Ich will anderen Frauen Mut machen, dass man Missbrauch überwinden kann

Jenny, 20

Hi Beatrice!

Hab den Brief von Betti gelesen, die beschreibt, dass sie schon nach kurzer Zeit keine Lust mehr auf ihren Freund hat, was wahrscheinlich am Missbrauch in ihrer Kindheit liegt.

Wurde ab meinem 14. Lebensjahr von einem Bekannten ein dreiviertel Jahr lang missbraucht. Hatte danach das Glück, an einen echt netten Kerl gekommen zu sein, der mich auch in der nachfolgenden Therapie toll unterstüzt hat. Auch nach der Trennung von diesem, deren Grund nicht im Missbrauch zu suchen sind, hatte ich erneut das Glück, an einen Mann zu geraten, der mir zugehört hat und auf mich eingeht. Mit diesem bin ich nun auch schon seit 2 Jahren zusammen.

Jetzt ist es aber so, dass ich, im Gegensatz zu Betti, den ganzen Tag mit ihm im Bett verbringen möchte. Bin sehr auf Nähe aus, jedoch ohne zu klammern. Mein Problem ist eher, dass ich manchmal das Gefühl hab, ihn zu überfordern.

Er hat sich noch nicht beschwert und sagt auch, wenn er keine Lust hat.

Aber manchmal ist es dann so, dass ich mich dadurch abgewiesen fühle und trotzig reagiere oder heulen muss (was ich eh hasse wie die Sau). Er redet dann mit mir und es klärt sich meistens, wenn ich ihn im Laufe meiner Trotzphase nicht zu arg beleidigt hab.

Es ist dann wieder alles in Ordnung.

Er hat vorgeschlagen, dass ich es mir ja trotz dass wir jetzt zusammenwohnen, selbst machen soll, was ich früher, als ich noch zu Hause gewohnt hab, öfter gemacht hab.

Zu Anfang war ich skeptisch. Ich kann es mir doch nicht selbst machen, wenn er im Zimmer nebenan sitzt und jederzeit ins Schlafzimmer marschiert kommen könnte.

Selbst wenn ich ihm Bescheid sage, weiß er ja,was ich tue. Demnach is da auch nicht viel mit Entspannung.

Hab darüber mit ihm geredet. Sind nun so verblieben: Ist die Schlafzimmertür zu, will ich nicht gestört werden. Sollte er an der Zimmertür vorbeikommen, weiß er was los ist, ich aber nicht unbedingt, dass er es weiß, weil ich ja nicht sehe, ob und wann er an der Tür vorbeikommt. Auf der anderen Seite weiß ich, dass, sollte er es sehen, er weiß, dass ich nicht gestört werden will. Klappt soweit ganz gut 🙂

Das ist nun weniger eine Frage. Will eher denen Mut machen, welchen es ähnlich geht. Das Leben geht weiter und es regelt sich alles mit einem verständnisvollen Partner an der Seite, bei dem man sich auch nicht scheuen sollte, über das, was einem auf der Seele brennt, zu sprechen.

Wäre schön,wenn es ein Forum gäbe, in denen sich Betroffene auch austauschen können. Hast du evtl. Adressen solcher Foren?

Liebe Grüße

Jenny (20)

Liebe Jenny,

danke für deine Anmerkungen. Es ist superlieb von dir, dass du anderen missbrauchten Frauen Mut machen willst, und ich möchte etwas zu deinen Worten sagen:

“Das Leben geht weiter und es regelt sich alles mit einem verständnisvollen Partner an der Seite, bei dem man sich auch nicht scheuen sollte, über das,was einem auf der Seele brennt, zu sprechen.”

Leider trifft das längst nicht auf alle Betroffenen zu. Es haben sich schon viele Frauen an mich gewandt, die durchaus einen verständnisvollen Partner haben, aber die schrecklichen Erlebnisse und die damit verbundenen Ängste sitzen so tief, dass sie immer wieder hochkommen.

Wenn nun solche Frauen solche Sätze wie von dir lesen, kommt in ihnen schnell das Gefühl auf: Wieso kann diese Jenny es schaffen und ich nicht? ich bin total gestört und krank und eine Versagerin!

Deswegen halte ich auch von entsprechenden Foren oft nicht so viel. Ich halte es für besser, wenn betroffene Frauen mit geschulten Expertinnen sprechen – Expertinnen, denen schon viele missbrauchte Frauen begegnet sind und die wissen, was ein Missbrauch oder eine Vergewaltigung manchmal anrichten kann – und die dementsprechend sensibel damit umgehen.

Du hast vermutlich großes Glück, dass du nicht nur zwei tolle Partner, sondern auch eine Seele mit guten Selbstheilungskräften hast; aber dieses Glück haben eben nicht alle Betroffenen. Trotzdem hast du sicher der einen oder anderen Mut gemacht, indem dein Beispiel zeigt: es ist möglich, es zu überwinden und damit umgehen zu lernen!

Super ist auch, dass du erwähnst, dass du eine Therapie gemacht hast; vermutlich hat auch diese dir geholfen und nicht nur deine lieben Partner, oder?

Danke für deinen Brief

Beatrice