Ich bin süchtig nach ihm und geh dran kaputt

Liebe Beatrice
Deine Antworten sind super, Kompliment! Deshalb wende ich mich nun mit einem Problem an Dich, das mich langsam auffrisst und zerstört!
Ich habe vor 3 Jahren kurz nach der Trennung meiner längsten Beziehung (6 Jahre) einen Mann kennengelernt. Er war damals noch in einer Beziehung. Wir waren beide nicht bereit, uns auf was Festes einzulassen. Dennoch kamen wir uns immer näher. Ich bewunderte ihn, weil er ein so positiver Mensch ist, bei ihm läuft immer alles wie geschmiert, die halbe Stadt kennt ihn etc, während ich eher der zurückhaltende Typ bin.
Wir hatten eine sehr schöne Zeit zusammen, bis er immer besitzergreifender und eifersüchtiger wurde. Er konnte dieses Verhalten auch nicht richtig begründen, denn eine feste Beziehung wollte er (wie ich) auch noch nicht mit mir. Dennoch wurde alles immer vertrauter und wir hatten auch sehr gute Zeiten miteinander. Wir machten sogar Pläne zusammenzuziehen. Kurz darauf verliebte er sich in jemand anders, beendete es aber nach zwei Monaten. Seit er sich Knall auf Fall anderweitig verliebte, geht es aber mit mir richtig bergab! Erst da wurde mir so richtig bewusst, wie sehr ich ihn liebe; mir wurde auch klar, dass es ein Fehler war, so lange zu warten damit, voll und ganz zu ihm zu stehen und ihm dies zu zeigen.
Ich habe um ihn gekämpft, ihm gezeigt, wie sehr ich an einer festen Beziehung interessiert bin. So kamen wir denn im Sommer noch einmal zusammen und verbrachten wunderbare Wochen miteinander. Bis er sich von mir zurückzog, emotional und sexuell. Er wusste nicht, warum, und meinte, das sei wohl einfach eine Phase.
Nach zwei Monaten trennte ich mich aber von ihm, weil ich seine Kälte nicht mehr ertrug, weil jede Initiative von mir kam. Doch danach ging es mir richtig schlecht. Ich vermisste ihn wahnsinnig, musste zusehen, wie er seine neue Freiheit auch mit anderen genoss etc.
Dennoch ruft er mich immer wieder an, will mich sehen, möchte, dass ich bei ihm übernachte, will sogar im Winter mit mir in den Urlaub fahren. Aber eine feste Beziehung will er nicht. Er brauche seine Freiheit. Er stellt es heute auch so dar, als sei das meine Schuld. Schließlich hätte er ja zu Beginn eine Beziehung gewollt. Dies stimmt einfach nicht, zumindest hat er es nicht so geäußert. Natürlich hätte mir seine Eifersucht klarmachen können, dass er mich eben doch mehr liebte, als er zugab damals. Ich fühle mich heute auch schuldig, diese Zeichen nicht richtig gedeutet zu haben und damit eine große Chance verpasst zu haben. Er ist für mich mein absoluter Traummann und ich kann mir nicht vorstellen ohne ihn zu leben. Deshalb gehe ich auf seine Kontaktangebote auch immer wieder ein, in der Hoffnung, er würde seine Meinung ändern und auch ganz zu mir stehen wollen. Wir haben dann ein paar schöne Stunden zusammen, doch danach ist alles beim Alten: Er will seine Freiheit, ich bin enttäuscht und frustriert.
Ich bin dermassen fixiert auf ihn inzwischen, dass ich Probleme habe mit meinen Freunden (weil ich meine Agenda immer noch nach ihm ausrichte und sie vernachlässige), ich musste eine Weiterbildung abbrechen, weil ich dermaßen down bin, und ich habe wieder begonnen mit Alkohol, und zwar ziemlich viel. Inzwischen brauche ich sogar Antidepressiva.
Ich habe das Gefühl, süchtig nach ihm zu sein und alles andere zu vernachlässigen, um nur endlich seine Liebe ganz zu gewinnen. Wie komme ich bloß aus diesem Teufelskreis heraus? Ich habe so Angst, den Kontakt ganz abzubrechen, weil ich ihn nicht verlieren möchte und weil wir auch sehr viele gemeinsame Freunde haben, die ich auch nicht verlieren will.
Herzlich, D. (35)

