Frag Beatrice

Ist meine Liebe zu ihm einseitig und hoffnungslos?

Liebe Beatrice,
seit gut anderthalb Jahren verbindet mich (35) mit Jan (27) eine „Freundschaft“ in Anführungszeichen, weil da eigentlich mehr zwischen uns ist. Und das ist genau der Punkt, der mich ein bisschen irritiert. Über einen gemeinsamen Freund haben wir uns vor 1 1/2 Jahren kennengelernt. Sofort beim ersten Mal hat es zwischen uns gefunkt. Jan hat sehr direkt mit mir geflirtet und sich dann mir gegenüber auch so geäußert, dass ich der „Mann seines Lebens“ sei. Und auch ich war nicht uninteressiert. Gleichwohl hat es nach unserer ersten Begegnung elf Monate gedauert, bis wir uns wiedergesehen haben.
Als wir uns im vor 8 Monaten bei einer Veranstaltung wiedersahen, gaben wir uns ganz unserer Leidenschaft hin. Wir verbrachten einen tollen Abend, eine wunderbare Nacht. Wir erlebten zwei schöne Wochen – Tage voller Liebe, mit Schmetterlingen im Bauch.
Ich fühlte mich wie neugeboren. Dann bekam Jan plötzlich kalte Füße, hatte Angst davor, sich auf mich einzulassen. Er befürchtete, dass es nach mir nie wieder einen anderen Mann in seinem Leben geben könnte. Muss es ja auch nicht unbedingt… Auf jeden Fall blockte er ab und schlug vor, dass wir uns fortan „nur“ als gute Freunde begegnen. Ich ließ mich drauf ein. Wir schrieben uns regelmäßig SMSen, telefonierten ein-, zweimal. Und sahen uns vier Wochen später bei einer Geburtstagsfeier wieder.

Hält er mich nur hin? Wird es je was mit uns werden?
Allmählich verliere ich die Hoffnung, dass ich zurückgeliebt werde

Der Abend war – was Jan und mich betrifft – zunächst eine einzige Katastrophe. Er versuchte, mich auf Abstand zu halten. Aber ich versuchte immer wieder, Nähe zu ihm aufzubauen. Er blieb nicht allzu lange, weil er am nächsten Tag zu einer Freundin fuhr. Das war kein Vorwand. Beim Abschied umarmten wir uns. Ich raunte ihm zu, dass er mich nicht quälen solle.
„Komm mit vor die Tür“, antwortete er. Wir redeten, wie es weitergehen kann. Über eine Stunde standen wir im Hausflur, tauschten Zärtlichkeiten aus. Irgendwann fuhr Jan dann wirklich. Wir bleiben gute Freunde. Mehr will er nicht, mehr kann er nicht…
Eine Woche später bat ich um ein Treffen, weil ich mit ihm was besprechen möchte. Er wollte einen „neutralen“ Ort, hatte Angst davor, dass die Situation wieder „eskalieren“ könnte. Ich fragte ihn, ob er für uns eine gemeinsame Zukunft sieht. Nein, die sehe er nicht, lautete seine rigorose Antwort. Zumindest im Moment nicht. Er müsse erst einmal seine „primären Angelegenheiten“ regeln, sprich sich endgültig von seinem Freund trennen, mit dem er schon seit Monaten nicht mehr zusammen sei, obschon die beiden noch zusammen wohnen. Ups, das saß. Jetzt verstand auch ich. Vielleicht hatte ich ihn zu sehr unter Druck gesetzt?
Wieder vier Wochen später. Ich traf mich mit Jan. Wir waren schon länger für’s Theater verabredet. Hinterher gingen wir noch etwas trinken. Und da ließ er sich dazu hinreißen, mir eine Brücke zu bauen in dem Sinne, als dass er sehr vorsichtig andeutet, sich was Gemeinsames mit mir vorstellen zu können. Aber eben sehr vorsichtig. Und: Ob wir auch dann „gute Freunde“ blieben, wenn ich es mir in der Zwischenzeit anders überlegt hätte.Ich fragte nach, was diesen plötzlichen Sinneswandel bewirkt habe. Seine Antwort: Nachdem er sich nun so gut wie von seinem Freund getrennt habe und sie die gemeinsame Wohnung gekündigt hätten, sei er offener.
Dann kam eine Zeit, in der ich immer mal wieder versuchte, mich mit ihm zu verabreden. Er blockte ab. Habe keine Zeit, sei im Stress. Dann meldete er sich, dass er sich mittlerweile in seiner neuen Wohnung eingerichtet habe. Ob ich nicht mal vorbeikommen möchte? Klar.
Zwei Tage später besuchte ich ihn und wir verbrachten einen wunderschönen Abend. Natürlich blieb ich über Nacht. Die erste „richtige“ Nacht gemeinsam… Wie schön es war, am nächsten Morgen neben ihm aufzuwachen und gemeinsam zu frühstücken! Wenn wir das doch häufiger haben könnten…
Und das ist bis heute das letzte Mal, dass wir uns gesehen haben (3 Monate her). Anfangs versuchte ich es immer mal wieder, ein Treffen zu vereinbaren. Ist doch normal, wenn man sich liebt, dass man sich dann auch sehen möchte, oder? Aber unser Kontakt beschränkt sich auf’s Telefonieren.
Als ich merkte, dass ich nicht weiterkam, ließ ich es. Zwei-, dreimal deutete er an, dass er mich unbedingt mal wiedersehen müsse. Aber bei dem Gedanken, der Andeutung blieb’s…
Jan ist mir sehr wichtig, aber ich habe den Eindruck, dass das alles sehr einseitig und damit hoffnungslos für mich ist. Vielleicht ein Nähe-Distanz-Problem? Aber ich gebe ihm doch die Distanz, die er braucht… Würd‘ mich echt freuen, deine Meinung dazu zu hören.
Vielen Dank im voraus, Bernd (35)

