Verließ er mich, weil ich ein behindertes Kind habe?

Liebe Beatrice!
Ich wohne seit zwölf Jahren in der Schweiz. Bin eigentlich eine spontane, positive, selbstbewusste und starke Frau. Aber seit meiner Trennung vom Vater meiner zwei Söhne (5 und 4 Jahre) gleicht mein Leben einer Berg- und Talfahrt… Es geht um meine neue Beziehung, die vor kurzem zerbrochen ist. Einer meiner Söhne hat das Down Syndrom. Er ist ein wunderbarer Bub, sehr lieb. Auch geht er in den “normalen” Kindergarten wie sein kleiner Bruder. Aber ich habe meinem neuen Freund erst spät von der Behinderung des Sohnes erzählt… viel zu spät vielleicht! Der Mann hat einen Schock bekommen und unsere Beziehung ist kaputtgegangen… Echt doof!
Nun bin ich am überlegen, WANN ich am besten von meinem Sonnenscheinchen erzählen soll! Die Vorurteile sind leider immer noch so groß. Nicht so sehr bei den Schweizern, aber bei meinen Landsmännern und den Franzosen. (Mein Freund war/ist Franzose.) Meine Buben sind jede zweite Woche bei mir (die andere sind sie beim Vater), also irgendwie lebe ich ein Doppelleben. Die Männer, die ich treffe, verlieben sich anscheinend nur in die Berufsfrau und nicht die Mutter zweier Kinder. Schade, dass es mit dem Franzosen nicht geklappt hat. Es war eine sehr erotische Beziehung, vielleicht nur ein Traum…
Nun habe ich Mailkontakt mit einem lieben Mann, den ich bald zum ersten Mal treffen werde. (Will mir eigentlich Zeit lassen…) Soll ich ihm vorher vom Söhnchen mailen? Am Telefon erzählen oder warten, bis wir uns richtig treffen?? Bin dankbar für Ratschläge von Dir
Martina (35)

Liebe Martina,
bevor ich dir was dazu sage, wüsste ich gern:
Erzählst du deinen neuen Bekanntschaften schon von deinen zwei Kindern, bevor du sie triffst? (also mal ganz abgesehen vom Down-Syndrom.) Denn ich kann mir vorstellen, dass deine zweifache Mutterschaft manche Männer vielleicht eher abschreckt als die genetische Besonderheit deines Sohnes.
Oder was denkst du, was dein Franzose mit dem Down-Syndrom verbindet? Hast du ihn mal gefragt? Wenn nicht, solltest du das vielleicht tun. Ich persönlich würde ihn heute noch anrufen und ihn bitten, mir ganz offen die Wahrheit zu sagen. Würde mich schon interessieren, was er sich da Schreckliches vorstellt.
Ferner: Musst du dem “Söhnchen” extra viel Zuwendung und Zeit widmen? Ist nur wegen ihm die Geschichte mit dem Franzosen kaputtgegangen? Oder gab´s da vielleicht noch andere Gründe?
Beatrice

Liebe Beatrice!
Klar erwähne ich, dass ich Mutter bin.
Habe meinen französischen Freund im Internet getroffen. Er war Feuer und Flamme. Wir sprachen am Telefon und nach drei Wochen trafen wir uns spontan (!) in Frankreich. Wir waren sehr verliebt und er hat mich wie eine Königin behandelt. Alles ging eigentlich mehr vom ihm aus. Zu Hause in der Schweiz (ich arbeite in der Stadt, wo er wohnt) hat es dann aufeinmal nicht mehr richtig geklappt. Der Alltag hat uns vielleicht eingeholt? Bin echt verwirrt und traurig, dass alles genauso schnell beendet war, wie es angefangen hat… (innerhalb von drei Monaten). Du hast Recht, vielleicht ist unsere Beziehung nicht allein wegen meinem behinderten Sohn zerbrochen. Er sagt dazu, dass es wegen meiner Unsicherheit wahr. Dass ich nicht von Anfang an gesagt habe, dass ich ein behindertes Kind habe. Nicht dazu gestanden habe. (Als er das erste Mal bei mir zu Hause war, sah er auf Fotos, dass mein ältester Down Syndrom hat). Er war so geschockt, dass der ganze Abend zerstört war. Das Essen rührten wir nicht mal an!
