Er lässt mich nicht an sich ran, obwohl wir so eine magische Verbindung haben!

Hallo Beatrice.
Vor vier Jahren lernte ich einen Mann (damals 33) kennen. Es war Anziehung auf den ersten Blick für uns beide, Magie! Zu dem Zeitpunkt hatte er sich gerade von seiner Freundin getrennt, mit der er 15 Jahre zusammen war und mit der er auch eine gemeinsame Tochter hat, die damals 4 war. Dies hat mich schon ein wenig verschreckt am Anfang, zumal er diese beiden Tatsachen bei unserem Kennenlernen innerhalb der ersten 5 Minuten sagte. Aber ich fühlte mich von ihm zu sehr angezogen, was bis jetzt anhält – das Gefühl nicht ohne starkes Herzklopfen in seiner Nähe sein zu können.
Er sagte mir sehr schnell, dass er mich liebte. Ich sagte es ihm in den ganzen 4 Jahren nur einmal! Denn ich hatte Angst, mich zu sehr zu öffnen, ich habe irgendwie immer so ein Gefühl, mich nicht richtig fallen zu lassen, war immer in einer Art “Hab-Acht-Stellung”, dass ich ihm nicht ganz nahe kommen darf/konnte, weil er es nicht zulässt, obwohl ich nichts mehr ersehnt habe. Der Sex war sehr schön und er konnte auch sehr zärtlich sein, aber z.B. hat er mir selten tief in die Augen geschaut. Er war oft sehr zerstreut, wenn wir zusammen etwas unternahmen. Wenn wir z.B. im Restaurant saßen, war es häufig so, dass er ständig die Leute an den Nachbartischen beobachtete und wir uns kaum unterhalten haben, ja kaum angeschaut haben. Tiefergehende Gespräche waren grundsätzlich nur selten möglich.
Das führte dazu, dass ich mich zwar weiterhin unglaublich von ihm angezogen gefühlt habe körperlich/emotional und ich mich auch sehr stark mit ihm verbunden fühle auf dieser körperlich/emotionalen Ebene, mir aber immer mehr die Nähe gefehlt hat, wonach ich mich so sehne. Das schürte auch Eifersucht auf seine Tochter – bei ihr konnte er diese Wärme, die ich mir so von ihm wünschte, geben, nach ihr hatte er immer sehr starke Sehnsucht, sie ging immer vor, obwohl er mir sagte, dass wir beide für ihn gleich wichtig seien. Aber an seinem Geburtstag z.B. war es ihm wichtiger, dass sein Kind inklusive Übernachtung bei ihm ist und auch seine Mutter, die ganz in der Nähe lebt, als ich. Das Gefühl, mich emotional ausgehungert zu fühlen, kenne ich leider auch aus anderen Beziehungen.
Dies führte dazu, dass ich das immer wieder angesprochen habe, meist, wenn es einen Auslöser gab, der mich besonders verletzte (z.B. kann er sehr ruppig und derb sein, wenn er nicht so gut drauf ist). Ich sagte es mal ruhig, mal aber auch sehr emotional (weinend, wütend, traurig …). Manchmal verstand er das, manchmal hat er sich dadurch angegriffen, genervt gefühlt. Wir haben dann gestritten, er wurde dabei sehr aggressiv und hat dann entweder die Beziehung beendet oder sich eine ganze Weile (meist mehrere Wochen) nicht gemeldet (wir wohnten nicht zusammen).
Einmal war er in so einer Zeit kurz mit einer anderen Frau zusammen, was ich später versucht habe zu bewältigen, auch wenn es mir schwer fiel. Und wenn ich mal nicht da war, weil ich z.B. mit einer Freizeitgruppe beim Fahrradfahren war, hieß es, dass ich hoffentlich viel Spaß mit meinen Strichern habe und ich die größte Lüge seines Lebens sei.
Er sagte, er könne nicht mit mir, aber auch nicht ohne mich sein.

mal ist er lieb und nett, mal ganz gemein und trennt sich

Kann es sein, dass er total neurotisch ist und eigentlich Angst vor dir hat?


