Frag Beatrice

Hochzeitspanik: Wir wollten heiraten, und jetzt steht plötzlich alles in Frage

Wieso forciert seine Verlobte zuerst den Heiratsantrag, und als die Pläne stehen, will sie plötzlich Abstand und sagt kurz darauf, sie liebe ihn nicht mehr?

Nach der heirat aneinander gekettet und gefesselt

Liebe Beatrice!
Ich schreibe Dir in der Hoffnung auf eine neutrale Expertenantwort. Hier mein Problem: Ich (33) war neun Jahre mit meiner Freundin (27) zusammen. Die Beziehung war während der ganzen Zeit außergewöhnlich gut und stabil, nie haben wir einander betrogen oder hatten echte Krisen zu bewältigen. Wir waren uns emotional stets sehr nahe und haben uns gegenseitig unterstützt. Vor etwa 4 Monaten hatten wir nach jahrelanger job- und studienbedingter Wochenendbeziehung unsere erste gemeinsame Wohnung bezogen. Alles lief sehr gut und weitestgehend harmonisch. Zum Valentinstag erhielt ich einen Brief, in dem sie mir für meine tolle Unterstützung bei einer chronischen Krankheit dankte und mir wieder einmal mitteilte, ich sei der wunderbarste und wichtigste Mensch in ihrem Leben und sie hoffe auf ewig mit mir zusammen zu sein.
Etwa eine Woche später sprachen wir erstmals ernsthaft über eine mögliche Heirat. Sie sagte mir bei dieser Gelegenheit, ich solle mir nicht mehr zu lange Zeit lassen mit einem Antrag, denn sie wolle mit spätestens 30 Jahren Kinder haben. Das Gespräch war sehr vertrauensvoll und wir waren uns hinsichtlich unserer Pläne einig.
Zwei Wochen darauf eröffnete sie mir im Anschluss an einen auf einer Lappalie basierenden Streit, sie wisse nicht, ob unsere Beziehung noch Sinn mache. Ich fiel aus allen Wolken, suchte und fragte nach Gründen und Erklärungen und erhielt als Antwort nur, dass sie es auch nicht wisse, sie aber etwas Zeit und Abstand brauche, um sich über alles klar zu werden. Hierzu ist zu wissen, dass sie durch chronische Schmerzen seit fast einem Jahr und das Ausbleiben einer medizinischen Erklärung zermürbt war und schon lange davon sprach, Dinge in ihrem Leben ändern zu müssen. Fragen, ob ich unter Umständen etwas mit ihren Problemen zu tun haben könnte, hat sie stets verneint und mir versichert, dass sie all dies ja überhaupt nur durch mich und meine Unterstützung durchstehe.
Ich zog mich also eine gute Woche komplett zurück und gab ihr, wonach sie verlangt hatte: Abstand. Als Resultat erfuhr ich nach dieser Zeit (in der sie voll gearbeitet hat und sich jeden Abend mit Bekannten zur Ablenkung getroffen hat), dass sie zu der Erkenntnis, mich nicht mehr zu lieben, gekommen sei. Festgemacht hat sie diese Erkenntnis daran, dass sie mich während der Woche nicht vermisst habe und es ihr gut gegangen sei. Meine Fragen, wie sich diese Erkenntnis mit ihrem Brief, der neuen gemeinsamen Wohnung, den Gesprächen über eine Heirat und die vorher vorhandene Nähe zwischen uns vertrage, konnte sie nicht beantworten, vermutete nur, sie könnte Liebe und Dankbarkeit verwechselt haben.
Ich schrieb ihr etliche Briefe, welche sie ebenso wenig beantwortete wie Anrufe, Mails oder SMS. Als Begründung gab sie an, sie wolle es mir mit einer Beantwortung nicht noch schwerer machen, denn ich könne daraus womöglich unbegründete Hoffnung ziehen. Ich sehe es hingegen mehr als Flucht an. Etwa weitere drei Wochen nach unserer Trennung war sie erneut liiert und sah auch das als Indiz für das Fehlen von Liebe zu mir an. Ich hingegen werte dies – sicher nicht sonderlich objektiv – als weiteren panikartigen Schritt des Weglaufens vor einer abrupt und unverarbeitet beendeten Beziehung.
Ich kann all dies weder verstehen noch verarbeiten und weiß sehr wohl, dass es für mich am besten wäre, mit den Dingen abzuschließen und sie zu vergessen. Ich liebe sie jedoch noch immer und kann nicht einfach aufhören damit. Wie siehst Du die für mich wichtigen Fragen?
– Kann es sein, dass man den anderen plötzlich nicht mehr liebt, ohne dass es einen Auslöser dafür gibt (Betrug, Demütigungen etc.)? Und vor allem ohne dass man es selbst merkt und ohne dass sich die innere Stimme zu Wort meldet, wenn man Heiratspläne macht und Liebesbriefe schreibt?
– Glaubst Du, es lohnt sich, weiter um sie zu kämpfen und auf eine Rückkehr ihrer Gefühle zu hoffen? Wohlgemerkt nicht unter dem Gesichtspunkt meines eigenen Wohlergehens!
– Kann ein so kurzer Zeitraum des Abstandes und der Ablenkung ausreichen, um sich wirklich klar zu werden über solch elementare Dinge?
– Kann man im Anschluss an eine solch lange Beziehung wirklich schon wieder frei sein für einen neuen Partner?
– Siehst Du die Geschehnisse als Flucht oder als das logische Ergebnis einer Erkenntnis?

