Mein Freund ist so gefühlskalt, dass ich dran kaputt gehe

Liebe Beatrice,
vielleicht kannst du mir helfen, eine Lösung für mich und meinen Freund (30) zu finden:
Ich habe ein großes Problem damit, dass er wirkliche Nähe nicht zulassen kann oder will und gefühlskalt ist. Natürlich frage ich mich da immer wieder, ob ihm überhaupt etwas an mir liegt. Er bekommt es nicht hin, auch mal an mein Gefühlsleben zu denken. Bei Terminen zum Beispiel, vor denen ich Angst hatte, hätte ich mir gewünscht, dass er mal fragt, wie es mir geht oder ob er mir helfen kann. Ich wurde z.B. vor kurzem operiert, das ging komplett an ihm vorbei, er fragte weder vorher noch nachher von sich aus, wie es mir geht und ob alles ok ist. Und so ist es eigentlich immer.
Im Bett läuft es auch nicht so prickelnd, da er sehr oft keine Lust hat bzw. wenn, dann auf meinen Körper überhaupt nicht eingeht. Er schläft auch grundsätzlich von mir weggekehrt. Zungenküsse mag er nicht und von daher habe ich das Gefühl, dass er es nicht zulässt, dass wir uns richtig nahekommen können. Es fällt ihm grundsätzlich schwer über Gefühle zu reden, er ist absoluter Kopfmensch. Wenn ich unsere Beziehung mit ihm besprechen möchte, weil von meiner Seite aus Dinge zu klären sind, dann weiß er nichts dazu zu sagen. Er macht mir auch nie Komplimente und ich habe einfach meistens nicht das Gefühl, von ihm als Frau wahrgenommen zu werden.
Ansonsten ist er sehr hilfsbereit, kümmert sich auch rührend um meinen Sohn (6), als ob er sein eigener wäre, nimmt mir viel Arbeit ab und ist, was den praktischen Alltag betrifft, eigentlich immer für mich da. Vielleicht ist das seine Art zu zeigen dass er für mich da ist, ich weiß es nicht.
Ich selbst bin sehr gefühls- und körperbetont. Mir fehlt so vieles, das er mir nicht geben möchte oder kann. Der Verzicht auf all das, was MIR wichtig ist und was ich mir von ihm wünsche, macht mich kaputt.
Ich habe mit ihm natürlich auch schon einige Male darüber gesprochen. Er sagt dann, er wäre eben so, er wüsste auch nicht, woran es liegt, aber ich wäre ihm auf jeden Fall wichtig, auch wenn er mir das nicht so zeigen könnte.
Er sagte dann auch mal zu mir, er wüsste, dass er “gefühlskalt” wirkt, und er hätte eben einfach nicht gelernt mit Gefühlen umzugehen und hätte von daher überhaupt keine Ahnung, welches Verhalten ok wäre und was ich von ihm erwarte.
Ich weiß, dass er in seiner Kindheit nie Zuwendung bekommen hat. Er hat nie gelernt dass er jemandem wichtig ist. Die meisten seiner Ex-Beziehungen gingen kaputt, weil die Freundinnen nach kurzer Zeit keinerlei Gefühle mehr für ihn hatten und ihn betrogen bzw. Schluss gemacht haben. Ich kann’s ja auch irgendwo verstehen.
Mit mir ist es nun anders, ich bin mit etwas über einem Jahr seine zweitlängste Beziehung. Die meiste Zeit war aber so, dass ich wegen seiner Zurückhaltung und Kühle sehr viel gelitten und geweint habe. Trotzdem sind meine Gefühle für ihn immer noch stärker geworden, weil ich ihn immer besser kennenlerne und als Mensch trotz allem immer mehr schätze. Also wenn es außer einer Trennung eine Lösung für uns beide geben würde, wäre ich mehr als froh.
Johanna (30)

Er ist so eiskalt und gefühlsarm

Hat er eine Maschine in seiner Brust statt einem Herz?

