Ich habe schwule Phantasien, eigentlich stehe ich auf Frauen, aber bin unsicher

Hallo Beatrice,
ich habe da ein Anliegen, das mich seit längerer Zeit beschäftigt. Und zwar hatte ich vor noch nicht allzu langer Zeit des öfteren homosexuelle Phantasien, die grob gepeilt ein Drittel meiner Phantasien während des Onanierens ausmachten. Eine Zeit lang dachte ich, ich sei bisexuell oder schwul. Nun ist mir aber in der Realität aufgefallen, dass ich kaum oder gar nicht von Männern angetörnt werde. Auch Schwulenpornos finde ich langweilig bis ekelhaft.
In der Phantasie onaniere ich fast ausschließlich auf Frauen, weibliche Körperteile, weibliches Stöhnen etc. machen mich an und auf Heteropornos hole ich mir einen runter. Auch emotional hab ich mich in letzter Zeit zu Mädels an meiner Uni hingezogen gefühlt. Ich gucke ihnen auch unbewusst hinterher und staune, wenn ich eine besonders hübsche Frau sehe. „binTrotzdem steht mir meine „Restschwulheit“, oder wie man es nennen mag, irgendwie im Weg und macht mich verklemmt. Da ich nur von Frauen großgezogen wurde und mein Vater kaum Einfluss auf meine Erziehung nahm, fühl ich mich manchmal sehr weiblich, da ich weibliche Tugenden wie Einfühlsamkeit besitze und auch generell ein sehr emotionaler Mensch bin. Da viele Schwule charakterlich so sind wie ich, hab ich mir schön öfters gedacht, ob es nicht besser sei, einfach schwul zu werden, bzw. ob ich es eigentlich nicht bin.
Mein Problem, das mir auch öfters unterstellt wurde, ist, dass ich grundsätzlich alles hinterfrage im Sinne eines Philosophen und mich selbst und mein Leben daher oft sehr pessimistisch betrachte. Ich hinterfrage also oftmals die Echtheit meiner Gefühle zu Frauen und der Hingezogenheit zu deren Körpern. Obwohl ich an sich wirklich weiß, dass Frauen mich glücklich machen, emotional wie sexuell, rede ich mir immer wieder ein, dass ich doch eher schwul etc. sein könnte, obwohl mich Gedanken an Erotik mit Männern kaum antörnen und ich mir nicht vorstellen kann, in der Beziehung mit einem Mann glücklich zu sein. Ich komme mir gerade fast lächerlich vor, das zu schreiben, aber es ist ein ernst zunehmendes Problem meinerseits. Ich will einfach diese Zweifel los werden, was kann ich tun, Beatrice?
Bitte gib mir Rat!
Yoshua (19)

Hi Yoshua,
du schreibst: „…fühl ich mich manchmal sehr weiblich, da ich weibliche Tugenden wie Einfühlsamkeit besitze und auch generell ein sehr emotionaler Mensch bin. Da viele Schwule charakterlich so sind wie ich, hab ich mir schön öfters gedacht, ob es nicht besser sei, einfach schwul zu werden, bzw. ob ich es eigentlich nicht bin.“
Diese Eigenschaften sind nicht „weiblich“ oder machen dich zu einem Schwulen. Diesen Eigenschaften sind etwas Wunderbares für jeden Menschen und machen dich sogar zu einem besseren Mann, das heißt, du bist dadurch gegenüber anderen Männern im Vorteil. Es sei denn, du bist überemotionell. Das ist nicht so toll. Aber Überemotionalität ist auch bei Frauen nicht so toll, sondern eher nervig.
Ich denke, du hast noch ein bisschen Probleme mit deiner Identität als Mann (u.a. wegen zu wenig Identifikationsfiguren in der Kindheit, die ein gutes Bild vom Mannsein vermittelten). Das ist auch ein Thema in meinem Buch “Sexbewusstsein: So finden Sie erotische Erfüllung“, schau da vielleicht mal rein.
Und was deine Sexualität betrifft (jedenfalls die, die du mir beschreibst): Du bist völlig normal. Fast jeder Mann hat auch schwule Sexphantasien, aber unsere Phantasien sind ja nicht dazu da, dass wir sie unbedingt in die Realität umsetzen müssen, sondern sie dienen dazu, unsere Erregung anzukurbeln. Vielleicht redest du dir das mit dem Schwulsein öfter mal ein, weil es eine Art Selbstschutz ist – eigentlich hast du innerlich ein bisschen Angst vor einer echten Beziehung mit einer Frau und Angst, verletzt zu werden. Du bist generell ein etwas zu ängstlicher Mensch, daher auch das ständige Hinterfragen und Grübeln und der Pessimismus (das hat mit Philosophie nicht so viel zu tun). Pessimismus bedeutet ja meist nichts anderes als: „Ich rede mir selbst etwas schlecht, dann habe ich einen guten Grund, es aus meinem Leben draußen zu halten. Ich rede mir ein, dass die Dinge einen schlechten Ausgang haben werden, dann habe ich einen guten Grund, um sie gar nicht erst in Angriff zu nehmen.“ Insofern ist Pessimismus auch Feigheit und Lebensangst. Willst du dich von Feigheit und Lebensangst regieren lassen? Nein? Dann hör auf mit dem Grübeln und Hinterfragen und ergreife das Leben aktiv mit beiden Händen. Was u.a. bedeutet, dass du dich an Frauen rantraust.
Herzlichst, Beatrice Poschenrieder