Ich kann sie nicht einfach vergessen und die Art, in der diese Beziehung von ihr beendet wurde, sieht ihr überhaupt nicht ähnlich. Ich hoffe auf einige ehrliche Ratschläge und bedanke mich schon vorab
Robert (33)

Lieber Robert,
ich kann gut verstehen, dass das alles für dich ein Schock war und dir einen tiefen Schmerz zugefügt hat. Das, was deine Exfreundin überkam, nenne ich „Hochzeitspanik“: man lässt die Beziehung jahrelang vor sich hin laufen und macht sich nicht groß Gedanken, es ist alles bequem und nett und arrangiert, aber vor so einem großen und bindenden Schritt wie der Heirat bricht plötzlich eine Flut von Gedanken, Ängsten, Panik auf: Ist er wirklich der Richtige? Ist mein Leben mit ihm das Richtige? Lieb ich ihn wirklich so sehr, dass ich für den Rest meines Lebens mit ihm verbunden sein will? U.U. auch durch Kinder, Haus usw.? Plötzlich stellt man alles in Frage. Plötzlich kommen auch schlummernde Bindungsängste auf (die fast jeder mehr oder weniger hat).
Du fragst:
„Kann es sein, dass man den anderen plötzlich nicht mehr liebt, ohne dass es einen Auslöser dafür gibt (Betrug, Demütigungen etc.)? Und vor allem ohne dass man es selbst merkt und ohne dass sich die innere Stimme zu Wort meldet, wenn man Heiratspläne macht und Liebesbriefe schreibt?“
In so einer langen Beziehung liebt man in der Regel nicht „plötzlich“ nicht mehr, sondern die Liebe stiehlt sich klammheimlich und ganz allmählich davon. Meist geht das auch einher mit einem Verlust von Erotik und gemeinsamem Sexualleben. Der Auslöser war in eurem Fall vor allem die anstehende Heirat. Die innere Stimme wird oft verdrängt.

Weiterhin fragst du:
“Glaubst Du, es lohnt sich, weiter um sie zu kämpfen und auf eine Rückkehr ihrer Gefühle zu hoffen?”
Ich schätze, du hast schon genug gekämpft (schriebst ihr “etliche Briefe, welche sie ebenso wenig beantwortete wie Anrufe, Mails oder SMS”) und genug gezeigt, dass du sie liebst und zurückhaben willst. Sie will aber nicht. Das solltest du jetzt unbedingt respektieren – ja ihr sogar mehr Abstand geben, als sie vielleicht will.

