Ich kann mich beim Sex nicht fallen lassen, weil ich mir dauernd selbst Druck mache

Hallo Beatrice,
mein Freund ist wirklich sehr, sehr liebevoll mit mir. Er hat schon mehr Erfahrung als ich, und hatte auch schon mehrere Freundinnen (kein Jungmann mehr). Er ist mein richtiger Freund, mit dem ich mir eine längerfristige Beziehung vorstellen kann. Da ich auf sexuellem Gebiet noch keine Erfahrungen gemacht habe, außer mit ihm, dachte ich in den ersten drei Monaten Beziehung, ich würde lernen, mich fallen zu lassen. (An dieser Stelle muss ich erwähnen, dass er mich zu nichts drängt und alles zwanglos abläuft. Er vergewissert sich, ob alles passe, etc.)
Ich habe mit 14 mit Selbstbefriedigung angefangen, aber bin kein Mensch, der oft Selbstbefriedigung “benötigt”. Dadurch ist natürlich noch einmal weniger Erfahrung vorhanden. Wenn dann mal mehr läuft, weiß ich am Anfang schon, dass ich nicht komme. Ich möchte ihn auf keinen Fall enttäuschen. Kann es vielleicht daran liegen, dass ich aufgrund des nicht-so-oft Selbstbefriedigen schon weniger erfahren bin? Ich habe keine “Bedenken” ihn anzufassen. Und er genießt es.
Manchmal zweifle ich an mir selbst, er ist wirklich total nett und ich liebe ihn. Trotzdem merke ich, wie ich mir selbst Druck mache. Vielleicht kannst Du mir ja helfen.
MfG Lena (17)

Liebe Lena,
ich hab noch Fragen.
1) Ist euer Sex (vor allem das Vorspiel) so, dass du richtig in Erregung gerätst? Was genau macht ihr, damit du in Erregung kommst? Wenn nein: was fehlt?
2) Bist du überhaupt in der Lage, richtig erregt zu werden, und ist das, was dein freund dazu tut, auch wirklich das, was du (körperlich) brauchst?
3) Auf welche Art(en) versucht ihr beide, dich zum Org. zu bringen?
4) Was meinst du mit, du kannst dich nicht genug „fallen lassen“?
Herzlichst, Beatrice

Hallo Beatrice.
zu 1. und 4. Teils, Teils. Ich würde sagen, es kommt drauf an wie wir beide gelaunt sind, und wie die Stimmung ist usw. Meistens bin ich eher der passiv genießende Teil. Ich habe Angst, etwas falsch zu machen. Ich mache mir selbst Druck, dass ich kommen müsse, weil er sonst denkt, er sei ein schlechter Liebhaber.
zu 2. Naja, sogenau kann ich das selbst nicht beantworten. Ich denke schon, denn bei SB ist’s kein Problem. Er “versucht” es auf alle möglichen Arten. (Z.B mit der Zunge über den Bauch. Massagen am Rücken. Streicheln von Bauch, und  Oberschenkelinnenseiten, Küssen am Hals usw.)
Es ist irgendwie komisch. Ich werde sehr feucht, manchmal kommt es mir vor, als ob ich richtig auslaufe.
Den richtigen Weg haben wir einfach noch nicht erkunden können. Vielleicht bin auch ich das Problem, weil ich mir soviele Gedanken mache und mich somit nicht auf das Wesentliche konzentrieren kann.
zu 3. Mit “allem”. Also Zunge, Hand usw.
MfG Lena

Hi Lena,
wenn ich das richtig verstehe, ist weniger das Fallenlassen das Problem, sondern dass du bei ihm nicht kommst – richtig? Und du denkst, du würdest bei ihm kommen, wenn du dich fallen lassen könntest. Nun ja, das kann sein, aber vielleicht ist es auch was anderes. Zum Beispiel dass ihr beide noch nicht den Bogen raus habt, wie´s bei dir am besten zu bewerkstelligen wäre. Eigentlich müsstest du ihm mal genau zeigen, wie du es bei dir selbst hinkriegst, und das müsstet ihr dann auf euren Zweiersex übertragen. Aber vorher muss der Druck raus.
Etliche Männer halten es für gegeben, dass Sex immer mit einem Orgasmus enden sollte – ansonsten ist es „kein richtiger Sex“. Und das übertragen sie auch auf die Frau. Das führt nicht selten zu Frustrationen, Missverständnissen und unerotischer Zielstrebigkeit. Oder sie denken, der Höhepunkt der Frau müsste doch eigentlich so leicht und „mechanisch“ hervorrufbar sein wie der von den meisten Jungs. 
Die Recherchen zu meinem Orgasmus-Ratgeber „Stöhnst du noch oder kommst du schon?“ bestätigten die Erfahrungen, die ich seit vielen Jahren als Sexberaterin mache: dass mindestens drei von vier Frauen oft oder immer Mühe mit dem Kommen haben, vor allem beim Zweiersex. Und bei den meisten Sexanfängerinnen in deinem Alter liegen die Zahlen noch viel höher – locker 80 % können nicht durch ihren Partner kommen. (Falls dein Freund tatsächlich denkt, er sei „ein schlechter Liebhaber“, nur weil du nicht kommst, dann ist das, wie wenn ich mich für eine Versagerin halten würde, nur weil ich nicht Tennisspielen kann.)
Der Hauptgrund liegt schlicht darin, dass wir keine besonders orgasmusfreundliche Anatomie haben: Die meisten von uns können nicht durch puren Verkehr kommen, weil der Kitzler zu weit weg von der “Hauptverkehrsstraße” liegt, und der ist obendrein auch noch sensibel oder diffizil zu handhaben.
Komischerweise haben Vertreter beider Geschlechter Probleme, das anzuerkennen, sondern schieben´s gern der Frau zu: sie ist zu gehemmt, zu verkrampft, nicht entspannt genug oder sonstwie “gestört”. ABER: Wenn es tatsächlich daran läge, hätten Männer genausoviele Orgasmusprobleme – oder gar mehr! Denn eines kann ich mit Sicherheit sagen: Männer setzen sich im Bett noch stärker unter Druck und sind noch weniger entspannt.
Die Frage ist auch: Fühlt er sich tatsächlich so klein, wenn er dich nicht zum Kommen bringen kann, oder denkst du das nur? Sprich offen mit ihm darüber! Und auch darüber, ob du dich vielleicht auch mal selbst zum O bringen kannst, während ihr Verkehr habt.

Du schreibst: „Ich möchte ihn auf keinen Fall enttäuschen.“
Du meinst, du bist ihm und seinen Bemühungen schuldig, dass du kommst? Eigentlich Blödsinn, oder?

„Kann es vielleicht daran liegen, dass ich aufgrund des nicht-so-oft Selbstbefriedigen schon weniger erfahren bin?“
Nein, daran liegt´s nicht wirklich.

Erst mal müsst ihr beide unbedingt diesen Erfolgsdruck rausnehmen. Das heißt, ihr müsst beide aufhören, dich zum Orgasmus bringen zu wollen. Lasst dem Orgasmus allezeit der Welt! Er mag noch nicht rauskommen! Er kommt genau dann raus, wenn er so weit ist! Und bis dahin: Genießt ihr das sexuelle Zusammensein einfach. Verlegt euch auf die Lust, nicht auf den blöden Orgasmus!
Außerdem empfehle ich dir sehr, mein oben genanntes Buch zu lesen. Es wird dir alle Hintergrundinfos und Spezialtipps liefern, die du brauchst, um irgend wann nicht nur Lust, sondern auch Gipfel zu erleben.

Liebe Grüße
Beatrice Poschenrieder

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