Jetzt wo wir Eltern werden, kriege ich Zweifel, ob sie die Richtige ist

Hallo Beatrice,
meine Verlobte (31) und ich (33) sind seit fast 4 Jahren ein Paar und seit 5 Monaten verlobt. Nun erwarten wir zum “endgültigen Glück” unser erstes Kind. Es läuft sozusagen alles nach Plan… Trotzdem nagen seit einigen Wochen starke Zweifel an mir bezüglich unserer gemeinsamen Zukunft. Ich möchte Dir kurz skizzieren, was mir an unserer Beziehung gut gefällt und was nicht:

Pro:
– Vertrauen
– Zärtlichkeit
– ein tiefes Gefühl von “Liebe”, für uns beide das erste Mal in dieser Form
– Gemeinsame Interessen wie Reisen, Essen gehen, Sport treiben uvm.
– absolutes Füreinander-da-sein.

Contra:
– beiderseitige Dickköpfigkeit
– ein paar grundsätzliche Pulverfässer wie
a) ich habe sehr gerne andere Menschen um mich herum, sie bevorzugt mehr die Zweisamkeit.
b) Ihre Tendenz zur emotionalen Erpressung: “Naja, wenn du meinst, dass du jetzt noch weggehen musst, dann mach das halt” (mit diesem typisch weiblichen Unterton ;-)), es gäbe viele weitere Beispiele.
– eine gewisse Routine: wir sind beide nicht besonders initiativ, sondern hängen (auch aufgrund unserer 10-12 Stunden Jobs) abends am liebsten träge auf der Couch herum….
– ihr Pessimismus
– ihre fehlende Neugierde, Neues zu entdecken.

Ich fange sehr oft an mit ihr zu streiten, was mir zeigt, dass ich sie nicht zu 100% in ihren Eigenschaften und ihren Verhaltensweisen akzeptiere (z.B. beim Thema Gastfreundschaft: ich wünsche mir eigentlich eine Partnerin, die Gäste einlädt und aufkocht, sie macht das nicht wirklich gern).
Ich muss aber auch als selbstkritischer Mensch dazu sagen, dass es schwer ist für jemanden, mir alles recht zu machen. Ich stelle schon seit einem Jahrzehnt bei immer wieder Phasen übertriebener Gereiztheit (teilweise auch durch Depressionen ausgedrückt) fest. Dazu kommt, dass ich eine sehr direkte Art habe Dinge anzusprechen und Dingen auf den Grund zu gehen. Auf der anderen Seite habe ich so viel Liebe in mir, die ich meiner Verlobten und unserem Baby schenken möchte, dass der Gedanke mich zu trennen genauso unvorstellbar ist. Aber diese ständigen Streitereien können doch eigentlich auch keine wirklich gute Basis sein?

Ich bin momentan sehr verwirrt und nicht in der Lage, eine Entscheidung zu treffen… Liegt alles an mir oder an ihr? Grundsätzlich stehe ich mitten im Leben und bin absolut bereit, eine Familie zu gründen. Das kann es eher nicht sein. Oder will ich mir doch noch ein Hintertürchen aufhalten und bekomme jetzt eine Art Panikattacke?
Für Deinen Rat wäre ich sehr dankbar
Sebastian (33)

Lieber Sebastian,
du fragst:
«Liegt alles an mir oder an ihr? … Oder will ich mir doch noch ein Hintertürchen aufhalten und bekomme jetzt eine Art Panikattacke?»
Ich denke, eher Letzteres. Eine Familie zu gründen, ist eine der größten und schwersten Herausforderungen, und all deine Ängste und Zweifel drücken sich darin aus, dass du die Beziehung und deine Freundin in Frage stellst. Dazu kommt, dass du offenbar einen kleinen Hang zum Perfektionismus hast und obendrein dazu neigst, eher die Fehler des anderen zu sehen als die eigenen. Kann das sein?
Wenn ich mir ansehe, was da auf der Pro-Seite steht, so klingt das hervorragend. Ihr habt eine sehr gute Basis für eine Partnerschaft, die auch auf lange Sicht gutgehen kann, und du kannst dich glücklich schätzen, so eine Frau gefunden zu haben. Dagegen sind ihre “Fehlerchen” alles Dinge, die man entweder hinnehmen oder auch ändern kann.

Meine Vorschläge:
– Beiderseitige Dickköpfigkeit: Mit der richtigen Einstellung und Verhandlungstaktik kann man immer einen Mittelweg finden.
– Du hast gerne andere Menschen um dich herum, sie bevorzugt mehr die Zweisamkeit: du kannst ja auch öfter allein deines Weges ziehen, musst dies aber mal grundsätzlich mit ihr abklären und klare Vereinbarungen treffen (z.B. ein Tag in der Woche gehört allein dir und deinen Kumpels).
– Ihre Tendenz zur “emotionalen Erpressung”: siehe oben.
– Eine gewisse Routine (beide nicht besonders initiativ): da du derjenige bist, den es stört, liegt es an dir, dies zu ändern und mehr Initiative zu ergreifen. Stellt euch zusammen eine Liste mit Unternehmungen auf, die euch BEIDEN Spaß machen.
– Ihr Pessimismus: Führe ein intensives und freundliches Gespräch mit ihr über die tieferen Ursachen ihres Pessimismus; vermutlich stecken Ängste und Unzufriedenheit dahinter. Tut etwas, um diese zu lindern.
– Ihre fehlende Neugierde, Neues zu entdecken: siehe Punkt “Routine”.
Außerdem ist dies ein Punkt, den man durchaus hinnehmen kann, denn die guten Eigenschaften überwiegen. Nobody’s perfect, auch du nicht.
– Thema Gastfreundschaft, du wünschst dir eigentlich eine Partnerin, die Gäste einlädt und groß aufkocht, sie macht das nicht wirklich gern: Also das ist wirklich nicht etwas, was du von ihr erwarten kannst. Mach es selbst!
– Was die Streiterei und eure Dickköpfigkeit betrifft, rate ich euch dringend, möglichst bald ein paar Stunden bei einer guten Paarberatung zu machen, um die Kunst der konstruktiven Auseinandersetzung zu erlernen. Wenn das Kind erst mal da ist, habt ihr keine Zeit dazu, aber noch dringenderen Bedarf an Frieden. Also gebt euch einen Ruck und tut eurer Beziehung was Gutes.
Ferner rate ich dir, ein Coaching oder ein paar Therapie-Sitzungen zu machen bezüglich deiner Gereiztheit und der Neigung zu Depressionen, denn dies sind Tendenzen, die man sehr ernst nehmen muss! Sie können sich verstärken, wenn das Baby da ist: Es stellt nicht nur euer ganzes Leben auf den Kopf, sondern es steigt ja auch die Verantwortung – das kann bei jemand mit einer depressiven Struktur eine handfeste Depression auslösen. Also mach da lieber gleich was.
Alles Gute!
Beatrice Poschenrieder