“Kann ein so kurzer Zeitraum des Abstandes und der Ablenkung ausreichen, um sich wirklich klar zu werden über solch elementare Dinge?”
Vielleicht haben sie schon die ganze Zeit in ihr geschlummert und sind jetzt mit einem Mal ausgebrochen. Siehe auch „…schon lange davon sprach, Dinge in ihrem Leben ändern zu müssen“

“Kann man im Anschluss an eine solch lange Beziehung wirklich schon wieder frei sein für einen neuen Partner?”
Eigentlich nicht, wahrscheinlich ist es tatsächlich eine Flucht – ein Erzwingen von Abstand zu dir.

“Siehst Du die Geschehnisse als Flucht oder als das logische Ergebnis einer Erkenntnis?”
Beides.

Ich schätze, dass ihr euch in letzter Zeit unterschiedlich entwickelt habt. Ihr seid seit 9 Jahren zusammen, und offenbar war sie schon seit längerem unterschwellig unzufrieden mit ihrer Gesamtsituation. Ihr Leben und eure Beziehung lief in eine Richtung, die ihr womöglich im Grunde ihres Herzens nicht mehr so recht zusagte. Plötzlich erkannte sie, dass sie bisher unzufrieden war, und sie leitete bei sich eine Veränderung ein, die leider (aber logischerweise) auch einher ging damit, dass sie dich erst mal aus ihrem Leben „verbannte“.
Möglicherweise war eure Beziehung recht monoton geworden, und sie sah auch für sich persönlich keine Entwicklung mehr in den Bahnen, wie sie bis dahin vorgezeichnet waren. Immerhin war sie erst 18, als ihr zusammengekommen seid, sie hatte also wahrscheinlich noch keine Möglichkeit, als eigenständige Person Lebenserfahrung zu sammeln und ihren eigenen Weg zu gehen, und im Prinzip ist es eine gute Sache, wenn sie das jetzt anpackt, anstatt später aus eurer Ehe auszubrechen.

So schwer es fällt: den Gedanken an die Hochzeit musst du erst mal vertagen. Du musst unbedingt respektieren, dass deine Freundin jetzt ihre Freiräume braucht und auch eine Weile Zeit, um sich klar zu werden, ob sie wieder zu dir zurückkehren soll. Bitte mach dir das immer wieder klar, selbst wenn du momentan mit Panik, Verlustangst, Trauer und Wut im Bauch herumläufst und z.T. gar nicht mehr recht klar denken kannst. Beruhige dich. Noch ist längst nicht alles verloren. Hab Geduld. Sehr viele Paare kommen nach so einer überstürzten Trennung wieder zusammen. Allerdings dauert es oft einige Monate. Nutz die Zeit, um gründlich darüber nachzudenken, was in eurer Beziehung schiefgelaufen ist. Du stellst sie zwar als fast perfekt dar, doch das kann sie nicht gewesen sein. Du kannst auch deine Freundin fragen, was sie in den letzten Jahren alles vermisst hat (bzw. was ihr an der Beziehung nicht gefallen hat). Allerdings darfst du dich ihr jetzt nicht aufdrängen. Stelle ihr nur diese eine Frage, ohne jegliche Worte drumherum.
Du hast gerade selbst gesehen, dass „Druck machen“ (durch Briefe, Anrufe usw.) die falschen Wege waren, um die Zuneigung deiner Liebsten zurückzugewinnen. Du musst genau den gegenteiligen Weg einschlagen: Akzeptanz, Toleranz, ein Stück weit loslassen, damit sie von selber wieder auf dich zukommen kann.
Alles Gute
Beatrice Poschenrieder

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