Ich weiß, ich sollte gehen, aber ich will nicht! Ich WILL unglücklich sein!

Hallo Beatrice!
Wenn ich meinem Brief selbst einen Titel geben soll: Ich weiß, ich sollte gehen, aber ich will nicht!
Es ist so: Vor zwei Jahren lernte ich IHN kennen, und wir wussten recht schnell, dass die Sympathie sehr groß war, die gemeinsamen Interessen dagegen eher wenig.
Nach ein paar Wochen voller Zweifel war mir aber klar: Unterschiede hin oder her, ich liebe den Kerl!
Er war frisch getrennt (nach 14 Jahren Ehe), arm wie ne Kirchenmaus und hinreißend wie eine Mischung aus James Blunt und angeschossenem Reh. Ein bisschen verstrubbelt, verschmitzt und mit einem Lächeln, das die Sonne aufgehen lässt!
Es war schwierig, weil wir (durch genau konträre Arbeitszeiten – Ich Tagschicht, er Nachtschicht) wenig Zeit füreinander hatten, kaum mehr als eine Stunde am Abend, und am Wochenende musste er ausschlafen oder sich um die Kinder kümmern… Aber wenn wir zusammen waren, war es immer schön
Nach 11 Monaten hat er dann, für mich aus heiterem Himmel, Schluss gemacht. Ich hatte mich gerade mit der schwierigen Situation arrangiert, akzeptiert, dass er aus Zeit- und Geldmangel eben oft nicht dabei sein konnte, wenn ich was unternehmen wollte, fühlte mich aber trotzdem ganz wohl. Er hat sich auch nie beklagt. Dann sagte er plötzlich, es hätte keinen Sinn mehr mit uns (es gab vorher keinen Streit oder so!). Eine andere gäbe es nicht und es hätte nichts mit mir zu tun, er bräuchte nur mehr Zeit für sich.
Ich war total erschlagen, aber ich ging darauf ein und wollte ihm eben mehr Zeit geben. Wir trennten uns, wollten aber Freunde bleiben. Ich sei auch eine total liebe Freundin, die er nicht mehr missen wollte.
Ich ihn auch nicht!!!!! Also kamen wir überein, ab und zu mal was zu unternehmen, und ich nahm allen Mut zusammen und gestand, dass ich nichts dagegen hätte, wenn ein schöner Tag mit einer schönen Nacht enden würde. (Das ist sonst nicht meine Art.) Natürlich nur, solange wir beide single sind.
Das war vor etwa 1 1/2 Jahren. Seitdem telefonieren wir fast täglich, sehen uns praktisch jedes Wochenende und landen jedesmal im Bett – und zwar ohne vorher was zu unternehmen (grundsätzlich nur bei ihm – zu mir kommt er nie).
Missionarsstellung von vorn aufgenommen
Ich versuche mich kurz zu fassen: Ich fand heraus, dass er sich neu verliebt hat (was er mir nicht gesagt hat.) Sie ist aber nicht frei, und es ist auch zwischen ihnen nichts Halbes und nichts Ganzes. (Da hätte ich spätestens gehen sollen, aber ich blieb.)
Er weiß, dass ich es weiß, und er gestand mir, sie habe ihn einfach umgehauen. Ich fand heraus, dass er – vermutlich schon ziemlich lange – auch mit ihr schläft.
Auch da schaffte ich es nicht, zu gehen.
Vermutlich war sie auch der Grund, dass er mich verlassen hat – was er nach wie vor verneint.

Wir mögen nicht die gleichen Filme, hören nicht die gleiche Musik, wir machen nichts zusammen – aber trotzdem ist er derjenige, von dem ich das alles gern hätte – aber nicht kriege! Wenn ich ihn sehen will, muss ich zu ihm kommen. Das klingt jetzt hart. Aber es ist nicht so, dass er sagt, “komm her oder wir sehen uns nicht!” Eher so, dass er anruft und sagt: “Naja, also… wenn du möchtest, dann kannst du ja noch vorbeikommen, nur wenn du willst!” Und ich will natürlich. Immer.

Als ich neulich am Telefon sagte, dass ich krank bin (war ich wirklich), war er zehn Minuten später da. “Wenn es dir schlecht geht, muss ich mich doch um dich kümmern!”
Überhaupt ist er total lieb, ich bin seine beste Freundin, mit der er eben auch Sex hat, wenn es sich ergibt (und weil er genau weiß, dass ich nicht widerstehen kann).

Tja. Von Montag bis Freitag kreisen meine Gedanken darum, was ich machen soll. Eine Affaire ist nicht das, was ich will. Ich will eine Beziehung, in der ich alles geben kann, aber auch was bekomme. Ich trau mich aber bei ihm nicht, “alles” zu geben, weil ich ja nicht viel zurückbekomme. Ich will endlich mal zur Ruhe kommen, ich brauch jemanden, der auch in der Woche für mich da ist, wenn ich müde und kaputt nach Hause komme – aber in der Woche ist er bei ihr, erst wenn er heimkommt, ruft er mich an.
So will ich das nicht, ich will auch nicht eine von zweien sein. Ich will aber auch nicht die sein, die geht! Ich will lieber die sein, die bleibt! Obwohl es sicher nie einfach mit uns wäre. Von Montag bis Freitag bin ich eifersüchtig und denke, so geht es nicht weiter, mach endlich Schluss! Hör wenigstens auf mit dem Sex – aber am Samstag fahr ich doch wieder hin. Mal für 2 Stunden, mal für die Nacht.
Ich weiß, ich sollte gehen, aber ich schaff es nicht!
Ich fühle mich wohl in seinen Armen, und ich vermisse ihn, wenn er nicht da ist!

