Wir passen so supergut zusammen, warum fühlt meine Freundin nun diese Leere?

Hallo Beatrice,
ich bin gerade recht ratlos…
Montag erzählte mir meine Partnerin (28), dass sie sich nicht mehr sicher ist, was/wieviel sie für mich empfindet – hierbei war sie völlig aufgelöst und weinte sehr. Sie meinte, sie könne ihr Gefühl auch nicht näher beschreiben. Ihr würde auch nichts fehlen oder sie stören. Im Gegenteil – es sei ja eigentlich alles genau so mit uns, wie sie es sich immer gewünscht hat. Doch nun sei da so eine Leere in ihr und sie würde sich wie in einem Vakuum fühlen. Sie kann im Moment weder sagen, dass sie mich liebt, noch dass sie mich nicht liebt.

Ich fühle mich so leer und verloren.

Warum habe ich diese Leere in mir? Wo sind meine Gefühle geblieben?


Eines konnte sie sagen… sie würde sich ein wenig erdrückt fühlen und hätte das Gefühl, ich sei böse, falls sie mal etwas alleine machen wollte. (Wir haben die letzten 3 Monate nahezu jeden Tag und jede Nacht miteinander verbracht.) Ich sagte ihr, dass ich natürlich nicht böse wäre. Sie müsse es einfach mal machen, denn bisher war das ja nicht der Fall.
Naja, sie ist auch nicht der Meinung, dass das wirklich das Problem ist, denn dafür gäbe es ja Lösungen und darüber kann man reden. Schlimm ist eben für sie diese Leere. Sie sagte, sie braucht jetzt einfach ein wenig Zeit.
Ich verstehe einfach nicht, wie es dazu kommen konnte. Wir hatten bisher wirklich eine wundervolle Zeit – es gab noch nie Differenzen. Wir waren bisher so glücklich, uns gefunden zu haben, und haben schon viele Zukunftspläne geschmiedet. Sie hat mir so oft gesagt, wie glücklich sie mit mir ist und mich endlich gefunden zu haben. Dass sie sich noch nie im Leben so sicher war. Ich ihre große Liebe bin. Alles perfekt passt. Sie mich liebt. Sie mit mir alt werden möchte… etc..
Sie machte sogar den Vorschlag im Sommer zusammenzuziehen. Vor ein paar Wochen hat sie mich auch ihren Eltern vorgestellt. Alles passte. Es war schon fast unheimlich… wir haben die gleichen Vorstellungen von Beziehung, Liebe, der Zukunft… den gleichen Geschmack, den selben Humor. Können uns stunden unterhalten, zusammen lachen und albern sein, zusammen weinen…

Für mich ist der jetzige Vorgang rätselhaft. Sie ist absolut kein sprunghafter Mensch. Und auch keine, die die Dinge einfach nur so sagt, weil sie sich gerade schön anhören.
Nun frage ich mich die ganze Zeit, was da in ihr passiert ist. Ob es vielleicht auch an Dingen liegen kann, die gar nichts mit uns zu tun haben. Sie hatte die letzten Monate z.B. extrem viel Stress bei der Arbeit, der sie sehr mitgenommen hat. Oder hat sie einfach ein bisschen Angst bekommen, weil sich alles so rasant entwickelt hat? Ich hatte ja auch manchmal das Gefühl: Das ist alles so wundervoll – wo ist der Haken? Sollte ich wirklich so ein Glück haben?

Eigentlich bin ich mir sehr sicher, dass so tiefe Gefühle nicht wirklich einfach verschwinden können. Sondern dass man eine Zeitlang vielleicht einfach nicht an die Gefühle rankommt.

Nun ist es fünf Tage her. Allerdings haben wir uns trotzdem schon in der Zeit gesehen. Am Mittwoch haben wir den Abend miteinander verbracht, uns über alles Mögliche unterhalten. DAS Thema haben wir ausgespart. Ich möchte ihr Zeit geben, ohne sie unter Druck zu setzen. Während wir uns so unterhielten, hat sie mich oft zärtlich berührt – meine Hand genommen, mich gestreichelt, Küsschen gegeben. Ich blieb über Nacht und im Bett haben wir uns sogar richtig geküsst, haben engumschlungen geschlafen.
Letzte Nacht war ich auch bei ihr und es war wieder so.
Die Nächte, die ich nicht bei ihr war, hat sie bei ihrer besten Freundin verbracht. Als würde sie es in der Wohnung, in der wir so viel Zeit verbrachten, nicht alleine aushalten.

