Warum will sie mich kaum sehen? Auf das Wort Bindungsangst reagierte sie böse

Hallo Beatrice,
als Vorabinformation solltest Du vielleicht folgendes wissen: ich (31) hatte in meinen bisherigen Leben noch keine Beziehung, was wohl primär an meiner Schüchternheit und Zurückhaltung liegt.
Vor ca. einem Jahr habe ich über´s Internet eine 2 Jahre jüngere Frau kennengelernt. Wir verstanden uns eigentlich von Anfang an sehr gut. Nach ca. 3 Monaten haben wir uns dann das erste Mal getroffen (obwohl wir nur ca. 25 Kilometer auseinander wohnen) und fanden uns auch in „Realität“ sehr symphatisch.
Nach dem dritten Treffen haben wir uns dann das erste Mal geküsst und es war für uns beide klar, dass wir es mit einer Beziehung versuchen wollen. Ich habe eigentlich von Beginn an meiner Freundin erzählt, dass ich noch keine Beziehung und auch keine sexuellen Kontakte hatte. Sie war – was ja nicht verwunderlich ist – sehr überrascht, hat das dann aber auch akzeptiert.
Und jetzt zu meinem Problem:
Im letzten halben Jahr, also seit unserem ersten Treffen, haben wir uns sage und schreibe nur 16mal gesehen, und alle Treffen waren auf ca. 2 Stunden begrenzt (das ging von ihr aus). Ansonsten hatten wir fast nur über das Internet (täglich) Kontakt.
Du kannst Dir vorstellen, dass mir ziemlich bald klar war, dass irgend etwas nicht stimmt. Als Grund, dass wir uns so wenig sehen (ich sprach das ja auch zeitnah und immer wieder an), gab meine Freundin ihren Beruf an. Es ist richtig, dass sie beruflich sehr stark belastet ist, teilweise 70/80 Stunden pro Woche und so gut wie kein freies Wochenende. Ich habe auch Verständnis für den Beruf und extreme Geduld gezeigt.
Im letzten halben Jahr hatten wir außer Küssen auch keinen sexuellen Kontakt – sobald es etwas intimer wurde, sagte meine Freundin stopp (sie meint, wenn sie nicht Stopp sagen würde, könnten wir Männer nicht mehr aufhören) – sie sei noch nicht so weit.
Sie sagt aber immer wieder, dass sie mich sehr lieb habe und ich ihr das glauben solle. Ich hatte dieses Gefühl auch, wenn wir zusammen waren.
Du kannst Dir vorstellen, dass ich damit etwas meine Probleme habe – es ist doch nicht normal, seinen Freund 4 oder 5 Stunden im Monat zu sehen, wenn man nur ca. 20 Minuten Fahrtzeit auseinanderwohnt.
Ich habe aber natürlich auch gemerkt, dass meine Freundin nach ca. 2 Stunden Treffen immer zappelig wurde, und ich hatte auch den Eindruck, dass sie fast Angst vor freien Tagen hatte – wir haben ja nicht mal einen Tag oder ein Wochenende miteinander verbracht.

Ich habe meine Freundin wirklich extrem gern und denke auch, dass sie möglicherweise ein tiefgreifendes Problem hat. Ich hatte bereits an extreme „Bindungsangst“ gedacht und mich damit auch schon längere Zeit beschäftigt und eigentlich gehofft, dass sich etwas ändert, wenn ich extreme Geduld aufbringe, so dass sie auch ein Vertrauen aufbaut, um ihre ggf. vorhandenen Ängste zu überwinden.
Letzte Woche kam es dann dazu, dass ich – wie immer übers Internet, weil man sich ja persönlich kaum sieht, um etwas zu besprechen – ihr mitteilte, dass ich immer mehr den Eindruck habe, dass sie extreme Bindungsängste hat und sich ggf. auch den Problemen aus ihrer Vergangenheit (falls vorhanden), ggf. durch Hilfe Dritter, stellen soll. Durch diese Mail habe ich meine Freundin wohl sehr verletzt – sie reagierte nämlich sehr ungehalten in ihren Mails und wie ich dazu käme, sie so zu verletzen. Ich bin mir ehrlich gesagt jetzt nicht unbedingt einer großen „Schuld“ bewusst.
Ich weiß wirklich nicht mehr weiter – und hatte bereits mehrfach in den letzten 6 Monaten daran gedacht, die „Beziehung“ zu beenden, und ihr das auch angedroht. Aber es ist nicht so einfach, wenn man einen Menschen wirklich sehr gern hat – im Moment herrscht Funkstille.
Danke, Armin (31)

Hallo Armin,
hast du ihr in dieser Mail denn auch beschrieben, wie du zu der Vermutung „Bindungsangst“ kamst? Wenn nein, dann hol das schnell nach. Und frag sie, was ihre wenige Zeit für dich, diese sehr kurzen Treffen und ihre Zappeligkeit dabei sonst zu bedeuten haben?
Im übrigen wäre ein Anruf besser!

Zu vermuten wäre, dass du entweder genau in die Wunde gestochen hast* und sie deshalb so ungehalten reagiert; oder dass sie dich einfach nicht liebt und es deshalb anmaßend findet, dass du dir „erlaubst“, ihr Bindungsangst zu unterstellen (wo sie doch gar keine Bindungsangst hat, sondern nur keine richtige will – jedenfalls zu dir nicht!).
Kann auch sein, dass sie zusätzlich angepiekt ist, weil du „extreme Bindungsängste“ geschrieben hast – wie du überhaupt das Wort „extrem“ etwas zu oft verwendest. Wenn deine Freundin wirklich extrem wäre in ihrer Bindungsangst, hätte sie sich garnicht erst auf dich eingelassen.
Ich nehme an, dass sie dich tatsächlich zumindest sehr lieb hat, aber eben Bindungs- und Näheängste hat.

* Vielleicht ist die tiefere Ursache sogar große Panik vor Sex, die erst in zweiter Linie eine gewisse Näheangst hervorruft.

Sprich mit ihr vorsichtig und einfühlsam über ihre Gefühle und Ängste – aber bitte halte dich total zurück mit Tipps und Lösungsvorschlägen (à la „sich stellen“ und „Hilfe Dritter“ usw.) und vor allem mit Diagnosen! Das wäre tatsächlich etwas anmaßend. Da muss sie selber drauf kommen.
Ein guter Weg wäre auch, dass du damit anfängst, über deine eigenen Ängste zu sprechen. Du warst ja nicht von ungefähr bis zu deinem 30. Jahr beziehungslos.
Ich möchte dir hierzu zwei Bücher ans Herz legen (erst mal nur für DICH, nicht gleich für sie!):

Jein!: Bindungsängste erkennen und bewältigen. Hilfe für Betroffene und deren Partner

Vom Jein zum Ja!: Bindungsangst verstehen und lösen. Hilfe für Betroffene und ihre Partner

Viel Glück
Beatrice Poschenrieder