Seit dem Tag war nichts mehr wie es vorher war. Wir sprachen uns telefonisch aus, er wollte es doch noch mal versuchen, sehen, ob ich die Frau seines Lebens bin…
Wir sind dann übers Wochenende zu seinem Kollegen und dessen Familie in deren Sommerhaus gefahren. Alles war super, zum Anschein. Er hat sich toll mit den kleinen Töchtern vom Kollegen abgegeben und mir sicher damit imponieren wollen. Aber ich habe ständig an meine Buben gedacht, wie schön es wäre, wenn sie dabei sein könnten. Auch war ich traurig, dass mein Franzose mit keinem Wort mehr meine Kinder erwähnte, als wenn es das Schlimmste wäre. Sicher ein Missverständnis nach dem anderen.
Einige Tage nach unserer Reise sagte ich ihm all dies am Telefon, da war´s bei ihm aus. Wir trafen uns noch einmal, da hat er mir ein “Anspruchsloses Verhältnis” angeboten, aber ich war zu geschockt und traurig, um darauf eingehen zu können. Er war sehr bestimmt und ist noch in der gleichen Woche nach Frankreich gefahren, ohne von sich hören zu lassen. Ich habe ihn nach seiner Rückkehr angerufen, aber er war nicht mehr der Gleiche! Er war agressiv gegen mich und wollte keinen Kontakt mehr! Er sagte auch einmal, dass er sich in eine Ecke geträngt fühlt. Ich war vermutlich zu energisch, ihn in in mein Leben mit den Kindern zu integrieren. Er hat immer gesagt, dass wir es doch langsam angehen sollen, dass wir uns erst mal richtig kennenlernen sollen usw. Ich wollte doch eigentlich nur die Bestätigung, dass meine Kinder kein Hindernis sind… War verzweifelt, dass er so geschockt war über die Behinderung meines ältesten Sohnes. Ich glaub´ jetzt im Nachhinein, dass die Wahrheit über meinen Sohn nur das Tüpfelchen auf dem i war. Außerdem reist mein Franzose sehr viel. Er wollte immer eine Frau, die mitfahren kann. Also wäre das Leben mit mir nur begrenzt.
Kann es trotzdem nicht fassen. Ferner sagte er, dass mein Söhnchen nie richtig erwachsen wird und immer Geduld und Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen wird. Er wüsste nicht einmal, ob er es schaffen würde, wenn es sein eigenes Kind wäre. Wer wählt “das” schon freiwillig? Brutal aber ehrlich!?
Ich habe viel über alles nachgedacht und mit ihm durch einen Mailkontakt (dummerweise?) versucht eine Freundschaft aufzubauen (eine “forderungslose”), aber ohne Erfolg. War ich wiedermal zu eifrig? Wollte ihn irgendwie in meinem Leben haben. Habe Schuldgefühle.
Glaubst du, dass wir noch zusammen wären, wenn ich anders gehandelt hätte? Wären wir überhaupt zusammengekommen, wenn er alles vorher gewusst hätte? Soll ich ihn ganz aus meinem Leben schließen? Ach wenn ich doch alles nochmal anders machen könnte!
Liebe Grüsse, Martina

Liebe Martina,
du fragst: “Glaubst du, dass wir noch zusammen wären, wenn ich anders gehandelt hätte?”
Nein, ich glaub nicht – da hättest du dich schon sehr verbiegen müssen, und du bist nun mal, wie du bist. Seine Reaktion auf deinen Ältesten weist drauf hin, dass er früher oder später ohnehin Schluss gemacht hätte. Klar bist du eine tolle Frau, aber dich gibt´s nun mal nur im Dreierpack! Und wenn ein Mann damit nicht klar kommt, wird die heißeste Liebe nicht halten. Von daher hast du mit folgender Annahme vermutlich recht: “Wären wir überhaupt zusammengekommen, wenn er alles vorher gewusst hätte?”