Liebe Johanna,
du hast “das Gefühl, dass er es nicht zulässt, dass wir uns richtig nahekommen”. Ich denke, das siehst du vollkommen richtig. Aus langjähriger beruflicher und privater Erfahrung mit solchen Männern muss ich dir leider sagen: Du wirst ihn nicht oder nur sehr unwesentlich ändern können. Ändern kann er sich nur, wenn er das selber wirklich von Herzen will, und auch dann nur durch eine intensive Therapie. Und damit meine ich, “ändern” im Sinne davon, dass er so viel Nähe zulassen kann, wie das eine erfüllte Beziehung erfordert. Das ist jetzt bei weitem nicht der Fall.
Was mich an deinem Brief alarmiert, sind diese Aussagen:
“Die meiste Zeit war aber so, dass ich wegen seiner Zurückhaltung und Kühle sehr viel gelitten und geweint habe.”
“Der Verzicht auf all das, was MIR wichtig ist und was ich mir von ihm wünsche, macht mich kaputt.”
“ich habe einfach meistens nicht das Gefühl, von ihm als Frau wahrgenommen zu werden”
Nicht mal im Bett läuft es zu deiner Zufriedenheit.
Warum tust du dir das an? Warum bleibst du immer noch dran, wo andere Frauen schon längst das Handtuch geworfen hätten, und zwar mit gutem Grund?! Welche seltsame Motivation lässt dich bei einem Mann bleiben, der dir mehr Frust als Lust bereitet? Dass er dir im Alltag hilft, ist ja nett, aber keine Entschädigung für das, was du entbehren musst. Ich denke, die meisten Frauen würden lieber auf die Alltagshilfe verzichten als auf die anderen Punkte, die doch für dein Gefühlsleben, deine innere Zufriedenheit und dein Selbstwertgefühl viel wichtiger sind!
Nochmal: Warum tust du dir das an? Vielleicht weil es dir bekannt vorkommt? Weil dein Vater oder wer auch immer ganz ähnlich mit dir umging? Weil du unbewusst diese Entbehrungen von früher ungeschehen machen willst?
Ferner solltest du dir auch Gedanken um deinen Sohn machen. Selbst wenn dein Freund sich gut um ihn kümmert, so lernt doch dein Sohn von seinem Ersatz-Papa, “wie Mann mit Frauen umgeht”. Und das ist gar nicht gut.
Ich rate ungern zur Trennung, aber eine Beziehung, in der deine elementarsten Liebesbedürfnisse nicht erfüllt werden, ist doch auf Dauer nix.
Bitte lies dazu unbedingt auch “Jein!: Bindungsängste erkennen und bewältigen. Hilfe für Betroffene und deren Partner” von Stefanie Stahl.
Liebe Grüße, Beatrice Poschenrieder
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Liebe Beatrice,
vielen Dank für deine Antwort.
Du hast Recht mit allem, was du schreibst. Vom Kopf her ist das auch meine eigene Einschätzung. Mein Verstand kämpft permanent gegen den Magnetismus, den dieser Mann auf mich ausübt. Ich habe mich schon oft zu lösen versucht, aber ich bekomme es einfach nicht geregelt. Ich habe vom Kopf her auch schon versucht mich zu “entlieben”, aber erfolglos. Es ist irgendwie so, als ob etwas in mir entsprechend stark dagegenhält, sobald ich es geschafft habe, mich von ihm zu distanzieren. Das Ergebnis ist dann jedesmal, dass ich wie ein Gummiband zu ihm zurückschnalze.
Du liegst auch absolut richtig, dass sich da ein Thema wie ein roter Faden durch mein Leben zieht. Angefangen von meinem Vater über meinen Ex zu meinem jetzigen Freund – auch wenn er total anders ist als mein Ex und die Probleme mit ihm das genaue Gegenteil… daher bin ich ehrlich gesagt auch überrascht über mich selbst gewesen, dass ich jetzt wieder genau dort stehe, wo ich damals in der Beziehung mit meinem Ex war – dass ich aushalte, mich zurückstelle und auf Besserung hoffe, und das über einen sehr langen Zeitraum hinweg.
Ich ärgere mich auch über mich selbst, da ich nach der Trennung von meinem Ex dachte, nicht noch einmal so einen Fehler zu machen, und mich dann als Single auch pudelwohl gefühlt habe. Selbstbewusst, attraktiv, stark und frei. Und nun bin ich wieder irgendwie zurückgerutscht.
Wahrscheinlich habe ich wirklich eine tiefsitzende Störung aufzuarbeiten. Wenigstens ist mir jetzt schon vieles bewusster als es in meiner vorherigen Beziehung der Fall war. Manchmal habe ich mir schon gedacht, dass die Beziehung zu meinem jetzigen Freund dazu da ist, dass ich diesmal mein Verhalten bewusster beobachten kann, so über mich selbst viel lerne und hoffentlich auf dem Weg bin, zu einer gesunden Einstellung zu mir selbst zu kommen.
Vielen Dank nochmal, deine Antwort war für mich wirklich sehr hilfreich.
Johanna