Verheiratet, aber 90 Prozent schwul

Hallo Beatrice!
Ich bin 54 und eigentlich seit über 15 Jahren glücklich verheiratet. Mittlerweile weiß ich von mir eines ganz sicher: Ich bin bisexuell veranlagt. Wobei ich mich gefühlsmäßig ca. 90 % eher als homosexuell einstufe. Verkehr mit Gleichgeschlechtlichen habe ich bisher aber leider erst ein einziges Mal gehabt. Der Kontakt resultierte aus einer Internetbekanntschaft. Obwohl es nicht mein Traumboy war, war es doch schön. Wir liebten uns in einem ausrangierten Wohnwagen. Aber es blieb bei dem One-Night-Stand, zum Leidwesen meines Partners. Die Entfernung war einfach zu groß und ich muss alles vor meiner Frau verheimlichen. Sie weiß wohl von meiner Neigung, weil ich es ihr vor langer Zeit mal indirekt gebeichtet habe, dass ich junge Boys mag. Wir wären heute nicht verheiratet, wenn ich mich damals geoutet hätte. Meine damalige Situation zwang mich irgendwie dazu, eine “traditionelle” Verbindung einzugehen, weil ich mit meinen beiden Kindern, die damals noch klein waren, allein stand und dringend Hilfe brauchte.

Vor unserer Heirat hatte ich durch einen Bekannten einen netten Burschen kennengelernt, in den ich mich total verknallt hatte. Noch nie in meinem Leben hatte ich so ein herrliches Gefühl erlebt. Er lebte zu der Zeit noch in einem Heim, weil seine Mutter nicht mit ihm zurechtkam oder besser gesagt, weil er ihr im Weg stand.
Als er 18 wurde, habe ich ihn zu mir nach Hause geholt. Er wohnte fast 2 Jahre bei mir und meinen beiden Kindern. Mein Leid war, das er hetero war, während ich immer mehr wünschte, von ihm vernascht zu werden. Obwohl wir im Doppelbett zusammen schliefen, tobten und uns gegenseitig “anmachten”, kam es (leider) nie zum Verkehr. Wir verwöhnten uns durch zärtliche Streicheleinheiten und Berührungen, aber mehr war einfach nicht drin. Wir hatten wohl beide Angst davor. Außerdem hatte ich den starken Verdacht, dass er wohl als Kind schon mal missbraucht wurde, was er aber immer nur andeutete.
Ich bin heute nach 15 Jahren immer noch sehr stark stimuliert, wenn ich an ihn und seinen Körper und seine Ausstrahlung denke. Wir haben uns seit meiner Heirat aus den Augen verloren. Aber ich werde ihn nie vergessen können.

Trotz meines Alters fühle ich mich immer noch vom Kopf her wie 25. Ich erwische mich immer wieder dabei, wie ich gutaussehenden Jungen hinterherschaue. Mehr als eine Vorstellung, wie schön es mit dem einen oder anderen sein könnte, war bisher nicht drin. Die Zeit läuft mir davon und damit auch die Chancen, einen Jungen zu finden, mit dem ich ein paar schöne Stunden verleben kann.

Sie sind die erste, die mein kleines Geheimnis jetzt kennt. Ich möchte es auch meiner Frau nicht erzählen. Wir (sie) sind (ist) glücklich, wie es ist. Wenn ich wirklich mal wieder die Chance zu einem tollen Date oder mehr habe, möchte ich es lieber geheimhalten.
Ich weiß nicht, inwieweit Sie mir hier Hilfe oder Rat geben können…
Rudolf (54)

Es gab nur Berührungen zwischen uns… Ich sehne mich immer noch nach Sex mit ihm

Lieber Rudolf,
ich möchte Ihnen das selbe raten wie den Schreibern der beiden Briefe, die ich jetzt gleich nenne.
1) «Ich liebe meine Freundin, aber will mal mit anderen schlafen»

2) «Soll er´s mal mit einem Mann probieren?»

Im ersten Brief sage ich dem Schreiber, dass es seiner Beziehung möglicherweise sogar nützt, wenn er seinem Drang nachgibt. Kann sein, dass das bei Ihnen ähnlich ist.
Die Frage ist dann nur: Strikt geheim halten oder nicht? Das hängt von folgendem ab:
Wie oft haben Sie Sex mit Ihrer Frau? Gar keinen mehr? Wie kommt sie damit klar? Sie sollten sie offen fragen! Möglicherweise kann man sich auf eine “Kameradschaft” einigen? Erzählen Sie ihr erst mal nicht von Ihren Seitensprung-Absichten, aber vielleicht können Sie ganz vorsichtig rauskriegen, wie sie darauf reagieren würde?
Erfahrungsgemäß würde ich aber eher zur Geheimhaltung raten.
Sie können ja erst mal ohne Sex antesten, ob Sie sich in der Schwulenszene überhaupt wohl fühlen und ob Sie überhaupt reelle Chancen bei den jüngeren Kerlen hätten (siehe zweiter Brief). Und dann den nächsten Schritt entscheiden.
Herzlichst
Beatrice Poschenrieder