Frag Beatrice

Ich ekle mich vor ihm – er will viel zu viel von mir! NEUE ANTWORT

Liebe Beatrice,
ich kämpfe schon seit Wochen mit mir selbst um eine Entscheidung und hoffe die ganze Zeit, dass mir einfach jemand sagt, was ich tun soll, weil ich nicht mehr klar denken kann.
Seit anderthalb Jahren bin ich (25) mit meinem Freund zusammen. Er ist sehr viel älter als ich (41), hat zwei Kinder und lebt in Scheidung. Also nicht die typische „Er verlässt seine Frau nicht“-Geschichte. Am Anfang war von den Gefühlen her alles wunderbar, wir waren beide schwerstens verliebt. Und durch diese Verliebtheit haben wir auch sehr schwere äußere Umstände zusammen gemeistert. Zum einen war da seine kaputte Ehe, zum anderen war er mein „Erster“, weil ich nach einer Vergewaltigung erst sehr sehr langsam Vertrauen fassen konnte. Damals war er sehr zärtlich und einfühlsam, er hat mir alle Angst genommen.
Seit einem halben Jahr etwa ist unsere Beziehung sehr offiziell geworden. Meine Eltern verstehen sich gut mit ihm und akzeptieren inzwischen auch den großen Altersunterschied. Seit er mit den Kindern seine Frau verlassen hat, bin ich auch oft bei ihnen zu Hause. Seine Kinder verstehen sich ausgesprochen gut mit mir. Eigentlich ist alles Friede, Freude, Eierkuchen. Aber…
Seine Verliebtheit hat nicht so schnell nachgelassen wie meine. Insofern als ich die Anfangsphase, in der man Tag und Nacht beim anderen sein möchte, schneller hinter mir gelassen habe als er. Er verhielt sich dann in meinen Augen einfach oft kindisch und albern, wenn er nicht einsah, dass wir nicht jede Sekunde unseres Lebens zusammen sein können, bzw. ich das auch gar nicht möchte. Er fand es unnormal, dass ich Zeit für mich selbst beansprucht habe, oder dass ich lieber einmal in der Woche abends mit meiner Freundin ins Kino gehe, als mit ihm zu telefonieren.
Ich fand meine Ansprüche eigentlich nie zu hoch. Aber da ich weiß, dass er alles, was er sagt, auch wirklich so empfindet, habe ich immer öfter nachgegeben. Er verlangte sogar, dass ich eine Freundschaft aufgebe, weil er so eifersüchtig auf meinen Kumpel war.
Wir haben uns oft deswegen gestritten, bzw. hat er bei jedem noch so kleinen Streit damit angefangen. Schließlich habe ich nachgegeben – und mein Kumpel hat sich von sich aus verabschiedet, weil er das ganze albern und kindisch fand.
Wahrscheinlich hältst Du mich jetzt für so ein „Weibchen“, das voll unter seinem Pantoffel steht… Aber eigentlich bin eher ich diejenige, die die Stärkere von beiden ist. Und ich bin auch diejenige, die eher von der logischen Seite an Probleme herangeht. Das empfindet mein Freund dann aber als Gefühlskälte.
Ich versuche ihm immer wieder klar zu machen, dass ich ihn deswegen nicht weniger liebe. Meistens haben wir dann eine heftige Diskussion und er versteht auch immer, was ich sage, und sieht es ein, und alles geht klar. Aber spätestens eine Woche später kann er es nicht mehr akzeptieren.
Zur Zeit habe ich schrecklichen Stress an der Uni, ein Haufen Prüfungen stehen an, und ich nutze fast jede Stunde zum lernen. D.h., ich würde es, wenn er mich ließe. Wir sehen uns derzeit etwa drei Tage pro Woche und an den übrigen Tagen will er unbedingt telefonieren – und zwar nicht nur ein paar Minuten wie normale Paare, nein, es muss immer ganz lang sein. Entgegen seines Versprechens ruft er immer noch jeden Tag an. Was ja nicht so schlimm wäre, wenn er nicht einfach nur meine Zeit dabei verschwenden würde. Das läuft meistens so ab, dass er vorm PC sitzt und mir am Telefon jeden seiner Schritte schildert… so à la „jetzt bewege ich die Maus… jetzt klicke ich auf den Button…“ usw. Das nervt mich dann und ich sag ihm, dass ich dafür keine Zeit habe im Moment. Daraufhin ist er natürlich beleidigt.
Oder wir sagen uns, was am Tag so passiert ist – was in 5 Minuten erledigt ist – und danach schweigen wir uns an. Wir haben uns dann in dem Moment einfach nichts zu sagen, und wenn ich dann einfach auflegen will, ist wieder Streit angesagt.
Kurz und gut, er fühlt sich vernachlässigt und ausgeschlossen und behauptet, ich würde ihn nicht mehr an meinem Leben teilhaben lassen. Aber was soll ich ihm denn erzählen? „Schatz, heute habe ich Seite 235 – 308 gelernt“ ?
Das ist jetzt mal das, was aktuell ein Problem darstellt.
Aber leider gibt es da noch mehr Probleme, die ich immer im Hintergrund habe. Als ich vor 10 Tagen bei ihm war, haben wir morgens nach dem Aufwachen geschmust, uns gestreichelt usw. Mehr wollte ich nicht, aber ich habe ihn wohl zu sehr erregt (weiß nicht, wie ich das jetzt formulieren soll…), auf jeden Fall weil er so stürmisch war, hat er nicht so ganz mitbekommen, dass ich nicht wollte, und setzte seinen ganzen Körper und sein Gewicht ein, um Sex mit mir zu haben, ich konnte mich seiner gar nicht erwehren.