Lieber Bernd,
du mutmaßt:
„Vielleicht ein Nähe-Distanz-Problem? Aber ich gebe ihm doch die Distanz, die er braucht…“
Ja, stimmt beides. Ich habe zwei Theorien:
a) Da er ein Näheproblem hat, befürchtet er: Wenn er sich erst mal richtig auf dich einlässt, wird die Bindung ihm schnell zu eng, denn er merkt ja, wie sehr du auf ihn stehst und ihm nahe sein willst.
b) Er findet dich appetitlich, du gefällst ihm – aber leider nur zum Teil. Irgendwas stört ihn oder irgendwas fehlt – vielleicht ist es ihm nicht einmal bewusst, was genau es ist. Manchmal ist das ja nur eine Frage der Chemie oder der Wellenlänge oder sowas… Selbst wenn du das Gefühl hast, ihr seid auf einer Wellenlänge, kann es sein, dass er da ganz anders empfindet – aber er sagt´s dir nicht: um dich nicht zu verletzen, oder auch, um dich doch noch ein wenig warmzuhalten, weil deine Zuneigung ihm schmeichelt, ihm gut tut, was auch immer.
Schätzungsweise hängt beides miteinander zusammen – er will keine Beziehung mit dir, weil ihm irgendwas fehlt. Der entscheidende Funke vielleicht. Selbst wenn er so Sachen gesagt hat wie „Du bist der Mann meines Lebens“. Fast jeder kannte mal jemanden, der der Mann oder die Frau des Lebens hätte sein können, aber man hat nicht zugegriffen, weil man eben nicht verliebt war.
Du schreibst:
«Ist doch normal, wenn man sich liebt, dass man sich dann auch sehen möchte, oder?»
Genau. Und daran kannst du sehen, dass er dich weder liebt noch in dich verliebt ist.
Man kann es eben nicht erzwingen. Wahrscheinlich wäre es das Beste für dein Seelenheil, wenn du diesen Süßen loslässt. Die Wahrscheinlichkeit, dass du irgendwann mehr von ihm kriegst als bisher, ist verdammt gering. Ich meine, rar hast du dich ja schon gemacht! Mehr kannst du nicht tun, um ihm Luft zu geben, auf dich zuzukommen.
Die Frage ist, hast DU vielleicht ein klitzekleines heimliches Nähe-Distanz-Problem? Das liegt schon ein bisschen nahe, wenn jemand 1 1/2 Jahre intensiver Gefühle an einen „hoffnungslosen Fall“ verschwendet. Möglicherweise stehst du (unter anderem) deshalb so sehr auf ihn, weil er dir die Sehnsucht und Distanz gibt, die deine Psyche braucht? Falls dem so ist und du in der Lage bist, es dir einzugestehen, dann hast du schon einen Schritt der Loslösung vollzogen. Es gibt zwei Bücher, die dir sehr viel Klarheit verschaffen, ob dein “Freund” ein Bindungs- und Näheproblem hat oder auch du:
Jein!: Bindungsängste erkennen und bewältigen. Hilfe für Betroffene und deren Partner
Vom Jein zum Ja!: Bindungsangst verstehen und lösen. Hilfe für Betroffene und ihre Partner.

Ich kann mir vorstellen, dass jede Menge Jungs sehr glücklich wären, dich als Partner zu haben! Du hast so viel Menschenkenntnis und Einsicht, du bist feinfühlig und sehr intelligent. Ne? Also gib anderen auch eine Chance, dich zu kriegen.
Liebe Grüße
Beatrice Poschenrieder

Ist meine Liebe zu ihm einseitig und hoffnungslos?
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