Die Liebe zu ihm und die Abhängigkeit machen mich kaputt

Ich liebe ihn so sehr, obwohl unsere Beziehung nur noch eine Ruine ist

Hi D.,
ein kluger Psychologe und Paarberater hat mal gesagt: „Wenn es dich kaputt macht, ist es nicht Liebe, sondern Abhängigkeit.“
Für mich als Außenstehende stellt sich eure Kiste ganz klar da: er ist beziehungsunfähig und du bist abhängig. Ihr scheint beide ineinander Kindheitsmuster wachzurufen, unbearbeitete Kindheitsmuster, deshalb kommt ihr nicht voneinander los, aber könnt auch nicht miteinander. Die Muster könnten Zum Beispiel so aussehen: Er hatte einen Elternteil, der ihn mit seiner Liebe erdrückte, der die Grenzen des Kindes nicht respektierte, deshalb hat auch noch der Erwachsene Probleme mit jedem „Liebesobjekt“, das ihm zu nah auf die Pelle rückt. Kann auch sein, dass ihm seine Eltern eine kaputte Beziehung vorlebten, so dass tief in ihm die Angst schlummert: Wenn ich mich auf eine richtige Bindung einlasse, wird´s mir genauso ergehen.
Auf der anderen Seite du. Welche Muster ruft er unbewusst in dir wach? Eine geliebte Bezugsperson, die dir nie die Nähe geschenkt hat, die du dir so sehr gewünscht hast?
Bestätigt er deine tiefsten Befürchtungen, nicht wirklich liebenswert zu sein?
Wie du sicherlich weißt: Viele Menschen haben die Tendenz, unbewusst Kindheitstraumata „nachzustellen“ in dem Versuch, sie zu überwinden. Oder auch alte Muster immer wieder aufleben zu lassen, einfach weil sie so vertraut sind.
Nur in dieser Richtung kann ich dein süchtiges, selbstzerstörerisches Verhalten deuten, was du gegenüber diesem Typ an den Tag legst. Leider kann man es nicht anders nennen. Denn du wirst immer verlieren. Wenn du ihn nicht endlich loslässt und einen radikalen Schlussstrich ziehst, wird die Geschichte dich endgültig kaputt machen.
Um Gottes Willen, grade du, im besten Alter und mit psychologischen Kenntnissen, dir müsste doch klar sein, was die einzige Lösung und Losung für dich sein kann: GIB ES AUF! GIB ES AUF! GIB ES AUF! LASS IHN LOS!

Es gibt vorerst keinen anderen Weg als den Kontakt völlig abzubrechen – wie bei jeder Sucht. Du musst das Suchtmittel völlig aus deinem Dunstkreis schaffen. „Gemeinsame Freunde, die ich auch nicht verlieren will“, was denn? Klingt mir nach einem Vorwand. Du kannst auch ohne ihn den Kontakt zu den Freunden halten, dazu brauchst du ihn doch nicht, du bist doch kein Kind. Wenn sie wirklich Freunde sind, werden sie dir helfen, die Trennung durchzustehen, denn sie kriegen sicher mit, wie schlecht diese Beziehung für dich ist.
Radikaler Schlussstrich auch deswegen, weil er, wenn du dich komplett zurückziehst, sicher wieder verstärkte Bemühungen in deine Richtung machen wird – aber eben genau nur so lang, bis er dich wieder „hat“ – und stößt dich dann wieder weg. Du hast keine Chance.

Apropos Chance – du meinst dazu u.a.:
„Natürlich hätte mir seine Eifersucht klarmachen können, dass er mich eben doch mehr liebte, als er zugab damals. Ich fühle mich heute auch schuldig, diese Zeichen nicht richtig gedeutet zu haben und damit eine große Chance verpasst zu haben.“
Eifersucht (wie auch besitzergreifendes Verhalten) ist KEIN Zeichen für Liebe. Manche Leute sind eifersüchtig, ohne ihren Partner auch nur ein Fitzelchen zu lieben. Es geht um Besitzdenken und die Angst, verletzt (gehörnt, verlassen…) zu werden.
Das ewige Abstandhalten deines Freundes und sein Beharren auf Freiraum sprachen eine viel deutlichere Sprache, wie auch sein schnelles Umschwenken auf andere. Von welcher Chance sprichst du, verdammt noch mal? Von der Chance, dich noch dein Leben lang von ihm verletzen und verarschen zu lassen?

Zum Thema “beziehungsunfähig” bzw Bindungsproblem (auch emotionale Abhängigkeit) und Kindheitstrauma lies bitte folgende Bücher:
Jein!: Bindungsängste erkennen und bewältigen. Hilfe für Betroffene und deren Partner
Entwicklungstrauma heilen: Alte Überlebensstrategien lösen – Selbstregulierung und Beziehungsfähigkeit stärken – Das Neuroaffektive Beziehungsmodell zur Traumaheilung NARM

Das ist, was ich dazu zu sagen habe, auch wenn es dir stellenweise vielleicht nicht gefällt…
Aber ich wünsch dir von Herzen alles Gute
Beatrice Poschenrieder