Wie werde ich meinen Männerhass los? Frau sein bedeutet Opfer sein

Hallo Beatrice,
mir geht es eigentlich nicht direkt schlecht. Ich habe eher ein Problem, das meine generelle Denkweise betrifft, und möchte diese gerne ändern, nämlich dass ich ein sehr schlechtes Männerbild habe und für mich die Begriffe Mann, Männlichkeit usw. nichts Positives sind. Ich weiß auch ganz genau, woher das kommt. Ich habe vor ein paar Jahren den Kontakt zu meinem Vater abgebrochen, da er ein absoluter Patriarch, Tyrann und Sadist ist, der bisher allen Menschen, die in seiner Nähe waren, das Leben zur Hölle gemacht hat. Er hat mir auch nie Beachtung und Anerkennung geschenkt, denn er hat ein Problem mit Frauen und Mädchen, die haben keinen Stellenwert bei ihm. Ich habe gesehen, wie es besonders meiner Mutter, die leider nicht mehr lebt, sehr schlecht ging, da er sie systematisch gedemütigt und klein gemacht hat. Für mich ist daher auch das Frau-sein nicht unproblematisch, denn ich habe immer wieder erlebt, dass es Opfersein bedeutet.

Ich lehne meine Weiblichkeit ab

Ich will nicht Frau sein, denn Frau sein heißt Opfer sein

Dann habe ich noch zwei ältere Brüder, die allerdings auch ziemliche Chauvinisten sind. Ich habe dadurch eine gewisse Trotzhaltung entwickelt und mir schon früh gesagt, dass mir so etwas nicht passieren soll und ich stattdessen meinen Weg gehen will und unabhängig sein will. Ich habe mein Leben bisher auch ganz gut gemeistert und lebe seit dem Abi im Ausland (in Schweden, da ist das mit dem Frauenbild und der Gleichstellung etwas fortschrittlicher und ich brauche mich weniger aufregen) und fühle mich eigentlich wohl und bin sehr lebensfroh. Nur ist es so, dass ich diesen „Männerhass“ (so kann man es schon nennen) nicht überwinden kann, auch wenn ich im Grunde genommen weiß, dass es durchaus nette Männer gibt. Manchmal denke ich, dass das Problem überwunden wäre und ich in der Lage sei, mal eine gute Beziehung zu haben, wo keiner den anderen unterbuttert. Aber dann lese ich in der Zeitung wieder irgendwas über Gewalt, Vergewaltigung usw. und dann kann ich den ganzen Tag wütend und rachelüstern durch die Gegend laufen.
Diese Bitterkeit und aggressive Haltung belastet mich selber. Mit Kumpels habe ich eigentlich keine Probleme, aber wenn es um Beziehungen geht, wird es kompliziert. Ich hatte bisher zwei Freunde. Den ersten mit 18, die Beziehung dauerte ein gutes Jahr, den zweiten mit 21, da haben wir uns letzten Herbst nach zweieinhalb Jahren getrennt. Ich hüte ich mich sehr vor Scheißkerlen und habe daher immer das Bedürfnis, die Oberhand zu haben. In den beiden Beziehungen, die ich hatte, waren die Männer von der Sorte „sehr nett, aber auch sehr unsicher und nichts auf die Reihe kriegen“, während ich immer stark war. Ich bin auch teilweise richtig fies gewesen zu denen und die haben meinen ganzen Frust abbekommen. Wenn ich sie allerdings mit Behauptungen wie „wenn Vergewaltigung nicht illegal wäre, würden es viele Männer machen“ konfrontiert habe, haben sie mir aber auch kein positiveres Männerbild geboten von einem Mann, der eine Frau bewusst respektiert und von solchen Dingen Abstand nimmt, sondern wussten gar nichts zu sagen. Die beiden haben halt nicht über so etwas nachgedacht und das hat mich dann sauer gemacht. Das Ganze war eher eine Mutter-Kind-Beziehung, aber dann nervt mich das irgendwann auch, wenn er nie etwas kontern kann, nicht weiß, was er will und gar kein Selbstbewusstsein hat. Es hat mich nicht von ungefähr zu schwachen Männern gezogen: damit ich bloß die Oberhand habe. Aber so möchte ich es eigentlich auch nicht haben.
Ich will nicht einfach den Spieß umdrehen und so fies sein wie mein Vater, sondern möchte dieses destruktive Muster einmal brechen. Ich möchte eine Beziehung, in der einigermaßen Balance ist, wo beide stark sind, aber auch mal schwach sein können. Aber ich weiß nicht, wie ich es rein praktisch hinkriegen soll, denn ich habe immer dieses Bedürfnis, alles unter Kontrolle haben zu müssen. Ich habe in Beziehungsfragen auch gar keine Vorbilder, fast alle Ehen in meiner Nähe sind auseinander gegangen oder ich sehe, dass es nicht ausgewogen ist. Ich hatte daher auch immer die zynische Einstellung, dass das zwischen Mann und Frau ohnehin nicht gut gehen kann.
In sexueller Hinsicht habe ich keine Probleme. Ich habe da schon immer einen recht großen Appetit gehabt und habe mich bereits mit 10-11 bis zu mehrmals täglich selbstbefriedigt. Da war mir noch gar nicht bewusst, was das ist. An manchen Tagen denke ich ständig an so etwas, da habe ich dann schon Schwierigkeiten, mich aufs Lernen zu konzentrieren. Ich fand das ganz merkwürdig, dass das anscheinend nicht bei allen so ist.
Mit meinem ersten Freund, da war ich 18, hat es auch gleich gut geklappt in der Hinsicht und ich hatte keine Probleme, mich da hinzugeben, wenn er mich manuell oder oral befriedigt hat und beim Verkehr habe ich mich selber oder er mich noch gleichzeitig mit der Hand stimuliert. Und selber bereitet es mir auch viel Freude, wenn ich erleben darf, wie mein Partner meine Liebkosungen genießt. Von daher kann ich mich als Frau nicht völlig unwohl fühlen.