Ich weiß auch nicht… irgendwie war es ja gar nicht soooo schlimm, ich meine, das hört sich jetzt wahrscheinlich blöd an… und ich hab ja eine Beziehung mit meinem Freund… (Wahrscheinlich hältst Du mich für ganz schön bescheuert…)
Jedenfalls geht es mir seitdem so, dass ich mich richtig vor ihm ekle.
Er hat dabei auch kein Kondom benutzt (bin gottseidank nicht schwanger), und seit dem muß ich mir ständig vorstellen, daß sein Sperma in mir ist. Jedes Mal, wenn ich etwas Medizinisches sehe, einen Bericht über die Befruchtung oder so, dann könnte ich kotzen, weil ich mir vorstelle, wie seine Spermien durch meinen Körper wandern. Ich ekle mich auch vor seinen Küssen, wenn ich daran denke, dann schüttelt es mich. Es ist schrecklich, weil wenn er mir am Telefon erzählt, dass er mich so vermisst und so Lust auf mich hätte, dann widert mich das nur an. Aber ich hab trotzdem Lust auf Sex, befriedige mich auch selbst, nur darf ich dabei nicht an ihn denken, sonst macht bei mir alles zu.
Ich weiß nicht, wie ich das ändern kann, ich liebe ihn doch!
Manchmal denke ich, ich muss mit ihm Schluß machen, weil unsere ganze Beziehung mich inzwischen mehr belastet und behindert, als dass sie mir Geborgenheit oder Halt gibt. Doch dann müsste ich ihn ganz aufgeben. Wenn unsere Beziehung einmal vorbei wäre, dann könnte er mich nicht mehr sehen, weil es ihm zu sehr weh täte, sagt er. Und ich glaube ihm das auch.
Aber ich möchte den Kontakt zu ihm nicht ganz verlieren, dazu hab ich ihn einfach zu lieb. Und außerdem haben wir so viel für unsere Zukunft geplant, so viele Ideen, die ich auch gerne mit ihm umsetzen möchte (in beruflicher Hinsicht).
Wenn ich diese oben genannten Überlegungen habe, fühle ich mich immer total schlecht, weil ich wirklich so eiskalt bin, wie er immer behauptet. Weil ich so nüchtern kalkulierend an die Sache ran gehe. Dann geht’s mir immer schrecklich schlecht, weil ich ihn doch liebe.
Manchmal, in so ganz besonderen Momenten, kennst du die? In denen Du dem anderen ganz einfach sagen musst, dass Du ihn lieb hast, nur um es ihn wissen zu lassen, da fühle ich mich dann ganz furchtbar schlecht, dass ich überhaupt daran denke, ihn zu verlassen. Er ist mir treu, er plant seine Zukunft mit mir, er baut total auf mich – ich kann ihn doch nicht einfach fallen lassen und ihm sein Herz brechen… aber andererseits weiß ich nicht, ob ich es überhaupt noch mit ihm aushalte oder ob ich eine Zukunft mit ihm möchte. Ich meine, ich hab natürlich wie fast alle Mädchen immer vom Ritter in der schimmernden Rüstung geträumt, mir vorgestellt, wie es ist, sich zu verlieben, ein gemeinsames Leben aufzubauen, vielleicht Kinder zu bekommen… dieser ganze Kitsch. Ich weiß ja, daß Märchen so gut wie nie wahr werden, aber ich kann mir inzwischen einfach nicht mehr vorstellen, wie ich mit meinem Freund etwas aufbauen soll, wenn er so viele „Altlasten“ hat.
Ich mag seine Kinder, wirklich, sehr gerne sogar, und die beiden sind auch ganz fanatisch auf mich. Aber es sind eben nicht meine Kinder. Und wenn ich es wage, etwas wegen der Erziehung der beiden zu sagen, dann schaltet mein Freund auf stur (seine große Stärke…) und ignoriert es. Dass er mich damit ausschließt, versteht er -sagt er – aber das ändert bei ihm ja leider nichts. Und schon haben wir dann wieder den nächsten Streit, in dem er mir vorwirft, ihn viel mehr aus meinem Leben auszuklammern, als er mich ausklammert, bzw. dass er das gar nicht täte.
Ich habe einfach keine Lust, mit ihm zu diskutieren. Früher war das toll, wir hatten unterschiedliche Meinungen zu einem Thema und haben uns gegenseitig ausreden lassen, es war einfach ein Gespräch mit unterschiedlichen Standpunkten. Aber inzwischen muss ich jedes Wort, das ich sagen will, auf die Waagschale legen, weil er, wenn er eingeschnappt ist, alte Geschichten aufwärmt, mir Vorwürfe macht oder einfach nur laut wird.
Mein Problem ist auch, dass ich im Gegensatz zu ihm eher ganz leise werde, wenn ich verletzt bin, oder wütend. Da ergänzen wir uns dann prima, ich schweige ihn an und er brüllt mich nieder… ;o)
Irgendwie ist das alles eine verfahrene Situation… ich weiß nicht, ob Du jetzt genervt oder gelangweilt bist, geschweige denn, ob Du mir überhaupt einen Rat weißt.
Aber es tut mir gut, einmal alles ausformuliert zu haben.
Liebe Grüße, eine Ratlose (25)