Wahrscheinlich nicht. ABER: Bitte begeh nicht den Fehler, von diesem einen Mann auf alle Männer zu schließen. Du wirst anderen begegnen, die dich samt Kindern wollen – egal, was für Kinder das sind. Dein Franzose argumentierte, dass dein Söhnchen “nie richtig erwachsen wird und immer Geduld und Aufmerksamkeit in Anspruch nehmen wird”… damit hat er sicherlich recht, aber es ist eben speziell für IHN ein Hindernis: er hat Pläne, er will reisen.
Für einen anderen Mann mag das kein Hindernis sein, im Gegenteil – etwa für einen, der gern mit Kindern zusammen ist, oder für einen, der viel zu tun hat und froh ist, wenn auch du beschäftigt bist.
In einem Punkt kann ich ihn verstehen: dass du ihm das Down-Syndrom verschwiegen hast, kann man schnell interpretieren als: du schämst dich dafür. Also ist es wahrscheinlich besser, wenn du es deinen Bekanntschaften bald erzählst – am besten dann, wenn ihr ohnehin grade über deine Kinder redet.
Du vermutest, du hast deinen Franzosen zu energisch in dein Familienleben integriert und er fühlte sich in die Enge getrieben. Ja, vielleicht. Gerade in den ersten drei Monaten einer Beziehung muss man behutsam mit so etwas sein. In dieser Zeit wollen viele noch unbeschwert ihre Verliebtheit genießen, sie wollen den Partner genau kennenlernen und sich ohne Druck entscheiden, ob sie die Beziehung fortsetzen wollen. Du bist sicher eine verantwortungsbewusste und liebevolle Mutter, und in deinem Leben haben deine Kinder eine sehr große Bedeutung – die sie für einen neuen Partner noch nicht haben können. Du musst ihn ganz vorsichtig und seeeeehr langsam heranführen und auch immer wieder erspüren, wie weit er sich da engagieren will oder nicht.
Sei dir der Tatsache bewusst, dass ein Mann, der frisch in dich verliebt ist, all deine Aufmerksamkeit will und sie nicht unbedingt mit deinen Kindern teilen möchte. Ich weiß, das ist schwierig, aber vielleicht kannst du es wenigstens zum Teil einrichten. Dass er dich irgendwann gern mit den Kindern teilt, kommt im Laufe der Zeit von selbst – wenn er der Richtige ist.
Du schreibst:
“Ich glaub´ jetzt im Nachhinein, das die Wahrheit über meinen Sohn nur das Tüpfelchen auf dem i war.”
Ja, das glaub ich auch. Ich habe den Eindruck, dass er nicht besonders kinderlieb ist. Oder? Und dann passt er einfach nicht. Es kann gut sein, dass er sich später in eurer Beziehung zum Negativen entwickelt hätte – darauf weist sein jetziges Verhalten hin: “Er war agressiv gegen mich”.
Wahrscheinlich hast du gar nicht so viel verloren – auch wenn es momentan noch weh tut. Vergiss die Reue und die Schuldgefühle. Du kannst es nicht ändern. Nach einer gescheiterten Ehe ist es nicht einfach, wieder neue Beziehungen zu schließen, und vielleicht macht man auch Fehler – aber man kann sie verbuchen unter “nützliche Erfahrungen” und “beim nächsten mach ich´s besser”. Nicht wahr?
Du fragst:
“Soll ich ihn ganz aus meinem Leben schließen?”
Ich denke, das wäre das Beste. Gib ihn auf, von ihm kannst du nichts mehr erwarten. Vielleicht könnt ihr später einmal befreundet sein, aber momentan ist das alles viel zu emotionell. Verwende deine Energien und Gedanken lieber auf die neue Bekanntschaft!
Alles Liebe und Gute
Beatrice Poschenrieder