Ich möchte wirklich ein zufriedenes Leben führen und nicht immer das Bedürfnis haben, einem Mann weh zu tun. Ich weiß nicht, ob ich wirklich mal eine Therapie machen sollte…?
Liebe Grüße, Lotta (24)

Liebe Lotta,
es ist schon mal ein entscheidender Schritt, dass du dein Verhalten und dessen Ursachen erkennst. Wirklich helfen kann ich dir mit der kleinen Beratung hier nicht – du brauchst tatsächlich eine richtige Therapie. Geh bitte zu deinem Hausarzt und berate dich mit ihm/ihr, welche Möglichkeiten es für dich gibt. Was du in einer Therapie unter anderen lernen kannst, ist, die Verallgemeinerung und den Hass zusammen mit der dahinterstehenden tiefen Angst loszuwerden und dass es keine Gefahr bedeuten muss, wenn man jemand anderem die Kontrolle überlässt. Das ist ja auch meistens eine Frage der eigenen Abgrenzung.
Unterstützend zur Therapie empfehle ich zwei Bücher:
Das Kind in dir muss Heimat finden: Der Schlüssel zur Lösung (fast) aller Probleme
Liebeskummer lohnt sich doch: Co-Abhängigleit in der Beziehung und die Ängste des Inneren Kindes (Koregaon)

Du schreibst:
„Für mich ist daher auch das Frau-sein nicht unproblematisch, denn ich habe gesehen, dass es Opfersein bedeutet“.
Frau-sein KANN, MUSS ABER NICHT Opfersein bedeuten. Es hängt fast immer auch von der Frau ab: wieviel sie zulässt, ob und wann sie nein sagt, dass sie nicht mehr mitmacht.
Übrigens: Mal abgesehen von Missbrauch und Vergewaltigung, ziehen die meisten Opfer-Frauen auch einen gewissen „Gewinn“ oder Vorteil aus ihrer Opferrolle: z.B. das Mitleid und die Rücksichtnahme der anderen; nicht eigenständig leben müssen; sich nicht dem Unbekannten, dem Alleinsein aussetzen müssen; keine Verantwortung für Entscheidungen und für sich selbst übernehmen müssen; das schlechte Gewissen des „Täters“ usw.
Viele Frauen manipulieren die anderen sogar durch ihr Opferverhalten.
Von daher ist eine vermeintliche Opfer-Frau oft auch Täterin!
Oder im positiven Sinne kann Schwachsein auch eine Stärke bedeuten. Zum Beispiel viele kluge Frauen überlassen in bestimmten Situationen dem Partner die Oberhand, weil er sich dann stark und gut fühlt – das heißt, beide profitieren davon. Ihm die Führung zu überlassen, gibt ihm nicht nur das Gefühl von Stärke, sondern auch das gute Gefühl, dass die Parterin ihm vertraut.
Hingegen wenn sie immer alles bestimmt und managt, kriegt er ganz schnell das unschöne Gefühl: sie traut mir nichts zu.

Für dich selbst kannst du auch schon mal im Kleinen üben, anderen die Kontrolle zu überlassen – d.h. Freunde, Bekannte, Dienstleister usw. einfach mal machen lassen, statt selber das Kommando zu übernehmen bzw. die Dinge lenken zu wollen; dabei wirst du immer öfter die Erfahrung machen, dass dir kein wirklicher Schaden oder Nachteil geschieht. Dazu gehört eine große Portion Akzeptanz, aber die kann man lernen. Es dauert, aber es lohnt sich.
Vielleicht gelingt es dir auch ein Stück weit, deine Haltung beim Sex auf den Alltag mit einem Mann zu übertragen.
Liebe Grüße, Beatrice Poschenrieder