Sie will vor dem Sex weder Vorspiel noch Zärtlichkeit, ist das normal?

Guten Tag Beatrice,
Seit 3 Wochen habe ich eine Freundin aus Polen (40). Wir haben uns im Urlaub kennengelernt. Unsere Beziehung gehen wir allmählich an und wir haben uns für unser erstes Wiedersehen (1 1/2 Wochen bei mir) vorgenommen, nicht gleich auf Sex zuzusteuern. Sie hat erniedrigende Erfahrungen in ihrer vorherigen Ehe bis zu Gewalttätigkeiten (vermutl. aber keine direkte Vergewaltigung) gemacht, weshalb ich ihr Zeit und Abstand geben wollte. Meine Freundin ist zudem extrem reinlich und erwartet dies auch von mir. Ich habe damit keine Probleme, finde das eine oder andere aber übertrieben.

Wir lieben uns sehr. Zärtlichkeiten wie längeres Küssen (kein Zungenkuss) oder Berührungen durch mich vermeidet sie bzw. sie weist mich schonungsvoll zurück. Sie hat jedoch Spaß daran, mich im Genitalbereich zu berühren.
Wir haben darüber gesprochen und ihre Erklärung ist so: Da wir uns vorgenommen haben, noch keinen Sex zu haben, würden meine Zärtlichkeiten bei ihr sexuelle Erregungen auslösen, die bei ihr bis zu körperlichen Schmerzen führen, wenn dann kein Sex folgt. Sie schlug deshalb vor, dass wir beim nächsten Treffen Sex haben, beim ersten Mal ohne Vorspiel, danach mit.
Sie meinte, das sei alles physiologisch erklärbar und allgemein bekannt. Mir ist das absolut neu und es fällt mir schwer, das zu glauben, bzw. ich weiß nicht, ob es andere Gründe für ihr Verhalten gibt, z.B. ihre Reinlichkeitsvorstellungen, und wie ich damit umgehen soll. Sex ohne Vorspiel mag ich nicht.
Ich kann ihr so nicht zeigen, wie sehr ich sie liebe. Gerade in ihrer Situation dachte ich, dass liebevolle Zärtlichkeit und Eingehen auf sie ihr helfen könnte.

Gibt es die beschriebenen physiologischen Reaktionen?
Bitte antworte, Volker (51)

Lieber Volker,
also „allgemein bekannt“ ist das nicht gerade, was deine Freundin beschreibt – jedenfalls nicht bei Frauen. Bei Männern schon eher (dass körperliche Schmerzen entstehen, wenn sich starke Erregung nicht „entladen“ darf).
Aber Sexualität hat ja die verschiedensten Facetten, und das, was sie beschreibt, ist nicht so abwegig, als dass man es nicht glauben dürfte. Wenn du ihr zeigen willst, dass du sie liebst, dann schenke ihr einfach Glauben und geh auf sie ein in dem Sinne, wie sie es will – und nicht wie du denkst, wie es „eigentlich sein müsste“.
Eine Frau, die schlimme sexuelle Erfahrungen gemacht hat, wird in ihrer Sexualität immer anders sein als die Durchschnittsfrau.

Ich kann mir vorstellen, dass sie nach ihren traumatischen Erfahrungen einfach Angst vor Sex hat – bzw. dass sie, wenn sie es zulässt, sehr erregt zu werden, irgendwie die Kontrolle über das Geschehen verlieren könnte und dass dann etwas passieren könnte, was dem ähnelt, was sie erlebt hat.
Vielleicht bezieht sich ihr Vorhaben, das Vorspiel erst mal wegzulassen, auch gar nicht auf sie selbst, sondern eher auf ihren Partner. Möglicherweise hat sie erlebt, dass ein Mann, der sehr erregt ist und großen sexuellen Druck hat, sich nicht mehr im Griff hat und ihr weh tut. Also veranlasst sie, dass bei ihm der sexuelle Druck erst mal abgelassen wird, und dann erst kann sie sich angstfrei tiefer auf große Intimität und starke Erregung einlassen.

Ob und wie genau ihre Reinlichkeit mit ihrem Trauma zu tun hat, kann ich dir nicht sagen (vermutlich ja), dazu müsste man bei ihr mehr in die Tiefe gehen. Auch hier kannst du deine Liebe zeigen, indem du einfach auf sie eingehst, ohne es lang und breit in Frage zu stellen. Irgendwann wird sie sich dir von selbst mehr öffnen und du wirst die ganzen Wahrheiten und Zusammenhänge erkennen. Drei Wochen sind ja wirklich noch SEHR wenig.
Alles Gute
Beatrice Poschenrieder