. Irgendetwas daran scheint dir tief drinnen Angst zu machen, was übrigens nicht ungewöhnlich ist, denn sehr viele Menschen können mit so viel Nähe nicht umgehen -­ oder auch mit der Aussicht auf noch mehr Nähe im Falle einer gemeinsamen Zukunft.
Auch dass es jetzt in den „intimsten“ Momenten auftritt, ist kein Zufall. Wie du selbst schreibst: das zugrunde liegende Problem ist „das Intime, Persönliche“.
Ich hatte mal einen Liebhaber, der beim Sex mit mir auch sehr oft gelacht, gekichert und Witzchen gemacht hat. Ich hatte intuitiv das Gefühl, dass er sich damit Abstand verschafft, weil er mit allzu viel Nähe nicht gut umgehen kann, und das hat sich später bewahrheitet.
Du schreibst ja „bei einem Menschen, den ich liebe und der mich bedingungslos liebt“: Diese Stelle klingt für mich, als ob sie dich stärker liebt als du sie -­ kann es sein, dass dir ihre „bedingungslose Liebe“ zwar einerseits gefällt, aber andererseits auch ein wenig Angst macht? (z.B. ein leichtes Gefühl der Bedrängnis gibt? o.ä.) Möglicherweise steht auch zwischen euch etwas im Raum, was dir Angst macht, z.B. Gedanken an Heirat oder Kinder?
Zusätzlich könnte dein Kichern noch einen anderen Zweck haben, nämlich dass du damit deine Freundin ein wenig auf die Probe stellst -­ bei der Ex trug das Kichern ja dazu bei, dass sie sich von dir abwandte, nun stellst du die Jetzige auf die Probe, ob sie sich dann auch von dir abwendet.

Was du also tun musst, ist:
• Dir darüber klar werden, was du für sie empfindest;
• ehrlich zu dir selbst sein, deine Ängste erkennen und sie zulassen;
• lernen, Dinge zuzulassen, die dir nahegehen, sowie tiefe Empfindungen;
• lernen, seelischen Stress zu ertragen und mit ihm umzugehen;
• offen gegenüber deiner Freundin sein und mit ihr so über deinen Kicher-Tic und deine Ängste sprechen, wie wir das hier grade tun. Sie kann ja gut damit umgehen, und sie wird auch damit umgehen können, wenn du manchmal sagst: Das wird mit jetzt zu viel oder zu nah, ich brauche ein bisschen Raum für mich…
Allein schon diese Möglichkeit zu haben, wird dir eine gewisse Erleichterung verschaffen.

Parallel zu der „Seelenarbeit“ kannst du ein bisschen Körperarbeit machen. Und zwar das sog. „Anker setzen“.
Stell dich vor den Spiegel, bringe dich durch lustige Gedanken zum Lachen / Kichern und beende das Lachen bewusst und auf den Punkt mit einem körperlichen Anker. Das ist in der Regel eine kleine unauffällige Geste, z.B. die Kuppen des Mittelfingers und Daumens aufeinanderlegen. Gleichzeitig bitte tief atmen.
Trainiere es so oft, bis es dir in Fleisch und Blut übergegangen ist und du die Geste auch im Bett oder sonstwo anwenden kannst, um den unerwünschten Kicherdrang zu beenden.
Liebe Grüße
Beatrice Poschenrieder

Liebe Beatrice,
hab vielen Dank für Deine umfassende und rasche Antwort. Du hast mir sehr geholfen und viele Denkanstöße gegeben. In der Tat stehen einige Dinge im Raum, exakt: Heirat und Kinder! Sie will früher, ich eher später, wenn ich Kindern auch ein entsprechendes „ökonomisches“ Umfeld geben kann. Das mit dem Anker werde ich beherzigen, bin sehr gespannt!
Also, nochmal vielen Dank für Deine Hilfe und Unterstützung!
Liebe Grüße, Ben