Ich hab mich schon in einem Partnerportal angemeldet, um “was anderes” zu finden, aber ich hatte noch nicht mal Lust, die Zuschriften zu lesen!

Frag ich ihn, ob es ihm was ausmacht, wenn ich jemand anderen hätte, sagt er: “Hm, ich sag mal, nein, ich würde mich für dich freuen, aber wenn es dann soweit ist, sähe das vielleicht anders aus…” Eer hat mich schon auf Feten geschickt, damit ich über ihn hinwegkomme, und tröstet mich, wenn ich – seinetwegen – Liebeskummer habe…)
Aber ich kann doch nicht was Neues anfangen, nur damit er sich vielelicht wieder für mich interessiert! Außerdem kann ich das nicht. Ich liebe ganz oder gar nicht. Wenn ich diese Tür schließe, weiß ich nicht, ob ich wieder zurückkönnte – und das tut mir jetzt schon leid! Ich weiß, es wäre besser für mich, zu gehen, aber ich will gar nicht! Ich bete mir ständig runter, wieso aus uns sowieso nichts Gescheites wird, ob es für ihn nun mit der anderen klappt oder nicht, er würde doch nicht mehr als jetzt mit mir unternehmen…
Dann wieder kann ich das ganz locker nehmen, und denke, hey, egal, lass es wie es ist und genieße es! Aber am Montag kommt dann wieder der Katzenjammer…

Neulich war ich auf einem Konzert, er wollte evtl. auch kommen, kam aber nicht (dachte ich mir eh). Als ich schrieb, es wäre toll gewesen, antwortete er, er wäre gern gekommen, hätte aber seine Kinder da – schade, vielleicht nächstes Mal!

Wie komm ich da raus? Seine Freundschaft will ich auf keinen Fall verlieren, aber das ist doch kein Zustand!
Nadine (37)

Liebe Nadine,
du schreibst:
“Ich will endlich mal zur Ruhe kommen, ich brauch jemanden, der auch in der Woche für mich da ist, wenn ich müde und kaputt nach Hause komme – aber in der Woche ist er bei ihr, erst wenn er heimkommt, ruft er mich an. So will ich das nicht, ich will auch nicht eine von zweien sein. Ich will aber auch nicht die sein, die geht! Ich will lieber die sein, die bleibt!”
Fein, dass du das alles willst – aber er will nicht und er wird auch nie wollen. Du wirst für ihn immer die nette kleine Maus sein, die zur Verfügung steht, sobald er pfeift, und die er wieder wegtun kann, sobald er keine Lust mehr auf sie hat. Und weil das so angenehm ist, sagt er ab und zu mal was Nettes, um diese praktische Maus bei der Stange zu halten. Und glaub mal nicht, dass du wirklich für ihn interessanter wärst, wenn du einen anderen hättest! Dann würde er sich zwar ein bisschen ärgern, dass er die bequeme Bettmaus und Ego-Kitzlerin an einen anderen abgeben muss, aber wenn da von seiner Seite wirklich Potential für “mehr” wäre, wäre das längst eingetreten. Im Gegenteil: Genau zu der Zeit, wo für normale Paare eine Festigung der Beziehung ansteht (z.B. mehr Zeit miteinander verbringen, zusammenziehen etc), hat er Schluss gemacht bzw sich in eine andere verliebt.

Du hast deinen Brief selbst betitelt: “Ich weiß, ich sollte gehen, aber ich will nicht!”
Und ich habe deinen Titel erweitert um “Ich WILL unglücklich sein!”
Oder, ums genauer zu erläutern: Abgesehen davon, dass er offenbar in vielem deine “Liebesmuster” erfüllt, ist da auch etwas in dir, das leiden WILL. Denn du bist ein kluges Mädel, du weißt eigentlich ganz genau, dass du mit ihm nie die erfüllte Liebesbeziehung haben wirst, die du dir anscheinend so sehr wünschst. Und du weißt auch genau, dass du eigentlich nicht seine Freundschaft willst, sondern die Freundschaft für dich nur ein Hintertürchen ist, um an ihm dranzubleiben und ihn eines Tages doch zu einer Beziehung zu kriegen. Von der du wiederum weißt, dass sie doch nie klappen wird…
Kurzum: Werde dir darüber klar, was du da mit dir selber veranstaltest und warum du das Leiden suchst – dann kannst du´s entweder leichter nehmen oder findest endlich den Absprung.
Herzlichst
Beatrice Poschenrieder