Sie liebt mich nicht mehr, verletzt mich täglich, aber kann sich auch nicht trennen

Hallo Beatrice,
ich hatte schon vor einiger Zeit einmal einen Brief an Dich geschrieben. Dabei ging es darum, dass meine Freundin keinen Sex mit mir haben will und überhaupt keine Lust auf Sex hatte. Nun hat sich das Problem massiv ausgeweitet. Es gibt kaum noch zärtliche Berührungen und Küsse und sie tut mir regelmäßig (nahezu täglich) brutal weh, weil sie aus meiner Sicht einfach nicht darüber nachdenkt, was sie da tut. Ich habe sie vor drei Wochen im Gespräch auf eine eindeutige Antwort festgenagelt, weil sie ja immer nur gesagt hatte, sie weiß nicht, warum das so ist.
In dem Gespräch hat sie mir gestanden, dass sie von ihrem Ex-Freund vergewaltigt wurde und nun Angst hätte, ich könnte mehr wollen, wenn sie zärtlich zu mir ist und wir kuscheln, schmusen und uns küssen. Ich habe sie gefragt, warum sie mir das nicht schon früher gesagt hat, und sie meinte, sie hätte Angst gehabt, ich könnte zu ihm gehen und ihm etwas antun. Ich sagte ihr, ich würde sie niemals zum Sex drängen und schon gar nicht gegen ihren Willen mit ihr schlafen. Sie hat den ganzen Abend in meinen Armen gelegen und geweint und ich habe sie getröstet. Wir sind dann schlafen gegangen und haben das erste Mal seit Monaten wieder vor dem Einschlafen in der Löffelchenstellung geschmust. Ich sagte ihr, dass ich das sehr vermisst habe, sie meinte, dass es ihr auch so ginge.
Die nächsten zwei Tage war dann alles wieder schön – zu schön, um wahr zu sein. Aber dann ging alles wieder von vorne los. Wenn ich sie gefragt habe, was denn los sei, sagte sie nur, sie weiß es nicht. Sie könnte nicht über ihre Gefühle sprechen. Die nächsten Tage hat sie mich wieder beinahe täglich verletzt und ich habe immer stillgehalten und es über mich ergehen lassen. Manchmal habe ich nur gefragt, warum sie mir so weh tut. Sie wusste keine Antwort und wolle mir ja nicht weh tun.

Wir sind vom Verein aus über die Pfingsttage Zelten gefahren. Meine Freundin wollte nicht mit, weil sie so viel zu tun hat und lernen muss. Also bin ich allein gefahren. Wir haben jeden Tag telefoniert und sie hatte starke Stimmungsschwankungen. Am Freitag war sie geschafft und müde von der Uni, am Samstag war sie richtig gut gelaunt, sagte, sie liebe mich und würde mich vermissen. Am Sonntag dann war sie total gefühlskalt, und auf meine Frage, was los sei, kam wieder ein typisches „ich weiß es nicht“.

Als ich am Montag dann am frühen Abend wieder zu ihr kam, legte sie sich aufs Sofa, ich saß im Sessel und der Fernseher dudelte. Ich habe hin und her überlegt, was denn jetzt schon wieder sein könnte. Dann habe ich den Stein ins Rollen gebracht und gesagt, sie solle mir endlich sagen, was los ist. Erst kam wieder ein „weiß ich nicht“, dann brach sie in Tränen aus und sagte, sie liebe mich nicht mehr so wie früher. Sie sähe keine Perspektive für die Zukunft, weil sie einfach gar keine private Perspektive mehr hätte. Sie hätte keine Träume mehr und wäre innerlich total zerissen. Sie wüsste nicht, wie es weiter gehen soll. Ich habe sie gefragt, ob sie die Trennung will (nein), ob sie Zeit brauche, sie meinte, das würde wohl nicht allzuviel bringen. Sie will mich nicht loslassen und nicht verlieren. Auf der anderen Seite will sie aber frei sein. Ich verstehe das nicht so ganz. Ich will ihr ja helfen, aber sie will keine Hilfe. Ich will zu ihr stehen, aber sie hat Angst, dass ich sie irgendwann dafür hassen könnte.

Ich habe das Gefühl, sie will die Trennung nur nicht, weil sie weiß, dass ich mich dann ganz zurück ziehen würde. Schließlich müsste auch ich mit meinem Schmerz fertig werden und das könnte ich nicht, wenn ich sie ständig sehe. Das würde mich total fertig machen. Aber ich will die Trennung eigentlich auch nicht. Ich habe jetzt so lange gekämpft, dass ich mir ewig Vorwürfe machen würde, wenn ich einfach aufgegeben hätte. Ich habe ihr gesagt, ich würde weiter um die Beziehung kämpfen, wenn sie es will und es vor allem auch tun würde. Denn bis jetzt kamen von ihr immer nur Worte, keine Taten.
Ich weiß nicht mehr, was ich tun soll. Soll ich die Beziehung beenden, weil es das Beste ist und ich ihr damit die Belastung abnehmen würde, mich verlassen zu haben? Oder soll ich weiter warten, wie sie sich entscheidet, und mit der dauerhaften Belastung umgehen müssen?
Wir haben gestern abend das gleiche Gespräch wieder geführt. Innerhalb von drei Stunden hat sie bestimmt 10 mal ihre Meinung geändert. Erst, “wir versuchen es und kämpfen”, dann, “ich glaub nicht, dass das funktioniert”. Sie hat Angst, dass die Trennung endgültig ist und ich weg bin und wägt im Endeffekt nur ab, was besser für sie ist. Sie sagt, sie könne ohne mich nicht leben, sie würde mich zu sehr vermissen.
Ich bin am Ende meiner Kräfte. Mein Gemütszustand ist bedrohlich, weil ich nicht weiß, wie es weitergehen soll. Obwohl es ja immer irgendwie weitergeht. Soll ich die Trennung durchziehen, weil sie ja scheinbar nicht dazu in der Lage ist? Soll ich warten, wenn ja, wie lange? Soll ich sie dazu zwingen, endlich eine Endscheidung zu fällen? Ich kann ihr keine Freundschaft anbieten, weil ich dabei selbst zu großen Schaden nehmen würde, zumindest nicht in der ersten Zeit, und ich glaube, das kann sie nicht akzeptieren.