Liebe Ratlose,
nein, ich bin keineswegs genervt oder gelangweilt. Ich möchte dir auch gern meinen Senf dazugeben, denn dein Brief hat mich ziemlich berührt. Also…
Du sagst zwar, du liebst ihn, aber ich habe eher den Eindruck, als ob das nostalgische Gefühle sind, also mehr in der Vergangenheit angesiedelt sind, vermischt mit einem Gefühl, du seiest sozusagen „verpflichtet“, ihn zu lieben. Und du hast ein schlechtes Gewissen, dir einzugestehen, dass deine Liebe zu ihm schwer nachgelassen hat. Zumal er dein „Erster“ ist und ihr schon einiges hinter euch habt.
Deine aktuellen Emotionen, Gedanken und Reaktionen, die du mir beschreibst, deuten eher darauf hin, dass sowohl dein Herz als auch dein Kopf als auch dein Körper sich im Rückzug aus dieser Beziehung befinden. Uns genau zu sagen, halte ich sie sogar für deutliche Zeichen (dein Brief ist randvoll davon! Nur ein paar davon wären schon Grund genug für eine Trennung!).
Dein Ekel ist ein überaus deutliches Zeichen. Nein, ein Alarmsignal. Du hast diesen einen Akt, den du mir beschreibst, ein Stück weit wie eine erneute Vergewaltigung empfunden, und das darfst du nicht abtun mit „Wahrscheinlich hältst Du mich für ganz schön bescheuert…“. Nein, ich kann es gut nachvollziehen und meine, dass du deine Empfindungen hierin sehr ernst nehmen sollst. Dein Freund hat sich sexuell unsensibel verhalten, etwas, was für dich persönlich einfach nicht geht. Er ist ja MIT DIR zusammen und nicht mit irgendeiner andern, das hätte er berücksichtigen müssen. Tja, passiert ist passiert, und wahrscheinlich wird dein Ekel so schnell nicht wieder weichen. Leider – aber wiederum vielleicht auch sinnvoll, denn der Ekel zwingt dich, auf Abstand zu ihm zu gehen, und das tut dir momentan eigentlich ganz gut, nicht?
Der andere sehr gewichtige Punkt, der für eine Trennung spricht, ist folgender:
„Manchmal denke ich, ich muss mit ihm Schluss machen, weil unsere ganze Beziehung mich inzwischen mehr belastet und behindert, als daß sie mir Geborgenheit oder Halt gibt. …weiß ich nicht, ob ich es überhaupt noch mit ihm aushalte… oder ob ich eine Zukunft mit ihm möchte…“
Das sind ja mehrere Punkte, die überaus wichtig sind. Wenn jemand zu mir kommt und fragt: „Soll ich bleiben oder gehen? / Soll ich den einen oder den anderen nehmen?“, so sage ich immer, man soll sich folgende entscheidende Fragen stellen:
Bereichert er dein Leben? Unterstützt er dich und deine Ziele? Gibt er dir Halt und Geborgenheit? Kannst du dir vorstellen, auch in ferner Zukunft mit ihm zusammen zu sein?

