Mein neuer Freund und ich haben viele sexuelle und persönliche Probleme

Liebe Beatrice,
ich bin schwul, seit ca. 2 Jahren offen, und nun seit drei Monaten in einer Beziehung. Wir sind beide Studenten. Seit geraumer Zeit schleichen sich in unsere Beziehung stereotype Probleme ein, von denen ich niemals gedacht hätte, dass sie auftauchen würden. (Es ist meine zweite und seine erste feste Beziehung)
Es sind hauptsächlich zwei Probleme, die wir haben: Der Sex und Aspekte seines Charakters, welche mich manchmal an unserer Kompatibilität zweifeln lassen.
Zuerst der Sex:
Anfangs lief alles perfekt. Zwar war es schon zu Beginn kompliziert, uns sexuell zu finden, doch war das so spannend einander kennenzulernen, dass jegliche Komplikationen irrelevant erschienen. Nun, das hat sich mittlerweile geändert.
In meiner letzten Beziehung war ich eher der passive Part und habe das sehr genossen (wobei ich damals die Person nicht so sehr liebte und sich demzufolge sehr vieles nur um Sex drehte). Meine jetziger Freund ist nur passiv und seltsamerweise genießt er es überhaupt nicht, wenn man seinen Penis stimuliert. Ich, auch wenn ich kaum Erfahrungen als Aktiver gemacht hatte, habe mich vollends darauf eingelassen und mit der Zeit gemerkt, dass ich es sehr genieße. Außerdem hatte ich das Gefühl, dass ich ihm sehr viel Lust bereiten konnte, was mich zusätzlich erregt. Alles war also soweit okay. Mittlerweile habe ich aber mehrere Probleme entdeckt. Erstens kann ich doch nicht so gut führen, weil ich immer das Gefühl habe Rücksicht auf ihn nehmen zu müssen, und demzufolge wirkt vieles, was ich tue, sehr gewollt (so ne Art Abarbeiten von Erregungszonen); zweitens habe ich das Gefühl, dass mein Körper nicht so erregbar ist wie seiner (wenn ich ihn an den richtigen Stelle berühre, ist er sichtlich und hörbar erregt, doch wenn er Ähnliches bei mir versucht, so wirke ich oft abwesend und passiv). Wenn er mich beispielsweise oral befriedigt, dann kann ich das nicht vollends genießen. Er hat also das Gefühl, mir keine Lust bereiten zu können (ausgenommen, wenn wir Analsex haben).
Hinzu kommt, dass er mich eines Tages fragte, ob ich beim Masturbieren an ihn denken würde. Ich bejahte, weil ich ihn nicht verletzen wollte. Die Wahrheit ist, dass ich (vor allem wenn ich ihn nicht sehen kann – also im Durchschnitt 1-4mal die Woche) mir Pornos ansehe. Das schlimme ist, dass ich meinen Freund von Tag zu Tag mehr liebe, doch dass meine sexuelle Lust immer sehr situationsabhängig ist (also während er sagt, dass er mich IMMER sexuell begehrt – auch in seiner Fantasie – so beschränkt sich das bei mir auf die Zeit, die ich mit ihm verbringe. Zwar denke ich die ganze Zeit an ihn, aber nicht in sexueller Hinsicht).

Wir sprechen zwar glücklicherweise über alles, doch habe ich das Gefühl, dass wir hier vor unüberwindbaren Probleme stehen: Er will nur anal befriedigt werden, hat aber ein Problem, mich anal zu befriedigen (was auch völlig okay ist). Er meint, ich soll „härter rangehen“ und leidenschaftlicher sein, doch das entspricht einfach nicht meiner Persönlichkeit.

