Jetzt wo sie mich endlich haben kann, kneift sie!

Meine Frau und ich haben uns getrennt, der Weg ist frei für die Frau, die ich liebe, aber nun will sie in ihrer unbefriedigenden Beziehung bleiben!

Sie will offenbar keine Beziehung mehr mit ihm, kehrt ihm den Rücken zu

Hallo Beatrice,
mein Problem: Jetzt wo sie mich endlich haben kann, kneift sie!
Ich (43) nenne schon seit fast 22 Jahren eine Frau meine beste Freundin. Und sie mich ihren besten Freund. Ich bin verheiratet und habe zwei Kinder (17 + 12), meine Frau und ich haben uns schon vor Monaten getrennt, in knapp drei Wochen zieht sie aus, die Kinder kommen mit ihr mit. Bisher läuft diese Trennung sehr gütlich. Auch dass ich eine beste Freundin habe, war nie ein Problem. Obwohl ich mit ihr seit jeher eine eng verwobene Freundschaft/ Beziehung pflege, in der engstes Vertrauen und eine Art Liebe (und zwar für beide) eine Rolle spielen. Wir kommen nicht voneinander los und wollen es auch gar nicht. Unsere Freundschaft hat schon einige heftige Stürme überdauert und wir versicherten uns immer unserer Zuneigung.
Ob ich meine Frau mit ihr betrogen habe? Nein, nicht bevor meine Frau mir mitteilte, dass sie weggeht.
Meine Freundin hat eine – sagt sie – in jeglicher Hinsicht unbefriedigende Beziehung und würde am liebsten mit mir zusammen sein. Aber obwohl sie weiß, dass ich von meiner Frau getrennt lebe, kann sie sich nicht entschließen ihre Beziehung zu beenden (obwohl die beiden nicht mal eine Wohnung teilen!). Gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass sie mich heranzieht, wenn sie mich braucht, aber mich ebenso wieder von sich abstößt, wenn sie genug von mir hat. Wenn sie Probleme hat, holt sie sich den Rat, den sie braucht. Brauche ich sie, ist sie nur begrenzt für mich da.
Und jetzt kommt der Hammer: Vor einigen Tagen sagte sie zu mir: “Ich sagte dir, dass ich noch in einer Beziehung stecke – oder wie man das auch nennen mag mit D.. Aber da steht noch etwas Größeres dazwischen, nämlich R..” [Anmerkung des Verfassers: ihr vor knapp drei Jahren verstorbener Mann].
Damit baut sie mir zwei Schranken auf (jetzt D. und ihr toter Mann); ich verstehe und respektiere, dass sie möglicherweise noch in Trauer um ihren verstorbenen Mann ist, aber was hat dann ihre sog. “unbefriedigende Beziehung” dabei zu suchen, wenn ihr toter Mann “noch eine Rolle spielt”?
Meine Fragen an Dich:
Ich setze Freundschaft über Liebe, daher: Sollte ich meine Gefühle für sie eliminieren und als nicht existent darstellen?
Wie verhalte ich mich zukünftig zu ihr (außer dass ich immer für sie da sein werde -> als ihr bester Freund)? Vielen Dank für Deine Antwort im voraus
Bernd (43)

Lieber Bernd,
du hast deinen Brief eingeleitet mit:
“Jetzt wo sie mich endlich haben kann, kneift sie!”
Ja, genau das tut sie. All die Jahre konnte sie dich gefahrlos zum Traummann stilisieren – gefahrlos, weil nicht Gefahr bestend, dass was Ernstes daraus wird. Nun, da es Realität werden könnte, werden in ihr irgendwelche komischen Ängste wach (entweder hat sie generell Angst vor der ganz großen Liebe mit allen Konsequenzen*, oder du bist doch nicht ganz der Traummann) und sie kriegt kalte Füße und schiebt nicht nur den altgedienten Ausrede-Partner vor, sondern auch noch den toten Exmann! Hilfe!
Du wirst dich wohl mit dem Gedanken befassen müssen, dass es eventuell mit ihr und einer festen Beziehung nichts wird, denn dafür spricht auch folgendes:
“Gleichzeitig habe ich das Gefühl, dass sie mich anzieht, wenn sie mich braucht, aber mich ebenso wieder von sich abstößt, wenn sie genug von mir hat. Wenn sie Probleme hat, holt sie sich den Rat, den sie braucht. Brauche ich sie, ist sie nur begrenzt für mich da.”
Du bist also viel mehr für die da und gibst mehr als sie. Das heißt, du empfindest mehr für sie als sie für dich. Und die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass das so bleibt. Das heißt, für dich wäre die Beziehung nicht sehr erfüllt, erstens wegen des genannten Ungleichgewichts, zweitens würde sie immer wieder auf Abstand gehen. Das ist auf Dauer ziemlich zermürbend und verletzend.

* (ob das so ist, erfährst du sehr genau in diesem Buch: «Vom Jein zum Ja!: Bindungsangst verstehen und lösen. Hilfe für Betroffene und ihre Partner».)

Du fragst:
«Sollte ich meine Gefühle für sie eliminieren und als nicht existent darstellen?»
Das jetzt nicht grade. Aber du solltest in nächster Zeit (bis sie mehr Bindung zu dir eingeht) mit der Äußerung deiner Gefühle sehr zurückhaltend sein und auch keine Zuneigungsbekundungen von ihr einfordern oder erwarten. Benimm dich gelassen, auch wenn du´s innerlich nicht bist.

Wie sollst du dich jetzt verhalten?
Gib dir und der Freundin ein paar Wochen Abstand, kümmere dich darum, deine Trennung und das mit den Kindern ordentlich über die Bühne zu kriegen, konzentriere dich drauf, dein Leben neu zu ordnen – und zwar NICHT mit Rücksicht oder Hoffnung auf diese Freundin, sondern ganz nach deiner Fasson! So dass es dir als Individuum gut geht. Ferner solltest du dich verstärkt um deine Kinder kümmern – für sie ist eine Trennung der Eltern ziemlich verstörend.
Und dann schau, was sich mit dieser Freundin ergibt. Ganz wichtig: Lauf ihr nicht nach, lass sie kommen.
Liebe Grüße
Beatrice Poschenrieder