Deine Gefühle für ihn sind zurückgegangen und du empfindest die Beziehung als belastend und fühlst dich eingeengt, weil sie tatsächlich SEHR EINENGEND ist!! Dein Freund hat sich zu jemandem entwickelt, der total vereinnahmend, übergriffig, klammerig und emotional abhängig ist. Es ist schlimm – wirklich schlimm! – dass er dir deine Männerfreundschaft verbietet, dir nicht mal einen Abend pro Woche mit deiner Freundin gönnt, beleidigt reagiert, wenn du nicht wie eine Mami stets für ihn da bist und sogar dann wohlwollend reagierst, wenn er nur am Computer sitzt, und dass er sogar körperlich übergriffig ist, also kein Gespür für dich und deine Grenzen hat. Mich wundert überhaupt nicht, dass du im Gegenzug immer mehr Abwehr entwickelst (Ekel ist eine der stärksten Formen von Abwehr).
((Anmerkung: Das Phänomen der emotionalen Abhängigkeit, die sich in sehr vielen Paarbeziehungen entwickelt, wird in David Schnarchs Buch «Die Psychologie sexueller Leidenschaft» sehr gut beschrieben. Schnarch nennt das “emotionale Verschmelzung”, etwas, was früher oder später den Paarsex und dann die Beziehung killt.
Du beschreibst Verhaltensweisen deines Freundes als “kindisch”, und genau das trifft es auch: Je mehr man in eine emotionale Abhängigkeit gerät, desto mehr empfindet und reagiert man wie ein Kind.))

Nun hast du bezüglich einer Trennung eine Reihe von Bedenken:
„Doch dann müsste ich ihn ganz aufgeben. Wenn unsere Beziehung einmal vorbei wäre, dann könnte er mich nicht mehr sehen, weil es ihm zu sehr weh täte, sagt er. Und ich glaube ihm das auch. Aber ich möchte den Kontakt zu ihm nicht ganz verlieren…“
Auf der anderen Seite wäre da dieses wunderbare Gefühl der Befreiung. Das kann ich dir versichern. Außerdem ist es sehr oft so, dass man nach einem halben Jahr der Trennung oder so dann doch als Freunde zusammenkommen kann.

„Und außerdem haben wir so viel für unsere Zukunft geplant, so viele Ideen, die ich auch gerne mit ihm umsetzen möchte (in beruflicher Hinsicht).“
Manchmal muss man solche Dinge auch loslassen können. Du verlierst das eine, du gewinnst das andere, weil du frei wirst für Neues. Und glaub mir, das Neue ist selten das Schlechtere. Nur, es ist dir momentan eben noch unbekannt und deswegen von Ängsten begleitet…

„Wenn ich diese oben genannten Überlegungen habe, fühle ich mich immer total schlecht, weil ich wirklich so eiskalt bin, wie er immer behauptet. Weil ich so nüchtern kalkulierend an die Sache ran gehe.“
Also ich hab keineswegs den Eindruck, als ob du eiskalt oder nüchtern kalkulierend bist. Ich glaube, dass du eine Frau bist, die zu tiefen Empfindungen fähig ist und viel Herz hat, aber eben auch Sinn für Realität und eine berechtigte Zurückhaltung, weil sie schon etwas sehr Negatives erlebt hat. Weil dein Freund überempfindlich ist und zu viele Erwartungen hat (die du gar nicht erfüllen kannst, weil es einfach zu viel ist), schiebt er dir diese „kalte“ Rolle zu. Also lass dir nichts einreden. Und hab keine Angst vor der Trennung, nur weil du nicht als kalt gelten willst. Ich denke, „kalt“ ist man eher, wenn man aus rationellen Gründen mit jemand zusammenbleibt.

„…fühle ich mich dann ganz furchtbar schlecht, daß ich überhaupt daran denke, ihn zu verlassen. Er ist mir treu, er plant seine Zukunft mit mir, er baut total auf mich…“
Meine Liebe, also das sind wirklich keine Gründe, bei jemand zu bleiben.
Wenn du noch keinen endgültigen Schnitt machen willst, wie wär´s mit einer Beziehungspause? Du bestimmst die Dauer. Und lass ihn über „Kälte“ reden, so viel er will. Es kommt drauf an, was DIR GUT TUT.
Herzlichst
Beatrice Poschenrieder

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