Ständiges Hin und Her mit ihr

Hallo Beatrice!
Also erstmal muss ich sagen, dass ich Deine Antworten richtig gut finde, manche Briefe mir aber ganz schön Angst machen. Weil ich ein Problem habe, mit dem ich nicht so richtig fertig werde. Ich habe vor ca. einem Dreivierteljahr eine Frau (26) kennengelernt, es ist eine echt verworrene Kiste. Sie lebt in Scheidung und hat einen dreijährigen Sohn.
Wir hatten uns auf Anhieb gut verstanden, sowas wie Seelenverwandschaft; aber immer wenn ich dichter in ihr Leben gekommen bin, hat sie abgeblockt… Beispiel: Sie wollte mich immer sehen und dann auf einmal kamen Vorwürfe, dass sie ihre Freunde nicht vernachlässigen will. Dazu muss ich sagen, dass ich gar nicht jeden Tag konnte und auch mal abgesagt habe… dann ging es wieder gut. Dann wollte sie auf einmal keine Beziehung mehr; haben uns getrennt und zwei Tage später kam sie wieder an: sie vermisst mich und so weiter. Dann wollte sie mal ein Kind von mir; drei Tage später hat sie keine Gefühle für mich, und wieder drei Tage später war es wieder andersrum… also ein richtiges Chaos.
Die Zeiten, wo wir zusammen waren, haben wir uns halt wirklich gut verstanden; und wenn wir uns getrennt hatten, gingen die Aktionen von ihr aus.
Tja, der Höhepunkt der ganzen Sache war, wir hatten noch zusammen ne Reise gebucht; hatten uns getrennt und wollten dann halt als Freunde hinfahren, aber vierzehn Tage vor der Abreise kam sie wieder an und sagte sogar, sie liebt mich. Also waren wir wieder zusammen, dann aber im Urlaub hat sie sich total distanziert, und aus dem Urlaub zurück, haben wir uns getrennt, und dann hat sie mir gesagt, dass sie den Urlaub nur als Gelegenheit für sich zum Verreisen gesehen hatte. Was ich ziemlich schäbig fand, weil sie dann alles so hätte lassen können, und wenn wir dann zusammengekommen wären, wäre es ok gewesen, und wenn nicht, dann halt auch.
Sie wollte keinen Kontakt mehr, sondern Abstand. Nach ner Woche war für sie alles schon ausgestanden und sie wollte ne Freundschaft, “weil ich ihr als Mensch soviel bedeute”. Haben telefoniert… wo danach dann SMS kamen: „War schön, deine Stimme zu hören“… und dass sie mal wieder ausgehen will mit mir.
Eigentlich haben wir fast täglich Kontakt und sind füreinander da. Ich weiß bloß nicht, wie ich das ganze deuten soll, weil es mich doch belastet… wenn sie nichts von mir will, wieso meldet sie sich jeden Tag bei mir?
Vor allem, die Trennung ist jetzt fast drei Monate her und ich bilde mir ein, dass ich relativ gut damit umgehen kann, nur manchmal halt bekomme ich Depriphasen, wo es verdammt weh tut… und das Schlimme ist, ich bin kein Kind von Traurigkeit, wenn ich ausgehe, dann flirte ich auch gerne und lache viel. Aber hinterher habe ich ein richtiges schlechtes Gewissen ihr gegenüber, was ich logisch echt selbst nicht verstehen kann. Kompliziert, kompliziert… Was rätst Du mir? Weil ich irgendwie nicht loskomme von ihr…
Danke!! Michel (29)

„Liebt

Hi Michel,
du fragst zu Recht:
„Wenn sie nichts von mir will, wieso meldet sie sich jeden Tag bei mir?“
Tja. Deine Zuneigung tut ihr gut, und die will sie sich erhalten – ohne jedoch eine richtige, „normale“ Bindung mit dir einzugehen.
Du bringst es in einem Satz auf den Punkt: „Immer wenn ich dichter in ihr Leben gekommen bin, hat sie abgeblockt“.
Im Klartext: Die Frau ist beziehungsunfähig oder hat ein Bindungs- und Näheproblem. Ob generell oder nur vorübergehend (wegen der Scheidung?) oder nur in Bezug auf dich, das wissen wir leider nicht. Das musst du entscheiden, ob du die Geduld aufbringen willst, es herauszufinden, und das Risiko eingehen, dass es noch jahrelang so weitergeht wie jetzt und sie dann letztendlich mit einem anderen von dannen zieht.
Das hier, was du beschreibst, ist schon ziemlich krass:
“Sie wollte mich immer sehen und dann auf einmal kamen Vorwürfe, dass sie ihre Freunde nicht vernachlässigen will. Dazu muss ich sagen, dass ich gar nicht jeden Tag konnte und auch mal abgesagt habe… dann ging es wieder gut. Dann wollte sie auf einmal keine Beziehung mehr; haben uns getrennt und zwei Tage später kam sie wieder an: sie vermisst mich und so weiter. Dann wollte sie mal ein Kind von mir; drei Tage später hat sie keine Gefühle für mich, und wieder drei Tage später war es wieder andersrum… also ein richtiges Chaos.”
Das klingt eher, als ob mit ihr grundsätzlich was nicht stimmt, denn eine Frau, die nur vorübergehend wegen einer Scheidung etwas bindungsscheu ist, benimmt sich nicht so.
Normalerweise würde ich einem Mann raten, sich etwas rar zu machen, damit 1) der Jagdinstinkt der Dame erwacht, 2) sie merkt, was sie an ihm hat. Aber bei der Deinen würde das wohl nicht viel nützen, denn sie sie scheint ziemlich große Angst vor Bindung und Nähe zu haben. Wenn du dich rar machst, wird sie auf jeden Fall wieder anspringen, dich haben wollen usw., aber sobald ihr dann etwas Beziehungsartiges führt, kriegt sie innerlich erneut die Panik und büxt in der bereits bekannten Weise aus. Da wirst du mit keiner Taktik was dran ändern können, es sei denn, es macht dir nichts aus, auf Dauer immer einen gewissen Abstand zu ihr zu wahren, dich ständig rar zu machen usw.
Also entscheide: Ist sie es dir wert, noch eine ganze Weile so weiterzumachen wie bisher (zehrt natürlich an den Nerven, am Gemüt, an deiner Leistungsfähigkeit, an deiner Lebensfreude), oder macht es dich schon jetzt kaputt? Falls letzteres, dann beende es und lass dich auch nicht von ihrem Hinterherrennen erweichen (denn das wird sie tun, vermutlich steht sie auf Männer, die sie nicht haben kann!).
Ich sag mal, die Wahrscheinlichkeit, dass du eines Tages eine richtige und harmonische Beziehung mit ihr führen könntest, ist eher klein. Nicht ausgeschlossen, aber klein. Wenn du das genau wissen willst, erfährst du es sehr detailliert im genialen Buch von Stefanie Stahl: «Jein!: Bindungsängste erkennen und bewältigen. Hilfe für Betroffene und deren Partner».
Herzlichst, Beatrice Poschenrieder