Ich liebe sie von ganzem Herzen und will sie auch nicht verlieren. Aber irgendwie habe ich das Gefühl, ich habe sie schon längst verloren, weil sie sich selbst verloren hat. Würde sie wieder kommen, wenn sie mit sich selbst im Reinen ist? Ich weiß es nicht… Aber ich will auch nicht sagen, komm mit dir ins Reine, ich werde auf dich warten und komm zu mir, wenn da noch eine Chance bestehen sollte. Denn wenn ich warte und hoffe und dort keine Chance mehr besteht, würde ich endgültig kaputt gehen…
Was soll ich denn nur tun?

Ach ja, sie ist 21, und wir sind ziemlich genau zwei Jahre zusammen.
Liebe Grüße, Cedrik (29)

Lieber Cedrik,
du sagst:
„Sie hat Angst, dass die Trennung endgültig ist und ich weg bin und wägt im Endeffekt nur ab, was besser für sie ist.“
Ich denke, das siehst du richtig, und genau darum geht es! Genau darum.

Du merkst auch an:
„…irgendwie habe ich das Gefühl, ich habe sie schon längst verloren, weil sie sich selbst verloren hat.“
Genau so ist das. Obendrein ist sie auch noch sehr egozentrisch, und es ist egal, ob sie absichtlich oder unabsichtlich egozentrisch ist, denn sie kreist so sehr um sich selbst, dass sie nicht lieben kann. Du liebst, sie kann nicht lieben, daher ist das bei euch eine sehr ungleiche Beziehung, eigentlich eher wie bei einem kleinen schwierigen Kind und einem besorgten Elternteil. Und das wird auch so bleiben, solange du bleibst und sie keine intensive Therapie macht.

„Sie sagt, sie könne ohne mich nicht leben, sie würde mich zu sehr vermissen.“
Sie ist emotional sehr instabil und du gibst ihr Halt. Drum kann sie dich nicht loslassen, obwohl sie dich nicht mehr liebt. Ohne diesen Halt wäre sie leer und allein, dann müsste sie ja anfangen, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen – und genau das vermeidet sie tunlichst. Denn dabei kämen Dinge hoch, die unangenehm sind, auch schmerzhaft. Nicht nur die Vergewaltigung, da sind auch noch andere Sachen, von denen du wahrscheinlich nichts weißt (vermutlich nicht mal sie selbst).
Auf der einen Seite liebst du sie und willst ihr helfen, auf der anderen Seite wird sie erst bei sich selbst anfangen, wenn sie ganz auf sich geworfen ist. Abgesehen davon kannst du ihr wahrscheinlich nicht helfen, denn sie braucht eine ausgewachsene Therapie – allein schon um über die Vergewaltigung hinweg zu kommen. Was passieren wird, wenn du bei ihr bleibst, zeichnet sich ja jetzt schon deutlich ab: du wirst täglich verletzt, reibst dich auf und gehst allmählich daran kaputt. Und das wird sich auch nicht ändern. Und es hilft euch beiden nicht, im Gegenteil. Ich meine, was bist du – eine Mischung aus Samariter, Ersatz-Therapeut und Fußabtreter? Du gibst und gibst, aber was kriegst du?

„Würde sie wieder kommen, wenn sie mit sich selbst im Reinen ist? Ich weiß es nicht…“
Kann sein, kann auch nicht sein. Fakt ist nur, es wird etliche Jahre dauern, bis sie mit sich im Reinen ist. Vielleicht auch Jahrzehnte. Vielleicht nie.

„Aber ich will auch nicht sagen, komm mit dir ins Reine, ich werde auf dich warten und komm zu mir, wenn da noch eine Chance bestehen sollte. Denn wenn ich warte und hoffe und dort keine Chance mehr besteht, würde ich endgültig kaputt gehen…“
Stimmt.

„Was soll ich denn nur tun?“
Gib den Gedanken auf, dass du sie oder die Beziehung retten kannst. Ein klarer Schlussstrich wäre leider wohl das Beste. Biete ihr noch an, ihr bei der Therapie-Suche zu helfen, und dann zieh dich komplett aus ihrem Leben zurück.
Mach dir klar, dass du ganz stark auch deswegen an ihr festhältst, WEIL du so viel gekämpft hast; dein Inneres hat eine riesige Sehnsucht nach der “Belohnung” entwickelt, sprich, dass dein vieles Kämpfen und Aushalten nun endlich darin mündet, dass sie dir ihre reine Liebe schenkt. Leider geht diese Rechnung in Paarbeziehungen nur sehr selten auf. Im Gegenteil: Dieses “hat sie mich wieder beinahe täglich verletzt und ich habe immer stillgehalten und es über mich ergehen lassen” mündet immer darin, dass die Verletzende die Achtung vor dir verliert und dich somit noch weniger liebt.
Und eine Freundschaft würde nicht funktionieren, auch das siehst du richtig, abgesehen davon, dass sie nur das Gleiche von dir erwarten würde wie jetzt, mit dem Unterschied, dass DU VON IHR dann gar nix mehr erwarten dürftest.
Alles Gute, Beatrice Poschenrieder