Sie ist die Richtige, warum stelle ich sie in Frage und bin so schlecht drauf?

Hallo Beatrice,
ich bin 28 und mein Studium nähert sich dem Ende. Ich hatte bis vor einem Jahr eine zweijährige Beziehung, die von meiner Ex-Freundin von jetzt auf gleich ohne triftigen Grund beendet wurde. Sie sagte damals, sie würde nichts mehr für mich empfinden, obwohl sie weiß, dass sie eigentlich mit mir zusammenbleiben will. Ich muss gestehen, dass ich damals sehr getroffen war und eine gewisse Zeit brauchte, dieses zu verdauen. In den folgenden Monaten nahm ich mir vor mich erstmal “auszutoben”. Allerdings kam es nicht wirklich dazu. Ich habe zwar ein paar Frauen kennen gelernt, aber bin wohl nicht der Typ für zwanglosen Sex. Ich hatte einen One Night Stand (um es mal ausprobiert zu haben) und eine kleine Affaire im Urlaub, jedoch habe ich keine Frau kennen gelernt, die mich im Inneren angesprochen hat.
Im Herbst habe ich durch Zufall zwei alte Freundinen von mir getroffen. Eine der beiden hatte zu diesem Zeitpunkt noch einen Freund (bereits 3 Jahre). Wir trafen uns immer öfter und telefonierten lange. Irgendwann erzählte sie mir, sie sei nicht mehr mit ihrem Freund zusammen (aber nicht wegen mir) und wir näherten uns immer mehr an.
Irgendwann passierte es, wir knutschten wild und haben gemerkt, dass da mehr als nur Freundschaft ist.
Wir wollten es miteinander probieren, entschlossen uns jedoch aus verschiedenen Gründen, unsere Beziehung erstmal geheim zu halten. Aber bereits nach 2 Wochen hatten wir von Geheimnissen genug und haben es allen erzählt. Es gab keine Probleme, alles schien perfekt.

Nun zum eigentlichen Problem. Ich war vor einem Monat mit Freunden im Winterurlaub. Alles war super, Schnee, Sonne usw.. Sie konnte leider aus Zeit- und Geldmangel nicht mitfahren. Wir haben uns täglich geschrieben (SMS) und auch mehrmals telefoniert. Ich habe sie sehr vermisst und ständig an sie gedacht. Nach meiner Rückkehr war die ersten zwei Tage auch alles super. Wir haben uns ständig gesehen und sehr gut verstanden.
Nach drei Tagen jedoch bin ich seelisch quasi in ein Loch gefallen. Ich hatte zu nichts mehr Lust, fühlte mich krank und wollte nur noch schlafen. Dazu habe ich angefangen mir einzureden, dass irgend etwas in der Beziehung fehlt. Ich bilde mir seit diesem Zeitpunkt ein, mir fehlt DAS Gefühl zu meiner Freundin. Ich komme mir vor wie in einer Art Spirale, an deren Ende immer wieder die Fragen stehen: Ist sie die Richtige?? Machst du dir nicht was vor??
Zu Anfang habe ich das Ganze als ein Art “Nach-Urlaubs-Tief” abgehandelt. Nun hält dieses Gefühl allerdings schon 2 Wochen an und ich denke fast permanent über diese Sache nach. Es ist wie eine Berg-und Tal-Fahrt. Mal bin ich mir sicher, dass alles wieder gut ist, und mal kommen wieder diese trüben Gedanken.
Das Paradoxe ist, dass ich nach wie vor viel Zeit mit ihr verbringen will und auch tue. Wir sehen uns eigentlich täglich und telefonieren dazu auch noch. Wenn ich bei ihr bin, sind meine Gedanken gebändigt, nur ab und zu bekomme ich einen Kloß im Hals oder bekomme Platzangst, wenn sie mich umarmt.
Ich habe ihr von meinen Gedanken erzählt und sie ist seither jedesmal verunsichert, wenn ich mich “anders” benehme.
Ich weiß nicht, wie ich mich aus dieser Situation befreien kann. Durch das ewige Nachdenken habe ich für mich schon diverse Gründe gefunden, die dazu beitragen können. Bin ich zum Beispiel “nur” mit mir selber so unzufrieden (nach Urlaub, schlechtes Wetter, wenig Erfolg im Beruf), dass ich niemanden lieben kann? Kann man jemanden anders lieben, wenn man sich selbst nicht liebt?
Habe vor allem Angst davor, dass ich mir selber etwas vormache und ich in der gleichen Situation stecke wie meine Ex vor einem Jahr. Wenn ich darüber nachdenke, fallen mir tausend Gründe ein, mit meiner Freundin zusammen zu bleiben. Wir teilen in vielen Dingen die gleiche Ansicht, haben in etwa die gleichen Ziele, was Familie und zukünftiges Leben betrifft. Und häufig sitze ich einfach vor ihr und denke, Mann, hast du ein Glück, so eine hübsche und intelligente Freundin zu haben. Und im nächsten Moment kommen wieder die Zweifel und ich versuche Fehler an ihr zu finden. Oberflächliche Dinge, die in eine Teenie-Liebelei passen, aber nicht in eine Beziehung von zwei erwachsenen Menschen (z.B. ihre kleine Oberweite oder “irgendwie ist ihre Oberlippe aber komisch”).
Ich ärgere mich über solche Gedanken, kann aber nichts dagegen tun. Ich fange dann an, Vergleiche zu anderen Frauen zu ziehen, vergesse dabei immer den Menschen und die Person. Warum sind mir Kleinigkeiten so wichtig? Spielt mir mein Gehirn einen Streich, oder habe ich wirklich das Gefühl verloren? Gibt es nicht immer Schwankungen in einer Beziehung? Wie bekomm ich das Kribbeln wieder zurück? Warum stören mich diese Kleinigkeiten? Eigenlich freue ich mich doch auf unseren ersten gemeinsamen Urlaub, und wenn ich ehrlich bin, denke ich ab und zu auch über unsere glückliche Zukunft nach.
Ich hoffe du kannst mir meinen Brief beantworten und mir helfen.
Lukas (28)