Zum Charakterproblem:
Ich habe das Gefühl, dass ich an jedem Aspekt seiner Person interessiert bin. Ich beschäftige mich mit seinen Interessen und Leidenschaften, weil ich mich ihm so näher fühle. Doch auf der anderen Seite, da er so sehr in seiner Welt „feststeckt“, fällt es ihm schwer, sich völlig auf mich einzulassen. Ich habe das Gefühl, dass er mich verurteilt (auch wenn er das vehement verneint), weil ich ihm in gewissen Gebieten nicht das Wasser reichen kann, doch lässt er sich auf die Gebiete, wo ich die Nase vorn habe, nicht ein, weil es ihn einfach nicht interessiert. Ich denke manchmal, dass sein Leben relevanter ist (seine Termine, seine Pläne etc.). Es ist ja gar nicht so, dass ich das nicht auch genieße, aber ich würde mir schon wünschen, dass er sich ein wenig mehr mit mir auseinandersetzt.
Ich habe das Gefühl, mich für ihn (weil ich ihn so sehr liebe) unheimlich geändert zu haben und merke jetzt, dass ich mir ähnliches auch von ihm gewünscht hätte, sexuell und persönlich. Ich bin wirklich ein sehr kompromissbereiter Mensch und liebe es anderen Gefallen zu tun, doch ist das der richtige Weg?
Auch wenn wir uns so sehr lieben, sind unsere Persönlichkeiten nicht wirklich kompatibel. Kann das funktionieren?
Ich meine, unser Liebesleben ist immer noch sehr spannend und aktiv, doch ich mache mir einfach Sorgen um unsere Zukunft.

Vielleicht hier noch ein paar themenrelevante Fragen:
Können sexuelle Rollen getauscht werden oder sind diese in Stein gemeißelt?
Kann man Gewohnheiten und Vorlieben überhaupt ändern?

Ich will ihn wirklich nicht verlieren (er meint zwar immer, ich würde ihn zuerst verlassen…), weil ich wirklich das Gefühl habe, dass zwischen uns etwas sehr Wertvolles existiert.
Ich danke dir schon im voraus für deine Hilfe!
Carlo (21)

Lieber Carlo,
zuerst mal zu deinen Fragen:
„Können sexuelle Rollen getauscht werden oder sind diese in Stein gemeißelt?“
Kommt drauf an, wie flexibel man ist. Machbar ist es immer, sie zu tauschen, wenn die Bereitschaft besteht. Das Optimum ist natürlich, dass man so viele Rollen wie möglich in petto hat, also nicht „entweder oder“, sondern „sowohl als auch“. Nur so wird Sex leicht und reich.
Sehr genau beschrieben wird das in meinem Buch “Sexbewusstsein: So finden Sie erotische Erfüllung” (inklusive Anregungen, Tipps und Übungen).

„Kann man Gewohnheiten und Vorlieben überhaupt ändern?“
Aber ja – siehe erste Frage.

Du schreibst, „zweitens habe ich das Gefühl, dass mein Körper nicht so erregbar ist wie seiner (wenn ich ihn an den richtigen Stelle berühre, ist er sichtlich und hörbar erregt, doch wenn er Ähnliches bei mir versucht, so wirke ich oft abwesend und passiv). Wenn er mich beispielsweise oral befriedigt, dann kann ich das nicht vollends genießen.“
Fakt ist, das hängt stark mit deinem Hobby zusammen: Onanieren zu Pornos. Dadurch stumpft die körperliche und die mentale Empfindungsfähigkeit ab. Logischer Rat: Deiner Beziehung zu Liebe und deiner eigenen Sexualität zu Liebe solltest du dir dieses Hobby lassen. Und zwar komplett, für etliche Wochen, bis du merkst, dass du wieder viel mehr Empfindungen hast.

Vorab: Eure Probleme sind weder „stereotyp“ noch haben sie mit Naivität zu tun, sondern eher mit deutlichen Ungleichgewichten in eurer Beziehung.
Du fragst:
„Auch wenn wir uns so sehr lieben, sind unsere Persönlichkeiten nicht wirklich kompatibel. Kann das funktionieren?“
Tja, schon solche Probleme in den ersten drei Monaten… Das ist kein gutes Zeichen!
Ich habe das Gefühl, er hat die Oberhand und du lässt sie ihm. Du richtest dich zu sehr nach ihm, entweder weil er dich weniger liebt als du ihn oder weil du „beziehungssüchtiger“ bist als er.
Du musst zusehen, dass du das Ruder herumreißt, selbst wenn du dann Angst hast, die Beziehung zu riskieren. Aber wenn du nichts tust, riskierst du sie noch mehr. Das heißt:
1) Du musst viel mehr zu den Dingen stehen, die dir wichtig sind, und sie selbstbewusst vertreten,
2) du musst ihm alles sagen, was dich stört oder was dir auffällt,
3) du kannst ihm ruhig was zumuten. Er wird schon nicht gleich wegrennen (und wenn er das tut, ist er eben nicht der Richtige).
Herzlichst, Beatrice Poschenrieder