Ich habe große Angst, sie doch zu verlieren. Aber ich habe auch Hoffnung – ich glaube an uns. Berechtigt?
Ich war noch nie selber in der Situation. Es gab immer greifbare Gründe, wenn ich eine Beziehung angezweifelt habe. Aber ist so eine Leere, die sie gerade verspürt, vielleicht gar nicht so selten? Liegt es vielleicht wirklich an den äußeren Problemen? Liegt es vielleicht daran, dass die Schmetterlinge langsam ruhiger werden? Oder ging alles zu schnell und sie muss es erst verarbeiten? Ich bin ratlos… und möchte so gern verstehen, was in ihr vorgeht.
Mo (30)

Hallo Mo,
was du da beschreibst, kommt öfter mal vor. Es ist kein wirklicher Grund zur Beunruhigung, es sei denn, man bricht deswegen in Panik aus und reagiert falsch (z.B. durch Klammern oder Druck auf den Partner oder beleidigte Abwendung).
Du bist dir «sehr sicher, dass so tiefe Gefühle nicht wirklich einfach verschwinden können. Sondern dass man eine Zeitlang vielleicht einfach nicht an die Gefühle rankommt.»
Das stimmt (zumindest wenn es keine erkennbaren Diskrepanzen gibt).

Du fragst:
«Liegt es vielleicht wirklich an den äußeren Problemen? Liegt es vielleicht daran, dass die Schmetterlinge langsam ruhiger werden? Oder ging alles zu schnell und sie muss es erst verarbeiten?»
Du musst davon ausgehen, dass seltsame seelische Phänomene immer mehrere Ursachen haben. Daher treffen sicher alle Gründe zu, die du auflistest. Aber der stärkste ist mit Sicherheit der letzte: es ist bei euch viel zu schnell viel zu eng geworden. Die Leere ist eine Art „innerlich auf Abstand gehen, weil man´s mit der Angst zu tun bekommt“. Angst erzeugt oft ein Gefühl der Leere (oder auch der Lähmung, auch Gefühlslähmung).
Und: Grade wenn es so supergut passt und man so heftig verliebt ist, tendiert man zum Beziehungs-Modell „Siamesische Zwillinge“: Man hockt viel zu viel aufeinander (was NIE gut ist für eine Beziehung!!!), will immer heiter Sonnenschein haben, vermeidet also Konflikte und das Äußern eigener Wünsche oder aller Dinge, die den anderen beunruhigen könnten. Diesen Fehler machen sooo viele Paare! Und bei diesem Modell kommt es über kurz oder lang IMMER dazu, dass einer von den beiden auf die Notbremse tritt, weil es „zu viel“ und „zu eng“ wird. (Ein Buch, wo das klasse erklärt wird, ist «Die Psychologie sexueller Leidenschaft».)
Eine gute Beziehung besteht nicht nur aus Nähe!!! Sondern aus einer gesunden Mischung von Nähe und Abstand, von Aufeinander-Eingehen und Eigenständig-Bleiben. Jeder muss sich seine eigenen Bereiche bewahren und Dinge auch ohne den Partner tun (z.B. seinen eigenen Freundeskreis und eigene Hobbies pflegen), ansonsten erstickt man im Zweisamkeits-Sumpf. Deine Freundin ist zum Glück früh genug auf die Notbremse getreten. Wenn ihr beide vernünftig und liebevoll miteinander redet und zusammen euer eigenes Nähe-Abstand-Modell entwickelt, stehen die Chancen gut, dass eure Beziehung noch besser wird als zuvor und ihr noch sehr lange zusammen sein werdet.
Zeig ihr diese Mail und sprich mit ihr darüber – ohne jeglichen Groll und ohne Angst!
Liebe Grüße
Beatrice Poschenrieder