Ich kann sie nicht mehr lieben, bin ich depressiv?

Ich fühle mich, als würde mein Gehirn eigene Sachen machen…

Lieber Lukas,
ich hoffe, du erschrickst jetzt nicht, wenn ich dir sage, dass das, was du beschreibst (Loch, Lustlosigkeit, Müdigkeit, negative Gedanken usw.), eine Depression ist. Vermutlich ist es nur eine leichte und vorübergehende, aber es ist eine, und da muss man was machen. Denn wie du selbst siehst, kommst du kaum raus und es hat zerstörerische Folgen.

Meine Vermutung wäre, dass du die Trennung von der Ex noch nicht wirklich verarbeitet hast und dass da sogar noch tiefere Vorgänge sind, die da mit hochkommen. Um es ganz grob zu erklären: Wenn du früher mal (vor allem in der Kindheit) was Verstörendes erlebt oder gelernt hast in Bezug auf Bezugspersonen, ernste Beziehung, Nähe, wird das in deinem Gehirn als “mögliche Gefahrenquelle” tief im Unbewussten gespeichert. Solange dir niemand nahe genug kommt oder die Bindung nicht ernst genug ist oder eine Partnerin keine Bezugsperson für dich geworden ist, so lange schlägt das Gehirn (in dem Fall das Unbewusste) keinen Alarm. Tritt aber eine Person in dein Leben, auf die das zutrifft oder bald zutreffen wird, macht das Gehirn komische Sachen, als Reaktion auf den unbewussten Alarm, der da ausgelöst wird. Zum Beispiel es betäubt deine Gefühle (Depression) oder ermöglicht dir Fluchtwege (Fehler am Partner finden). Da diese Vorgänge aber unbewusst stattfinden, hast du selbst wenig Einfluss darauf – da ist Spezialwissen gefragt.

Ich rate folgendes:
Sprich mit deiner Freundin darüber, erkläre ihr so viel wie dir möglich ist und bitte sie um Geduld. Mute ihr keine schlechte Stimmung zu; frag sie dann lieber, ob es okay ist, dass ihr euch nicht seht.
Finde so schnell wie möglich einen guten Psychotherapeuten (nicht Psychiater) für deine Depression.

Tu parallel dazu aktiv etwas gegen die trübe Stimmung: Geh so viel wie möglich raus, bewege dich, mach Sport, ernähre dich gut, meide Nikotin und Alkohol; sprich mit Freunden. Unternimm was, auch mit deiner Freundin.
Bitte deine Ex um ein letztes intensives Gespräch. Versuche, mit ihr zusammen herauszufinden, warum eure Beziehung scheiterte. Du wirst sehen, dass es gute Gründe gab und dass du nicht machtlos dem Verlassenwerden ausgeliefert bist.
Führe Tagebuch. Halte Innenschau und notiere deine Gedanken.
Hier sind noch zwei Buchtipps, die ich dir ans Herz lege – lies beide, sie werden dir hilfreiche Erkenntnisse bringen:
Vom Jein zum Ja!: Bindungsangst verstehen und lösen. Hilfe für Betroffene und ihre Partner
Liebeskummer lohnt sich doch: Co-Abhängigleit in der Beziehung und die Ängste des Inneren Kindes (Koregaon)

Alles Gute
Beatrice Poschenrieder