Am Anfang kämpfte ich noch um ihn, dann nicht mehr, auch wenn ich innerlich ganz stark in der Beziehung war, denn ich stellte fest, dass er dann meist wieder alleine von sich aus auf mich zukam; dagegen wenn ich mich meldete, er mich eher zurückwies. Diese Zeit war immer sehr schmerzvoll, weil ich permanent Angst hatte, ihn endgültig zu verlieren. Dann aber legte er sich sehr ins Zeug und gab mir für eine sehr kurze Zeit alles das, wonach ich mich mit ihm so sehr sehnte (Aufmerksamkeit, Nähe, Geborgenheit, intensive Gespräche) und wonach auch er sich sehnte.
Besonders deutlich zeigte sich der Konflikt, wenn wir zusammen im Urlaub waren. Da eskalierte unser Konflikt besonders dramatisch. Dann konnten wir erst recht nicht in Ruhe darüber reden.
Wir hatten schon mal eine Paarberatung angefangen, die er dann aber geschmissen hat. Auch da wurde er sehr aggressiv.
Mit der Zeit hatte ich den Eindruck, dass er, wenn mir mal wieder Nähe fehlte und ich mich in mich zurückzog, gar nicht mehr reagierte, sondern tat dann so, als wenn nichts wäre, und spielte auch den “Fröhlichen”.
Zu solch einer Situation kam es neulich wieder und da es mich so belastet hat, sagte ich ihm abends, dass es keinen Sinn mehr habe, dass er bei mir übernachtet. Danach zog diesmal ich mich aus Resignation zurück, versuchte aber per SMS mit ihm in Kontakt zu bleiben. Ich wünschte mir so, alles klären zu können mit ihm, aber er machte mir deutlich, dass er nicht wieder um mich kämpfen würde. Es kamen dann oft sehr vorwurfsvolle SMS über mehrere Wochen und dann wieder plötzlich eine SMS, dass er mich so lieben würde und ein Kind mit mir haben wollte, mein Mann sein wollte. Und er schrieb, dass es für ihn schön sei, dass er keine Frau nach mir nahe an sich ranlassen könne, weil ihn das ekeln würde und dass das Liebe für ihn sei. Dann kamen wieder kühlere SMS, bis er auf meine Frage, was er denn so mache, wenn er nicht arbeite, schrieb, dass er sich mit anderen Frauen treffen würde (er ist sehr attraktiv und muss nicht viel tun, um Frauen kennen zu lernen). Das war vor einer Woche.
Ich sagte, dass Schluss sei, wenn er fremdgeht – wir hatten die Beziehung nicht beendet. Ich rief ihn an, er sagte, dass er mir nicht mehr unter die Augen treten könne, gab mir keine konkreten Infos zu den Frauen oder einer anderen Frau, aber es war klar, dass es jemanden gab/gibt. Für mich brach eine Welt zusammen, ich beendete die Beziehung, weil er mir nach dem ersten Mal Fremdgehen hoch und heilig versprochen hatte, das nie mehr zu tun.
Wie kann ich mit jemandem zusammenbleiben, dem ich nicht vertrauen kann, weder auf seine Worte noch auf sein Gefühl? Ich bat ihn, sich nie wieder zu melden. Seitdem hat er sich aber schon wieder zweimal per SMS gemeldet. Er schrieb, dass die größte Strafe für ihn ein Leben ohne mich sei, dass er mich lieben und immer lieben würde, ein Trost sei, dass sich nichts geändert habe und das der Grund für alles sei, dass er aber ein Arsch sei, der mich sehr verletzt hat und dass sein Herz ein Leben lang offen steht für mich, auch nach einem anderen Mann, und dass ich ihn bitte nicht fallen lassen solle.
Ich bin verzweifelt, was soll ich tun? Ich fühle mich so angezogen von ihm, ich denke permanent an ihn, aber meine Vernunft hält mich zurück, den Kontakt aufrecht zu erhalten. Ich möchte aber auch keinen Fehler machen und einen Menschen, mit dem ich mich so verbunden fühle, mit dem ich schon Zukunftspläne geschmiedet habe, verlieren. Für ihn ist das mit uns doch auch magisch, warum steht er nicht dazu?
Melanie (37)

Liebe Melanie,
du bist eine längst erwachsene Frau mit viel Verstand. Stell dir doch bitte mal intensiv vor, du seiest eine neutrale Paarberaterin, und lies deinen Brief nochmal aufmerksam durch. Und dann schreib mir, was du da siehst.
Beatrice

Liebe Beatrice,
Wenn ich das mit einem solchen Außenblick betrachten könnte, würde ich dir nicht schreiben. Sagst du´s mir?
Melanie

Liebe Melanie!
Nun, was würde die Paarberaterin sagen? Sie würde sagen: Dieser Mann ist total neurotisch und hat ein massives Nähe- und Bindungsproblem, was er aber schwer verleugnet. Sein Grad der Selbsteinsicht (und der Wille, an sich zu arbeiten) sind praktisch null, und von daher ist eine Beziehung mit so jemandem ziemlich aussichtslos.
Warum hält eine Frau so unglaublich hartnäckig an einem Mann fest, der sie sich so hartnäckig vom Leibe hält, ihr echte Nähe verweigert, sich immer wieder trennt, sogar was mit anderen Frauen hat und sie mit seinen Launen auf eine emotionelle Achterbahnfahrt schickt? Die meisten anderen Frauen würden diesen Mann schon nach kürzester Zeit in die Wüste schicken! Warum Melanie nicht? Warum fühlt sie sich im Gegenteil auf eine fast magische Weise unwiderstehlich zu ihm hingezogen, obwohl er sie so oft verletzt und sie wissen müsste, dass es mit ihm keinen Sinn macht?
Nun, Magie ist hier nicht im Spiel.
Du schreibst, du habest dich “körperlich/emotional angezogen gefühlt und ich mich auch sehr stark mit ihm verbunden fühle auf dieser körperlich/emotionalen Ebene, mir aber immer mehr Nähe gefehlt hat, wonach ich mich so sehne”
Mit der körperlich/emotionalen Anziehung gebe ich dir recht, aber bei der emotionalen “Verbundenheit” widerspreche ich – du bist ihm verbunden, er aber dir nicht wirklich. Du unterliegst hier einer Art Selbsttäuschung. Er kann dir nur punktuell nahe kommen, dich nur punktuell lieben – ist es mehr, wird es ihm sofort zu viel, zu eng (siehe auch Urlaube), da wird ihm angst und bange.
Also warum fühlst du dich so angezogen und ihm so verbunden?
Weil du selber ein verstecktes und unbewusstes Nähe- und Bindungsproblem hast, weswegen du dich bevorzugt in Männer mit ebendiesem Problem verliebst: “Das Gefühl, mich emotional ausgehungert zu fühlen, kenne ich leider auch aus anderen Beziehungen.” Das Gute ist aber, dass bei solchen Männern nicht die Gefahr besteht, dass es allzu eng und ernst wird – was du möglicherweise unbewusst als bedrohlich empfindest, z.B. weil du in deiner Kindheit keine langanhaltende konstante Liebe oder keine guten Beziehungen erfahren hast.

Ich hab diese Themen schon ausgiebig auf den Seiten hier behandelt – bitte geh noch einmal sorgfältig stöbern, vor allem bei den Liebesfragen; oder gib in das Suchfensterchen oben rechts die Stichworte „Bindungsangst”, “Näheangst” oder “bindungsscheu” ein. Und hol dir auch unbedingt eins der Bücher von Stefanie Stahl, die ich hier empfehle (oder beide).
Allerdings reicht das Lesen nicht, um dein Problem zu lösen. Hierfür bräuchtest du die Hilfe einer Fachfrau (Therapeutin).
Herzlichst, Beatrice Poschenrieder